Zusammenfassung der 15. Vorlesung

Grundlagen pädagogischer Organisationen und Institutionen

von Hans Merkens

  • V 12109
  • Wintersemester 2005/06
  • Montag: 12.00-14.00 Uhr
  • Beginn: 17.10.2005

Zusammenfassungen der einzelnen Vorlesungen:

01

02

03

04

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Zusammenfassung der 15. Vorlesung:
Geschlossene und offene Systeme

Als Beispiel für ein geschlossenes System ist bereits der Ansatz von Luhmann vorgestellt worden. Geschlossene Systeme versuchen möglichst wenig Beziehungen zu ihrer Umwelt zu haben und führen die Kommunikation intern durch. Entscheidungen sind ebenso innerhalb des Systems von Bedeutung. Viele pädagogische Institutionen haben in ihrem Selbstverständnis wie geschlossene Systeme operiert. Das beginnt in der Schule auf der Ebene des Unterrichts, wenn Lehrkräfte zwar Lehrpläne einhalten, den Unterricht aber nach Regeln gestalten, die sie für angemessen und vernünftig halten. Das setzt sich fort bei Übergangsempfehlungen in der Schule, wenn vor allem schulintern gewonnene Informationen, wie z.B. Zensuren, als Grundlage für Entscheidungen herangezogen werden und es findet sich auch im Selbstverständnis der Schule, die bei entsprechenden Rückfragen häufig erkennen lässt, dass die Selbstreferenz ein entscheidender Faktor ist. Der Aspekt des geschlossenen Systems ist auch in dem Ansatz enthalten, in dem es darum geht, dass pädagogische Institutionen jeweils eine eigene Didaktik entwickeln. Wenn Kinder neben der Schule auch einen Kinderhort aufsuchen und evtl. ein weiterer Beratungsbedarf besteht, der von Erziehungsberatungsstellen oder anderen Beratungsstellen gedeckt wird, ist im Normalfall zu erwarten, dass die Kinder institutionenspezifisch mit unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungen konfrontiert werden. Eine Abstimmung oder Kooperation zwischen den unterschiedlichen pädagogischen Institutionen findet in diesen Fällen selten statt. Vielmehr ist es häufig so, dass in der Schule erwartet wird, dass bestimmte schulische Anforderungen – Erledigung von Hausaufgaben z.B. – im Kinderhort mitbetreut werden, dass aber im Kinderhort versucht wird – aus der Sichtweise der Erzieherinnen – bestehende Defizite der schulischen Betreuung zu vermindern und eher beispielsweise auf die Unterstützung von Kreativität zu setzen, weil der Glaube besteht, dass diese Kreativität nicht hinreichend gefördert werde. Statt an die Stelle von Kooperation tritt auf diese Weise günstigstenfalls ein Nebeneinander, in vielen Fällen aber ein Gegeneinander. Dies ist deshalb von Interesse, weil die Klientel, die die unterschiedlichen Institutionen aufsucht, häufig aus bildungsfernen Schichten stammt und nun in Bezug auf pädagogische Leistungen bei sich selbst Reaktionen auf unterschiedliche Erwartungen der jeweiligen Institutionen ausbilden muss. Es wird von ihm eine Flexibilität in der Anpassung erwartet und häufig dadurch die Wirkung der als unterstützend konzipierten Maßnahmen verringert.

In einem traditionellen Verständnis arbeiten auch Kindergärten, Kinderkrippen, etc. häufig als geschlossene Systeme. Als paradigmatisch können Jugendgefängnisse, psychiatrische Anstalten und Heime angesehen werden. Am Beispiel von Goffman ist bereits auf die desozialisierende Wirkung der totalen Institution hingewiesen worden. Ein weiteres Beispiel für den Ansatz sind Internatsschulen.

Das Gegenmodell zu den geschlossenen Systemen sind offene Systeme. Als Grundprinzip für offene Systeme kann angesehen werden, dass sie ihre Strategie, Strukturen und auch ihre Handlungen jeweils an von ihnen gesehene Bedingungen in der Umwelt anpassen. Gerade im Bereich der Wirtschaft hat der Ansatz der offenen Systeme viele Anhänger, eine Metapher, die gerne verwendet wird und diesem Ansatz geschuldet ist, ist die von den Kräften des Marktes, die irgendetwas erzwingen würden. Bei pädagogischen Institutionen müssen sich insbesondere Institutionen aus dem Bereich der Weiterbildung häufig am Ansatz der offenen Systeme orientieren, denn sie müssen ihre Angebote an den Erfordernissen potenzieller Nachfrager ausrichten. Aber auch in anderen Institutionen gewinnt der Ansatz der offenen Systeme an Bedeutung. Im Kindergarten kann der sogenannte Situationsansatz hierzu gerechnet werden, in der Schule gibt es Programme, die eine Öffnung der Schule in Richtung Umwelt vorsehen und die als offener Unterricht bzw. offene Curricula bezeichnet werden. Die Fürsorgeheime der Vergangenheit, die klassisch als autarke Systeme in ländlichen Regionen völlig geschlossen operierten, sind in vielen Fällen durch Jugendwohnkollektive ersetzt worden und viele sonderpädagogische Einrichtungen, die im Kern auf eine Separierung von geistig Behinderten z.B. abzielten arbeiten inzwischen mit neuen Formen unter dem Stichwort „Betreutes Wohnen“. Diese Tendenz zum offenen System hin setzt wahrscheinlich ein Personal mit einer besseren Qualifikation voraus und stellt höhere Anforderungen an das Management der Institution, weil Betreuung, Hilfe, Pflege, Fürsorge in den zuletzt genannten Beispielen um systematisch zu nutzende Freiräume für Klienten ergänzt werden muss.

Fragen zum Kapitel 15:

  1. Charakterisieren Sie den Ansatz des geschlossenen Systems.
  2. Charakterisieren Sie den Ansatz des offenen Systems.
  3. Welche pädagogische Institution operiert als geschlossenes System? Geben Sie Gründe dafür an.
  4. Welche pädagogische Institution operiert als offenes System? Geben Sie Gründe hierfür an.
  5. Schildern Sie mindestens zwei Gründe dafür, dass pädagogische Institutionen vermehrt im Sinne offener Systeme arbeiten müssen.

 

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