Gedenktafel

Gedenktafel für Eduard Spranger

Spranger Gedenktafel

Am 2. September 1988 wurde am Institutsgebäude die abgebildete Gedenktafel für den Philosophen und Pädagogen Eduard Spranger, der in diesem Haus gelebt und gewirkt hat, enthüllt. Die Beiträge der Redner, die aus Anlaß der Enthüllung der Gedenktafel gesprochen haben, sind in einem kleinen Sammelband zusammengefasst:

Die Berliner Gedenktafel für Eduard Spranger 1988. Eine Dokumentation.
Herausgegeben von Uwe Henning, Folker Schmidt und Beate Wallek.
Berlin: Freie Universität, 1988. ISBN 3-927474-2

Von diesen Beiträgen wird hier die „Würdigung Eduard Sprangers“ von Hans Merkens (a.a.O., S. 9 - 14) wiedergegeben:  
 

Würdigung Eduard Sprangers

von Hans Merkens

Prof. Dr. Eduard Spranger in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit angemessen zu würdigen, ist nicht möglich. Das hängt zuerst damit zusammen, daß er schon von seiner Herkunft und seinem Bildungsgang her einen Menschentyp verkörperte, den wir heute nur noch vom Hörensagen kennen.

„Als Sohn eines Kaufmanns in Berlin geboren, repräsentierte Spranger selbst eine Jugendepoche und auch ein Universitätszeitalter, als dessen philosophischer und pädagogischer Interpret er durch sein Schaffen zu gelten hat. Das in sich ruhende Bürgertum der preußischen und deutschen Hauptstadt Berlin hat ihn geprägt.“ (Elzer 1970, S. 1108)

Aus einem solchen Geist heraus wird es verständlich, daß der Name Sprangers, ähnlich wie der anderer Universitätslehrer aus dieser Zeit - Dilthey, Litt -, nicht mit einem einzelnen Fach verbunden ist. Entgegen der Tendenz zur Spezialisierung von heute wurde aus einer fundamentalen Bildung des Einzelnen heraus auf Universalität gesetzt. So können Philosophie, Psychologie und Pädagogik Eduard Spranger als Vertreter ihrer Disziplin ansehen, ohne daß er sich in voneinander abgrenzbaren Perioden seines Schaffens nacheinander diesen Disziplinen anschloß. Er äußerte sich vielmehr aus einer geisteswissenschaftlich bestimmten Grundorientierung heraus zu Einzelproblemen, die sich Disziplinen wie der Psychologie oder der Pädagogik zuordnen lassen.

Damit habe ich ein zweites wichtiges Kennzeichen angesprochen: Eduard Spranger war Geisteswissenschaftler. Er arbeitete getreu dieser, wie wir es heute bezeichnen, wissenschaftstheoretischen Denkrichtung. Geisteswissenschaft meint jene Auffassung von Wissenschaft, bei der aus dem Gesamt von Wissenschaften vom Menschen heraus zu Einzelfragen Stellung genommen wird. Erleben und Verstehen bilden die Grundelemente des wissenschaftlichen Arbeitens; die Differenzierung in einzelne Variable und deren anschließende hypothetische Zusammenfügung wird tunlichst vermieden.

„Das geisteswissenschaftliche Denken geht also in der Regel nicht bis in die letzten unterscheidbaren Elemente zurück, sondern ... nimmt den inneren Vorgang gleich als ein sinnbestimmtes Ganzes, das einer Gesamtsituation angehört und von ihr seine Bedeutung empfängt.“ (Spranger 1922, S. 11)

Das geschieht durch Verstehen:

„Verstehen ... heißt geistige Zusammenhänge in der Form objektiv gültiger Erkenntnis als sinnvoll auffassen." (Spranger 1926, S. 3)

Aus diesem Ansatz wird verständlich, warum in der Pädagogik so lange diesem Wissenschaftsverständnis gefolgt wurde: Das Handeln in der Praxis war Gegenstand der Theorie und dadurch der Reflexion erschlossen. Der Anspruch von Theorie ist, über Praxis zu theoretisieren, und eine Trennung von Theorie und Praxis kann nicht auftreten. Spranger hat diesen geisteswissenschaftlichen Ansatz für sich selbst wo weit gefaßt, daß er diejenigen, die bei ihm promovierten, oder deren Habilitation er förderte, nicht in das enge Korsett einer Schule zwängte.

