Zusammenfassung der 10. Vorlesung

Grundlagen pädagogischer Organisationen und Institutionen

von Hans Merkens

  • V 12109
  • Wintersemester 2005/06
  • Montag: 12.00-14.00 Uhr
  • Beginn: 17.10.2005

Zusammenfassungen der einzelnen Vorlesungen:

01

02

03

04

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Zusammenfassung der 10. Vorlesung:
Soziologische Ansätze zu einer Theorie der Institutionen: Symbolischer Interaktionismus

Der symbolische Interaktionismus ist eine Theorie, die in gewisser Weise als Antwort auf das Bürokratie- und funktionalistische Verständnis der Soziologie entstanden ist. Die theoretischen Väter sind einerseits Vertreter des Pragmatismus in den USA - vor allem Mead - und in einer anderen Variante Vertreter der Phänomenologie - vor allem Alfred Schütz - erst Deutschland dann USA. In der Tradition von Alfred Schütz haben Berger/Luckmann „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ verfasst. Sie gehen dabei davon aus, dass Menschen auf der Basis von Typisierungen handeln. D.h. die Handlung erfolgt auf der Basis von Bedeutungen, die Menschen einer bestimmten Situation geben. Soll das Handeln zwischen verschiedenen Menschen abgestimmt erfolgen, so bedarf es reziproker Typisierungen.

Reziproke Typisierungen werden wiederum über Objektivationen (Sprache, Normen, Symbole) verfestigt. Es entsteht eine symbolische Ordnung. In dieser symbolischen Ordnung bilden sich Habitualisierungen aus. Verschiedene Habitualisierungen, die auf Dauer bestehen, sind Grundmerkmale von Institutionalisierungen. Die Institutionalisierungen, die zu Institutionen werden, führen ein Eigenleben. Von Neueintretenden werden Anpassungsleistungen erwartet. Insoweit erscheint die Institution zunächst fremd. Man muss sie kennen lernen. Menschen müssen sich an sie anpassen. Das ist wiederum eine Variante des Rollenkonzeptes. Rollen entstehen auf der Basis eines gemeinsam geteilten Wissensvorrates und überdauern auch auf dieser Basis. Neueintretende fühlen sich in Institutionen kontrolliert, weil z.B. überwacht wird, ob und wie sie sich anpassen. Über die Fremdheit der Institution und die geforderte Anpassungsleistung konstituiert sich, auf der Seite der Institution, Kontrolle.

Wie bedeutsam Rollen sind, hat man beispielsweise in den neuen Bundesländern – nach der Vereinigung – in den Schulen bemerken können. Lehrer und Schüler haben in ihren Rollen überlebt und es ist zu keinerlei Konflikten derart gekommen, dass Lehrkräfte in ihrer Autorität in Zweifel gezogen wurden, weil sie auch schon Lehrkräfte in der DDR gewesen waren. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Rollen nicht nur bezogen auf die Institution ausgebildet werden, sondern dass es gerade im Rahmen pädagogischer Institutionen ein Allerweltswissen gibt, in dem Erwartungen an Rollen wie die Erzieherin, die Lehrerin etc. kondensiert sind. Für den symbolischen Interaktionismus ist allerdings wichtig, dass die Rolle nicht nur als Hülse betrachtet wird, der sich Personen anpassen müssen, sondern dass es sich um ein Verhältnis handelt, in dem sich Distanz des Einzelnen zu seiner Rolle ausbilden kann. Rollen sind nicht immer eindeutig, sondern haben zumindest auch mehrdeutige Aspekte. In pädagogischen Institutionen ist dies wichtig. Weder Schülerinnen und Schüler noch Lehrerinnen und Lehrer verhalten sich jeweils konkret nach einem einheitlichen Muster. Die Abweichungen, welche sich konkret zeigen, von der Schulverweigerung über das Schulschwänzen bis hin zur uninteressierten Teilnahme und zum aktiven Mitwirken, sowie bei den Lehrkräften (vom Leiden unter dem Burnout-Syndrom bis hin zum Engagement für die Schülerinnen und Schülern) eröffnen ein breites Spektrum unterschiedlicher Verhaltensweisen und damit auch unterschiedlicher Interaktionsmuster. Insoweit kann man mit dem symbolischen Interaktionismus bestimmte konkrete Erscheinungsformen des Handelns in pädagogischen Institutionen besser abbilden als auf der Basis von Parsons.

Eine Spezialform des institutionellen Handelns ist die sogenannte totale Institution. Goffman hat als Beispiele für totale Institutionen psychiatrische Anstalten und Gefängnisse benannt. Beide Formen sind dadurch gekennzeichnet, dass alle Vorgänge innerhalb der Institutionen unter einer einheitlichen Herrschaft stehen. Arbeit, Freizeit und Rekreation werden von dem selbem Regime beherrscht. Damit wird eine wesentliche Voraussetzung der Identitätsbildung zerstört: die Fähigkeit, sich in unterschiedlichen institutionellen Kontexten zu bewegen, sich in ihnen jeweils anzupassen, darüber verschiedene soziale Identitäten auszubilden und die eigene Identität als Summe verschiedener sozialer Identitäten zu entwickeln und zu erhalten. Vor diesem Hintergrund bezeichnet Goffman totale Institutionen als identitätszerstörend. Jugendgefängnisse, Waisenhäuser und Heime für schwererziehbare Jugendliche stehen vor diesem Hintergrund vor der Herausforderung, die Identität zu erhalten.

Fragen zum Kapitel 10:

  1. Schildern Sie den Zusammenhang von reziproken Typisierungen und Institutionalisierung.
  2. Welche Bedeutung kommt der gemeinsam geteilten Situation unter Berücksichtigung des Allerweltswissens für die Konzeption der Institution zu??
  3. Wie kann man die Fremdheit der Institution mit BERGER, LUCKMANN erklären?
  4. Schildern Sie die Merkmale der totalen Institution sensu GOFFMAN.
  5. Schildern Sie das Verhältnis von Fremdheit und Kontrolle bei pädagogischen Institutionen.
  6. Schildern Sie Differenzen im Verhältnis von Rolle und Institution bei Parsons, Luhmann und Berger, Luckmann.

Weiterführende Literaturempfehlungen zum Kapitel 10:

  • BERGER, P., LUCKMANN, T. (1974): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/M.: Fischer, 4. Auflage.
  • GOFFMAN, E. (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. edition suhrkamp, Bd. 678. Frankfurt: Suhrkamp.
  • PARSONS, T. (1964b): Essays in Sociological Theory. Revised Edition. New York: The Free Press.

 

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