Zusammenfassung der 4. Vorlesung

Grundlagen pädagogischer Organisationen und Institutionen

von Hans Merkens

  • V 12109
  • Wintersemester 2005/06
  • Montag: 12.00-14.00 Uhr
  • Beginn: 17.10.2005

Zusammenfassungen der einzelnen Vorlesungen:

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02

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Zusammenfassung der 4. Vorlesung:
Rahmenbedingungen pädagogischen Handelns: Der institutionelle Kontext

Es soll das Pädagogische im Vordergrund stehen. Auf Sozialisation wird auch geachtet, sie wird aber nicht im Zentrum des Interesses stehen. Dennoch wird mit einer Unterscheidung begonnen, die Geulen, Hurrelmann für die Sozialisation getroffen haben, die nach vier Ebenen differenziert haben:

  • Entwicklung der Individuen
  • Interaktionen und Tätigkeiten
  • Institutionen
  • gesamtgesellschaftliches System.

Ziel aller pädagogischen Bemühungen ist im Kern das Individuum. Wenn man die Grundfigur des Lehr-, Lernverhältnisses heranzieht, vollziehen sich die entsprechenden Tätigkeiten in Interaktionen. Diese Interaktionen sind aber im Gegensatz zur Sozialisation mit Absicht inszeniert, also der Absicht zu erziehen, zu unterrichten, zu beraten, zu helfen oder zu bewerten und zu beurteilen. Rahmenbedingungen können auch nicht gewollte Effekte haben, das ist dann Sozialisation. Solche Effekte sind oft untersucht und dargestellt worden: Sie zeigen sich bei Interaktionsanalysen aber auch in der Figur der totalen Institution.

Sozialisation finden in Institutionen durch die jeweilige Institution statt. Hier interessiert vor allem welche Bedeutung ihnen im Kontext des Pädagogischen zukommt. Gehlen hat Institutionen als für den Menschen notwendig beschrieben. Institutionen wirken entlastend für den Menschen, weil sie einen Rahmen seines Handels fixieren. Dieser Rahmen kann in unterschiedlichen pädagogischen Institutionen für die Handelnden, auch wenn es eine gewisse Ähnlichkeit im Typ des Handelns über verschiedene Institutionen gibt, jeweils anders ausfallen. Die abstrakte Formulierung Lehr-, Lernverhältnis legt eine große Ähnlichkeit nahe, das konkrete Handeln kann aber in Kindergärten, Grundschulen, Gymnasien oder einer Institution der Weiterbildung jeweils anders ausfallen.

Daneben können in verschiedenen pädagogischen Institutionen auch andere pädagogische Aufgaben typisch sein: In der Erziehungsberatung ist es Beratung, in der Jugendhilfe Hilfe, in der Schule Unterricht usw..

Eine Vereinheitlichung in der Aufgabenerfüllung setzt eine Ähnlichkeit in der Zielsetzung voraus. Das wird in der Pädagogik mit Didaktik bezeichnet. So haben pädagogische Institutionen eine Didaktik. Pädagogische Institutionen sind normativ eingebunden und bedürfen der Legitimation. Diese wird in vielen Fällen vom Kindergarten bis hin zur Jugendhilfe aber auch für die Schule über Gesetze gegeben. In der Weiterbildung gibt es demgegenüber zu diesem Zweck vertragliche Regelungen.

Über die Didaktik der Organisation wird das Handeln in pädagogischen Institutionen fremdbestimmt. Das gilt z.B. für Lehrpläne in der Schule und Studien- bzw. Prüfungsordnungen an Universitäten. Damit werden auch die Lehr-, Lernverhältnisse fremdbestimmt, für die Selbstbestimmung auf der Seite der Lernenden als Ideal angesehen wird.

Der Rahmen, der didaktisch bestimmt ist, legt eine Kontrolle nahe, ob auch entsprechend gehandelt wird. Diese Kontrolle wird häufig als fremdbestimmt und bürokratisch empfunden. Das selbstbestimmte Handeln wird folgerichtig als widersprüchlich zum bürokratischen Rahmen empfunden. Dabei ist von Interesse, dass die Auffassung von Bürokratie, die mit Weber verbunden wird, einen Idealtypus darstellt, also nicht im Sinne einer real existierenden Form entworfen worden ist. Weber ging es vielmehr darum, darzustellen, wie die Bürokratie funktioniert, wenn sie unabhängig von Besonderheiten ihrer Realisation in einzelnen Institutionen prozessiert. Weber hat nicht die Organisation, sondern die Bürokratie beschrieben.

Unter dem Aspekt der Didaktik Institution ist die Frage nach der Differenz der Ziele der Organisation zu denen einzelner oder vieler Mitglieder von Interesse. Damit ist die Frage nach der Selbst- und der Fremdbestimmung eng gekoppelt.

Allgemeiner stellt sich aber die Frage, ob sich nicht auch andere Modelle des Organisierens identifizieren lassen als das Modell der Bürokratie. Dieser Frage wird im weiteren Verlauf der Vorlesung nachgegangen werden. Entscheidend wird dabei unter anderem auch immer wieder die Frage sein, in welchem Verhältnis Fremd- und Selbstbestimmung zueinander stehen, obwohl das nicht das Thema dieser Vorlesung sein wird. Für die pädagogischen Institutionen stellt sich die Frage vor allem dann, wenn es um Qualitätsbestimmung geht. Qualität ist heute ein oft verwendeter Begriff. Dabei lässt sich vor allem zwischen den Zielen - welche Qualität soll eine Leistung haben - und den Prozessen der Erbringung – auf welche Weise wird die Qualität erbracht - unterscheiden.

Fragen zur 4. Vorlesung

  1. Welche Bedeutung hat der Aspekt der Didaktik der Organisation für das Verständnis von pädagogischen Institutionen?
  2. Welche Rolle spielt das Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung bei pädagogischen Institutionen?
  3. Reicht es aus, pädagogische Institutionen als bürokratisch zu qualifizieren? Begründen Sie Ihre Meinung.
  4. Wie kann man das Verhältnis von Organisation und Erziehung für pädagogische Institutionen neu bestimmen?
  5. Wo sehen Sie Bezüge zur Ethik-Diskussion im Rahmen der pädagogischen Institutionentheorie?

Weiterführende Literaturempfehlung zur 4. Vorlesung

  • GEHLEN, A. (1961): Anthropologische Forschung. Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen. rowohlts deutsche enzyklopädie, Bd. 138, Reinbeck: Rowohlt.
  • GEULEN, D., HURRELMANN, K. (1980): Zur Programmatik einer umfassenden Sozialisationstheorie. In: K. HURRELMANN, D. ULICH (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim: Beltz, 51-67.
  • MAYNTZ. R. (1971): Max Webers Idealtypus der Bürokratie und die Organisationssoziologie. In: R. MAYNTZ, (Hrsg.): Bürokratische Organisation. Neue Wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 27, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage, 27-35.

 

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