Beim Namen Eduard Spranger fallen auch epochemachende Werke ein, aus denen ich bereits zitierte und die bis heute das Denken und Arbeiten in der Wissenschaft beeinflussen: Zuellererst ist sein Buch „Lebensformen“ (Spranger 1922) zu nennen, in dem er die idealen Grundtypen der Individualität als die des theoretischen, des Ökonomischen, des ästhetischen, des sozialen Menschen und des Machtmenschen beschreibt und sein Ziel so präzisiert:

„Die Hauptabsicht meines Buches könnte ich dahin aussprechen, daß ich mir die Aufgabe gestellt habe, geistige Erscheinungen strukturell richtig sehen zu lehren.“ (S. VII)

Auf diese Weise sollte es in Übereinstimmung mit der geisteswissenschaftlichen Tradition gelingen, daß durch das Verstehen der geistigen Strukturen der Mensch jeweils in seiner seelisch-geistigen Individualität und in seinem praktischen Handeln begriffen wird. Mit dieser Typenbildung hat Spranger eine wesentliche Voraussetzung für die Einlösung des Anspruchs der Pädagogik, Erziehung theoretisch zu reflektieren, geschaffen: Er gab Formen der Erziehungsziele vor, innerhalb derer der einzelne Mensch seine Individualität gewinnen kann.

„In meinen Vorlesungen über die 'Philosophische Grundlegung der Pädagogik' bedeuten die Abschnitte über die Theorie der Bildungsideale ... eine unmittelbare Anwendung der Lebensformen.“ (S.VIII)

Die Versöhnung des gesellschaftlichen Bedarfs an Qualifikationen sowie Werthaltungen mit dem nach Entfaltung der Persönlichkeit bedarf einer solchen Vermittlung. Sie gelang ihm, indem er Werte aufeinander bezog:

„Der objektive Geist mit seinem Gehalt an echten und unechten Werten bedeutet das gesellschaftliche Milieu, die geistige, historisch gewordene Lebensumgebung. Der normative Geist aber bedeutet die kulturethische Direktive ... Die individuelle Seele muß gedacht werden als ein sinnvoller Zusammenhang von Funktionen, in dem verschiedene Wertrichtungen durch die Einheit des Ichbewußtseins aufeinander bezogen sind.“ (S. 17)

Ein anderes Werk, welchem eine weit über die einzelne Disziplin und die Zeit des Entstehens hinausragende Bedeutung zukommt, ist sein Buch „Psychologie des Jugendalters“ (Spranger 1926), ein Versuch, die akademische und bürgerliche Jugendgeneration am Beginn dieses Jahrhunderts zu beschreiben. Abgesehen vom dokumentarischen Wert hat es auch andere angeregt, Jugend umfassend in ihrem Wesen zu beschreiben, ich erinnere nur an Schelsky (Schelsky 1957), der aus der soziologishen Perspektive für die 50er Jahre einen ähnlichen Versuch wagte.

Der Name Eduard Sprangers steht ebenfalls für bildungspolitische Richtungsweisung. Wichtig sind seine Mitarbeit in der Reichsschulkonferenz und der Einfluß, den er dort auf den Erhalt der gymnasialen Lehrerbildung nahm sowie das Beharren auf einer gesonderten Ausbildung der Volksschullehrer. Wir haben heute eine einheitliche, wissenschaftliche Ausbildung für alle Lehrämter geschaffen, die Motive reichten dabei von wissenschaftssystematischen Positionen bis hin zu besoldungsrechtlichen Wünschen. Ob wir mit dieser Entscheidung in den 70er Jahren auch bildungspolitisch die richtige Wahl getroffen haben, will ich nicht entscheiden. Viele Intentionen der Reformpädagogik lassen sich wahrscheinlich eher in ganzheitlich pädagogisch orientierten Formen der Ausbildung als in denen realisieren, die sich mit dem Stand einer einzelnen Wissenschaft, deren Inhalte in der Schule vermittelt werden, verknüpfen, wie das heute der Fall ist.

Den Namen Eduard Sprangers kann man auch als Symbol für die Konsolidierung der jungen neuen Disziplin Pädagogik auf dem Wege zur Wissenschaft betrachten. Er war in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen Mitherausgeber der führenden pädagogischen Zeitschrift „Die Erziehung“ und konnte auf diese Weise die Richtung der Entwicklung etscheidend beeinflussen. Mit anderen gemeinsam hat er es erreicht, daß in der Zeit der Weimarer Republik die wichtigen Lehrstühle an den Universitäten von geisteswissenschaftlich orientierten Pädagogen eingenommen wurden, so daß diese Richtung sich innerhalb der Pädagogik eindeutig als dominant erwies.

