Cluster of Excellence "Languages of Emotion"

 

 

Wertschätzung – Lernatmosphäre – Leistungsbewertung.
Prozesse der Emotionsregulierung im Schulunterricht

 

Auf der Basis umfangreicher Vorarbeiten, besonders im Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen", soll der Zusammenhang zwischen Prozessen der Regulierung von Emotionen und der Unterrichtsgestaltung untersucht werden. Dabei werden im Rahmen einer pädagogischen Ethnografie die Relationen zwischen der Erziehung zu eigener und wechselseitiger Wertschätzung, der Förderung einer produktiven Lernatmosphäre und den Techniken der Leistungsbewertung fokussiert. Das empirische Untersuchungsfeld bilden die Interaktionen zwischen Lehrerinnen/Lehrern und Schülerinnen/Schülern sowie zwischen den Schülern und Schülerinnen in einer Berliner Grundschule, deren Zustimmung zur Kooperation mit dem beantragten Forschungsprojekt vorliegt.

Die schulische Erziehung steht in einem Spannungsverhältnis zwischen der curricularen Forderung nach Leistungsbewertung und dem pädagogischen Anspruch auf eine persönlichkeitsentfaltende Ausbildung der Heranwachsenden. Da dieser grundsätzliche Widerspruch im Erziehungsauftrag nicht aufgelöst, sondern allenfalls ausbalanciert werden kann, gewinnt der Begriff der Wertschätzung an dieser Schnittstelle seine grundlegende Bedeutung. Dabei wird schon in Luhmanns Begriff des institutionellen Selektionscodes deutlich, dass Lehrer wie Schüler explizite und implizite Kriterien zur Fremd- und Selbstbewertung erzeugen, die sich in dualistischen Differenzsetzungen zwischen gut/schlecht, sozial/unsozial, beliebt/unbeliebt manifestieren können (Luhmann 2004: 32 – 34; auch Petillon 1993; 2007). Diese Differenzsetzungen gehen weit über die Bewertung schulischer Leistungen hinaus und reichen bis hin zu Charakter- bzw. Persönlichkeitszuschreibungen. Daher stellt sich die Frage, wie Praktiken eigener und gegenseitiger Wertschätzung die Entwicklung (einer produktiven Lernatmosphäre beeinflussen und zur Bearbeitung der Differenzsetzungen im Unterrichtsprozess beitragen, die von schulischen Leistungsbewertungen ausgehen.

Herausgearbeitet werden soll, dass die Ausprägung eigener und gegenseitiger Wertschätzung ein wesentliches Merkmal schulischer Erziehung darstellt. Denn hierbei geht es nicht nur um den Erwerb von Handlungskompetenzen der Schüler (im Sinne sozialer Kompetenz), sondern auch um die Vorbildfunktion und emotionale Handlungskompetenz des Lehrers, die bisher kaum Beachtung im erziehungswissenschaftlichen Diskurs findet. Die Anerkennung pädagogischer Autorität und damit die Ausgestaltung des Unterrichtsprozesses sind nicht unwesentlich an performative Praktiken gebunden, die Wertschätzung ausdrücken. Innerhalb architektonischer Settings, dinglich-materieller Lernarrangements und über sprachliche, stimmliche, mimische und gestische Interaktionen werden dabei machtvolle Handlungsspiele aufgeführt, die einen Code der Wertschätzung generieren.

An neuralgischen Punkten des Übergangs zwischen verschiedenen Unterrichtsformen sowie entlang schulspezifischer Evaluierungstechniken werden Interaktionsszenen ausgewählt und interpretiert. Darüber hinaus werden die ausgewählten Szenen klassen-, lerngruppen-, schüler- und lehrerspezifisch verglichen. Dieser Vergleich wird eine Verallgemeinerung der empirischen Ergebnisse hinsichtlich der Frage ermöglichen, wie das mimetische Vermögen zur eigenen und gegenseitigen Wertschätzung in der Institution Schule genutzt, modifiziert und reguliert wird.

 

Projektleitung:

Univ.-Prof. Dr. Christoph Wulf

 

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:

Martin Bittner, Dipl.-Päd.

Dr. Iris Clemens

Dr. Ingrid Kellermann

 

Studentischer Mitarbeiter:

Urs Kübler (ehemalig)

-beendet-

 


 

Das Glück in der Familie.
Ethnographische Studien in Deutschland und Japan

Gemeinsames Projekt der beiden Clusters of Excellence
der Freien Universität Berlin ( "Languages of Emotion")
und der Kyoto University ("Risk and Happiness")

 

Das Projekt untersucht die Konstruktion von Glück in einem interkulturellen Vergleich zwischen Deutschland und Japan. Ausgehend von den Thesen, dass Emotionen in der performativen Umsetzung vielfältige Prägungen erhalten (kulturelle, institutionelle, gemeinschaftliche, individuelle etc.), und dass Emotionsverhalten sich nicht nur in individuellen Gesten und im Körperverhalten, sondern auch in der Dramaturgie der Inszenierungen sozialer Interaktionen, insbesondere in rituellen Aufführungen verdichtet, liegt der Fokus der ethnographischen Studie auf den diversen (rituellen) Praktiken des Glücks in zwei pädagogisch relevanten Sozialisationsfeldern Familie und Schule. Durchgeführt wird diese Studie durch drei deutsch-japanische Teams in drei deutschen und drei japanischen Familien sowie in einer Berliner und einer Kyotoer Grundschule; in Deutschland wird das Weihnachtsfest, in Japan das Neujahrsfest Gegenstand der Studie. Während der jeweiligen Familienfeste wird bei diesen Familien untersucht, welches Glück sie in ihren Festen erwarten, wie die Mitglieder der Familie familiales Glück inszenieren, welche Situationen familialen Glücks sie durch ihr soziales Handeln schaffen und wie sie schließlich Glück erfahren. In einer Fallstudie soll präzise herausgearbeitet werden, welche Interaktionen die verschiedenen Familienmitglieder vollziehen und welche Glückseffekte diese auf der sozialen sowie auf der persönlichen Ebene haben. Sodann werden Glückserfahrungen und Glücksvorstellungen von Kindern in zwei Grundschulen in Kyoto und Berlin mit den jeweiligen deutsch-japanischen Teams untersucht. Im Mittelpunkt steht hier, wie Kinder Glück z.B. im gemeinsamen Handeln mit Freunden, in gelingender unterrichtlicher Kooperation und bei Anerkennung durch Mitschüler und Lehrerinnen erfahren. In methodischer Hinsicht werden u.a. (videogestützte) teilnehmende Beobachtung, Fragebögen, Werkanalysen, leitfadengestützte Interviews und Gruppendiskussionen verwendet. Darauf erfolgen eine Triangulation der Methoden und eine Validierung in den einzelnen Teams und im Gesamtteam. Forschungsinteresse der Studie ist es, die performative Dynamik emotionalen Ausdrucksverhaltens des Glücks in zwei unterschiedlichen Institutionen und Kulturen zu erfassen, um somit Semantiken sowie Erscheinungsformen und -prozesse von Glück vergleichend herausarbeiten zu können.

 

Leitung:

Univ.-Prof. Dr. Christoph Wulf (Freie Universität Berlin),

Univ.-Prof. Dr. Shoko Suzuki (Kyoto University)

 

Mitarbeitende:

Univ.-Prof. Dr. Jörg Zirfas (Universität Erlangen-Nürnberg)

Dr. Ingrid Kellermann (Freie Universität Berlin)

Dr. Fumio Ono (Kyoto University)

Yoshitaka Inoue

Nanae Takenaka