Wahlpflichtfach Berufliche Entwicklung

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Gegenstand

Für den Gegenstands- und Forschungsbereich, um den es hier geht, existieren unterschiedliche Bezeichnungen. Psychologen/innen sprechen häufig von "beruflicher Entwicklung" oder auch von "Arbeitsbiographie und Persönlichkeitsentwicklung", Soziologen/innen dagegen von "beruflicher Sozialisation". Gemeint sind damit gleichermaßen Prozesse der Entwicklung von Unterschieden in der Persönlichkeit und Identität Erwachsener in Wechselwirkung mit (d.h. als Folge und als Ursache von) unterschiedlichen Arbeitstätigkeiten und Berufsverläufen.

Die erste und engere Definition bedarf einiger Erweiterungen. Da sich Aspekte von Persönlichkeit und Identität anders als bestimmte spezifische Kompetenzen oder Einstellungen (wie z.B. Arbeitszufriedenheit) zumeist nicht völlig isoliert auf Erwerbsarbeit beziehen und sich bereichsübergreifend entwickeln, gehören auch Bezüge zwischen dem beruflichen und dem privaten Lebensstrang zum Gegenstandsbereich. Weiter können Entwicklungs- bzw. Sozialisationsprozesse vor und nach dem Erwerbsleben oder in Phasen ohne Erwerbstätigkeit als Gegenstände von Forschung in diesem Bereich gelten, sofern ihre Untersuchung Aufschlüsse über berufliche Entwicklung im engeren Sinne verspricht.

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Geschichte

Die Forschung zur beruflichen Entwicklung bzw. Sozialisation befindet sich erst in einem Anfangsstadium. Es erscheint jedoch angebracht, auf einige Gründe für das Fehlen einer längeren Tradition hinzuweisen. Damit ergibt sich zugleich eine Verortung dieses Forschungsbereiches im Schnittpunkt unterschiedlicher (Sub-) Disziplinen:

In der Entwicklungspsychologie betrachtete man Kindheit und Jugend lange als die wichtigsten Entwicklungsphasen. In der Persönlichkeitspsychologie dominierte dagegen die psychometrische Beschreibung Erwachsener, wobei das Augenmerk besonders auf stabilen, bereits ausgebildeten Ausprägungen einzelner Persönlichkeitsmerkmale lag.

Dementsprechend stand auch in der Arbeits- und Organisationspsychologie die Erfassung von Persönlichkeitsunterschieden vor allem im Dienste einer Selektion von Personen mit ganz bestimmten, als stabil geltenden Merkmalen für dazu "passende" Arbeitsplätze und Berufspositionen. Die Annahme, dass sich Erwachsene auch im Erwerbsleben noch maßgeblich in ihrer Persönlichkeit verändern können, gewann demgegenüber erst seit den siebziger Jahren an Bedeutung. Innerhalb der Arbeits- und Organisationspsychologie lag sie allen Forderungen nach Humanisierung oder "Persönlichkeitsförderlichkeit" von Arbeit sowie darauf basierenden neueren Verfahren zur Arbeitsgestaltung zugrunde. Parallel dazu wurde dieselbe Annahme im Rahmen einer an der gesamten Lebensspanne sowie an konkreten Lebenskontexten orientierten Entwicklungspsychologie leitend.

Neben diesen Trends in der Psychologie entstand schließlich in der Soziologie eine berufliche Sozialisationsforschung. Erste Längsschnittstudien zur Persönlichkeitsentwicklung im Beruf wurden in den USA dann auch von Soziologen/innen initiiert, und im deutschen Raum entwickelten sich empirische Traditionen zu bestimmten Themen (z.B. die sogenannten Lehrlingsstudien).

Seit Beginn der achtziger Jahre gibt es einen engeren Austausch zwischen Psychologie und Soziologie, und einige Gruppen von Forscher/innen arbeiten zunehmend interdisziplinär.

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Differenzierung nach Theorien und Modellen

Eine grobe Klassifizierung der theoretischen Konzepte kann wie in der Entwicklungspsychologie am Verhältnis von Person und (Arbeits-) Umwelt und hier speziell bei jenem Grundmodell ansetzen, demzufolge Veränderungen der Person und ihrer Umwelt durch wechselseitige Einflüsse aufeinander bezogen sind.