Die bisherige Perspektive der Betrachtung reicht allerdings nicht aus, um die Bedeutung Sprangers für die Wissenschaften angemessen zu würdigen, weil sie zu sehr von innen, also aus dem Horizont einer einzelnen Disziplin heraus, erfolgt. Spranger war seit 1925 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, ebenso war er Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und des Ordens Pour le Mérite. Das ist eine Form der Anerkennung des wissenschaftlichen Wirkens, die nur jemand erreichen kann, der im Bekanntheitsgrad die engeren Grenzen seiner Disziplin bzw. Disziplinen überschritten hat und sich im Kreis der weiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit Anerkennung verschafft hat.

Bezogen auf die Geschichte dieses Hauses muß seine Mitgliedschaft in der „Mittwochs-Gesellschaft für wissenschaftliche Unterhaltung“ noch höher bewertet werden, einer Gesellschaft, die am 19. Januar 1863 gegründet worden war und sich praktisch am 26. Juli 1944 aufgelöst hat, weil einige ihrer Mitglieder im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler verhaftet und hingerichtet worden sind und die Gesellschaft in den Ruf gekommen war, daß sich in ihr der Widerstand gegen Hitler mit organisiert hatte (Schilder 1982, S. 11 ff.). In diese Gesellschaft, die satzungsgemäß 16 Mitglieder hatte und der Gelehrte sowie hohe Verwaltungsbeamte angehörten, die in Berlin wohnen mußten, konnte man nur kooptiert werden, indem keines der Mitglieder dagegen stimmte. Die Gesellschaft tagte in 14tätigem Rhythmus im Haus des jeweiligen Referenten. 1934 wurde Spranger Mitglied dieser Gesellschaft, der zu dieser Zeit u.a. Sauerbruch, der preußische Finanzminister Popitz, der Anthropologe und Nationalsozialist Fischer sowie der schon früh von den Nationalsozialisten zu einem Lehrstuhlverzicht an der Berliner Universität gezwungene Historiker Oncken angehörten. Später kamen u.a. der Generaloberst von Beck, mit dem Spranger mehr als nur die Mitgliedschaft in derselben Gesellschaft verband, der Botschafter von Hassel und Heisenberg hinzu. Schon das Nennen der wenigen Namen läßt einerseits die Bedeutung der Mittwochs-Gesellschaft erkennen - Berlin war die Reichshauptstadt und die Berliner Universität die führende im Reich. Sie zeigt aber auch, und der Name Fischer symbolisiert das, daß es zu einfach wäre, sie als Keimzelle des Widerstandes gegen das Naziregime zu bezeichnen. Dennoch wurde in ihr, obwohl es sich um eine Gesellschaft handelte, die sich den geistigen Austausch zum Ziel gesetzt hatte, nach der Machtergreifung Stellung zum neuen Regime bezogen. So ist Spranger bereits 1935 in seinem ersten Vortrag bei der Mittwochs-Gesellschaft mit seiner These auf kritische Distanz zum Nationalsozialismus gegangen, daß die Herrschaft der nationalsozialistischen Ideologie das Ende der Wissenschaft bedeute, und indem er drei Vorbedingungen als Existenzminimum für Wissenschaft benannte:

„Das Existenzminimum der Wissenschaft liegt (a) in dem nie erfüllten Anspruch auf Allgemeingültigkeit für alle mit Einsicht Urteilenden (daher Auseinandersetzung, Diskussion), (b) in der 'selbstlosen' Richtung auf die Sache und ihre Eigengestalt ..., (c) in der Richtung auf die Mannigfaltigkeit und Breite der Erscheinungen, auch wenn sie zufällig hic et nunc nicht verwirklicht sein sollten. Eine Ieologie kann nicht allgemeingültig , nicht selbstlos (objektiv), nicht offen für andere Möglichkeiten sein. Denn sie steht exklusiv im Kampfe ... Wer politische (politisierte) Wissenschaft will, will im Grunde überhaupt nicht Wissenschaft. Denn der Wille zu Macht ist wesensmäßig etwas anderes als der Wille zur Wahrheit.“ (Spranger 1988, S. 29 f.)

Die kritische Distanz Sprangers zum Naziregime wird ebenso in seinem Vortrag vom 31.1.1940 deutlich, den er zum Thema „Volksmoral und ihre Sicherung“ hielt. Nachdem er dargestellt hatte, daß eine solche Volksmoral aus der abendländischen Tradition heraus nur im Christentum verankert sein könnte und das Christentum infolge der historischen Entwicklung diese Position nicht mehr einnehmen könnte, resumierte er:

„Solange solche höheren Kräfte fehlen, stehen wir vor der Gefahr des Nihilismus ... Rücksichtslose Erfolgsgier, Brutalität gegenüber dem Leben, Verlogenheit als planvolle Methode, Verlust des Rechtssinns ('Recht ist, was dem Volke nützt'), Entlastung der Person von Verantwortungen, die ihr kein Mensch abnehmen kann, sind die konkreten Folgeerscheinungen. Erziehung wird Disziplin statt Charakterfestigung.“ (Spranger 1988, S. 60)

Es spricht für den klaren Blick sowie für die analytischen Fähigkeiten von Eduard Spranger, schon frühzeitig bezogen auf Wissenschaft und Volksmoral das Ungenügen und das Verfehlte des nationalsozialistischen Anspruchs erkannt zu haben. Wenn man seine Folgerungen aus dem Sich-Stützen auf die scheinbar so gesunde Volksmoral heute liest, entstehen die Bilder von Gestapo und KZ vor unserem Auge. Er hat unüberlesbar niedergelegt, die Protokolle der Mittwochs-Gesellschaft wurden, wenn ein Band voll war, offiziell der Akademie der Wissenschaften übergeben, wie er das Regime einschätzte. Es versteht sich angesichts dieser Grundposition fast von selbst, daß er nach dem 20. Juli 1944 verhaftet wurde. Aus der Haft wurde er durch Intervention der japanischen Regierung wieder entlassen. Sein Werk ist in Japan sehr positiv rezipiert worden, und schon 1936/37 hatte er in Japan eine Gastprofessur wahrgenommen; eine Entscheidung, die er aus seiner Distanz zum Nationalsozialismus getroffen hatte.

Eduard Spranger in Berlin, das bedeutet aber auch Wohnen in der Fabeckstraße 13 während des Krieges. Das Haus selbst wurde offensichtlich von einem Treffer verschont. Dennoch ging der Krieg nicht spurlos an Spranger vorüber. So schreibt er am 29.6.1944 in einem Brief an Käthe Hadlich:

„Der Angriff am 21. Juni, während ich in der Stadt war, war einer der allerschwersten. Fast die ganze Innenstadt hat gebrannt, manches Gebäude zum dritten oder vierten Mal. Noch heute wird an den Sprengtrichtern gearbeitet. Die Brandwolken waren schwarz wie die Nacht.“ (Sparnger 1978)

Wir können nur hoffen, daß uns künftig solche Erfahrungen erspart bleiben.

Das Anbringen der Gedenktafel möge als mahnendes Zeichen verstanden werden, sich totalitären Strömungen entgegenzustellen, es möge aber auch diejenigen, die in diesem Hause arbeiten, stats daran erinnern, daß sie sich Wissenschaft zur Aufgabe gestellt haben und daß Allgemeingültigkeit, Hingabe an die Sache sowie Offenheit für andere Möglichkeiten die Existenzbedingungen für Wissenschaft sind.

Abschließend möchte ich denjenigen danken, die das Anbringen der Tafel an verschiedenen Stellen gefördert haben: Hier sind die Sparkasse der Stadt Berlin als Finanzier sowie die KPM als Hersteller zu nennen. Initiiert wurde die Anbringung der Berliner Gedenktafel für Eduard Spranger von Uwe Henning; gemeinsam mit Kollegen Folker Schmidt und in enger Zusammenarbeit mit Frau Gregersen und Herrn Bruhn vom Bezirksamt Zehlendorf konnte dieses Vorhaben zur Ehrung Eduard Sprangers dann auch realisiert werden.

Literaturverzeichnis

  • Elzer, H.-M.: Eduard Spranger. In: Pädagogisches Lexikon. Hrsg. v. W. Horney u.a.
    Gütersloh 1970, S. 1108-1114
  • Schelsky, H.: Die skeptische Generation. Frankfurt a.M. 1957.
  • Scholder, K.: Die Mittwochs-Gesellschaft. Berlin 1982.
  • Spranger, E.: Lebensformen. Halle 1922.
  • Spranger, E.: Psychologie des Jugendalters. Leipzig 1926.
  • Spranger, E.: Briefe 1901 - 1963. (Gesammelte Schriften. Bd. VII, Hrsg. v. H. W. Bähr.)
    Tübingen 1978.
  • Spranger, E.: Texte für die Mittwochs-Gesellschaft 1935 - 1944.
    Hrsg. v. U. Henning, F. Schmidt, B. Wallek, München 1988.