Auf der Seite der Umwelt lassen sich Arbeitsanforderungen und deren kurzfristige Veränderungen in ihrer Bedeutung für die arbeitende Person z.B. im Rahmen einer arbeitspsychologischen Theorie der Handlungsregulation sowie mithilfe industriesoziologischer Konzepte analysieren. Langfristige Verfestigungen beruflicher Anforderungen und die Ausbildung kontinuierlicher oder diskontinuierlicher Berufsverlaufsmuster können dagegen im Rahmen berufssoziologischer und organisationspsychologischer Ansätze beschrieben werden. Darin geht es beispielsweise um die Auswirkungen von Neuen Technologien und sich verändernden Arbeitsmärkten auf berufsbiographisch bedeutsame Prozesse in unterschiedlichen Institutionen des Beschäftigungssystems (etwa Strategien der Personalplanung in Industriebetrieben oder im Dienstleistungsbereich).Hier kommen besonders jene soziologischen Ansätze in Betracht, die als "subjektorientiert" bezeichnet werden und die in berufsbiographischer Perspektive auch den Einfluss der Individuen auf ihren Berufsverlauf in Rechnung stellen.

Auf der Seite der Person sind entsprechend diejenigen Persönlichkeits- und Identitätskonzeptionen heranzuziehen, die mit dem Grundmodell einer wechselseitigen Beeinflussung von Person und Umwelt vereinbar erscheinen und die ein darauf bezogenes Entwicklungsmodell beinhalten. Solche Persönlichkeitskonzeptionen, die bei subjektiven Interpretationen und Handlungsstrategien angesichts unterschiedlicher Umwelten ansetzen, sind aber erst ansatzweise und nur für einzelne Bereiche von Persönlichkeit entwickelt worden. Ihre weitere theoretische Ausformulierung stellt ein Ziel der Forschung zur beruflichen Entwicklung dar. Ein anderes Ziel der Theoriebildung ist es, den Zusammenhang jener Konzepte zu klären, die sich begrifflich und in ihrem Gegenstandsbereich überschneiden. Das gilt beispielsweise für psychologische und soziologische Konstrukte des Selbstkonzeptes und der Identität oder für Relationen zwischen Ansätzen zum Moral- und Kontrollbewusstsein mit Blick auf dieselben beruflichen Entwicklungsbedingungen.

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Inhaltliche Differenzierung und Anwendung

Auch inhaltliche Differenzierungen können am Modell der Person-Umwelt-Wechselwirkung ansetzen und hier der theoretischen Strukturierung folgen.

Das heißt einerseits, dass man auf der Seite der Umwelt systematisch zwischen Gruppen von Berufen und von Erwerbsbiographien in verschiedenen Segmenten des Arbeitsmarktes unterscheiden kann. Hier gibt es verschiedenartige Formen der institutionellen Regelung von Biographien durch Zertifikate, Berufsbilder und -richtlinien usw. sowie ein unterschiedliches Ausmaß an Veränderung der Qualifikationsprofile im Zuge des Wandels durch Technik und Arbeitsorganisation.

Das heißt andererseits, dass man auf der Seite der Person zwischen psychischen Merkmalen z. B. im kognitiven, im emotional-motivationalen oder im sozialkognitiven Bereich unterscheiden kann. Beide Differenzierungsaspekte lassen sich in der Forschung sinnvoll aufeinander beziehen, indem man einerseits ausgehend von Unterschieden in Erwerbsbiographien und deren Wandel nach entsprechend komplexen, sich wandelnden Konstellationen in der Persönlichkeitsstruktur (als deren Ursache und Folge) und andererseits ausgehend von spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen nach deren spezifischen berufsbiographischen Ursachenfaktoren und Folgen fragt.

Diese von ihren Ausgangspunkten her unterschiedlichen, aber kombinierbaren Forschungsstrategien finden ihre Entsprechung in der psychologischen Praxis: Aus Forschung im Sinne beider Strategien können einerseits Handlungsanweisungen zur Umweltmodifikation, d.h. für eine persönlichkeitsfördernde Gestaltung von Arbeitsplätzen und Berufsbiographien und andererseits präventive sowie interventive Maßnahmen zu Modifikation von Personen im Sinne einer Bewältigung ihres Arbeitslebens abgeleitet werden.

Das Anwendungsfeld dieser Forschung erstreckt sich also nicht auf eine Berufseignungsdiagnostik zur Personalselektion, sondern auf berufliche Entwicklungsdiagnostik, Entwicklungsberatung sowie auf langfristig angelegte Qualifikationsmaßnahmen zur Förderung der beruflichen Handlungsfähigkeit.

Ein besonders wichtiger Differenzierungsaspekt ergibt sich schließlich in Bezug auf geschlechtsspezifische Berufsverläufe: Hier gilt es, Entwicklungs- bzw. Sozialisationsprozesse von Frauen, die mit deren spezifischen Arbeitsbiographien (auch solchen ohne institutionell geregelte Erwerbsarbeit) sowie mit besonderen Problemen einer Abstimmung der Lebenssphären zusammenhängen, in ihrer Eigenart und im Vergleich zur beruflichen Entwicklung bei Männern herauszuarbeiten.

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