Lange Nacht der Wissenschaften

Psychophysiologische Bedeutsamkeitsdiagnostik

Demonstrationsexperiment „Lügendetektion“ bei der Langen Nacht der Wissenschaften seit 2004

Einleitung

Umweltinformationen können in verschiedenen Situationen unterschiedliche Bedeutungen haben. So kann ein Reiz biologische Bedeutsamkeit haben, wenn er z.B. bedrohlich erscheint oder Hinweise auf Nahrung enthält. Auch sind bisher unbekannte Reize allein aufgrund ihrer Neuheit für den Organismus von Bedeutung, hier müssen eine potentielle Bedrohung oder ein möglicher Nutzen zunächst beurteilt werden. Ebenso wie neuartige Reize in ihrem jeweiligen Kontext bedeutsam sind, kann auch ein in der Vergangenheit besonders gut verarbeiteter Reiz Bedeutsamkeit tragen. Dieses ist dabei erfahrungsabhängig, d.h. der Reiz ist aufgrund individueller Erfahrungen in der Vergangenheit persönlich relevant geworden. Somit sind für verschiedene Personen unterschiedliche Reize bedeutsam und auch von unterschiedlicher Verhaltensrelevanz. In allen diesen Fällen beinhaltet das Reizgeschehen eine Handlungsimplikation für den Organismus, d.h. auf den Reiz hin werden adäquate Handlungen vorbereitet. Diese Handlungsimplikation zeigt sich u. a. darin, dass auf die Darbietung eines bedeutsamen Ereignisses in der Umwelt im Organismus eine emotional-autonome Reaktion ausgelöst wird. Im Experiment soll nun ein Objekt bedeutsam gemacht werden, indem eine Versuchsperson es aus einer Gruppe von Objekten auswählt und gut einprägt. Anschließend werden mit Hilfe des Polygraphen (Lügendetektors) die körperlichen Reaktionen bei der Konfrontation mit dem gewählten und den anderen Objekten gemessen. Anhand der Ergebnisse sollte bestimmt werden können, welches Objekt gewählt wurde.

Experiment

Die Aufgabe der Versuchsperson ist es, aus fünf Büchern eines auszuwählen und sich die Merkmale gut einzuprägen. Nachdem die Entscheidung getroffen wurde, trägt der Proband die Merkmale des gewählten Buches in eine Liste ein. Anschließend wird der Proband an den Polygraphen angeschlossen. Danach werden in einer Befragung die Merkmale und die jeweiligen Antwortalternativen vom Tonband vorgespielt. Zuerst kommt dabei ein bestimmtes Merkmal des Buches in Frageform (z.B. „Welche Farbe hat der Einband des Buches?“). Auf diese Frage wird noch nicht geantwortet. Danach werden dann die einzelnen Antwortmöglichkeiten (rot, gelb, blau etc.) abgefragt. Der Proband antwortet dabei jedes Mal mit „nein“. Bei den Merkmalen des ausgewählten Buches muss somit „gelogen“ werden.

Methode

Die äußeren Schichten der Epidermis sind wesentlich an der  Flüssigkeitsabgabe an die Hautoberfläche beteiligt. Die untere Epidermisschicht dient der Neubildung von Hautzellen. Diese wandern, während sie zunehmend verhornen, in die äußeren Schichten. Die Epidermis bildet also einen nach außen immer trockener und dichter werdenden Zellverband. Bei einer (z.B. emotionalen) Schwitzreaktion kommt es nun zu einer Durchfeuchtung und damit zu einem Anstieg der elektrischen Leitfähigkeit. Der Ursprung für sympathische Aktivität, die letztendlich die Hautleitfähigkeit beeinflusst, liegt im Nucleus paraventricularis im Hypothalamus. Dem übergeordnet ist das limbische System, welches im Wesentlichen für emotionale Informationsverarbeitung zuständig ist und so den Informationen ihre Bedeutsamkeit verleiht. Weitere Kontrollsysteme für die Auslösung emotional-autonomer Reaktionen liegen in der Formatio reticularis im Hirnstamm und in Teilen der Großhirnrinde, dem präfrontalen und orbitofrontalen Kortex. Diese Bewertungssysteme entscheiden, auf welche Reize eine Reaktion erfolgt. Von der Messapparatur wird kontinuierlich die Veränderung der Hautleitfähigkeit aufgezeichnet. Indikatoren der Hautleitwertserhöhung sind die Amplitude, sowie Zeitmaße wie z.B. Latenz, Anstiegszeit und die Erholungszeit. Liegt der Fußpunkt zwischen 1 und 3 Sekunden nach  Reizdarbietung, so wird die Hautleitfähigkeitsreaktion als reizbezogen interpretiert. Die Höhe der Amplitude kennzeichnet dabei das Ausmaß der Aktivierung des Organismus, das auf den Reiz zurückzuführen ist.

Diskussion

Lügen sollen richtig als solche erkannt werden. Wahre Aussagen müssen ebenfalls richtig als wahr beurteilt werden. Bei beiden Kategorisierungen können jedoch Fehler auftreten. Im Experiment sollte die Versuchsperson kooperativ sein. Verschiedene Strategien (weghören bei den Fragen, fehlendes einprägen der Merkmale o. ä.) können zu einer erhöhten Fehlerrate führen. Die Ergebnisse aus experimentellen Umgebungen lassen sich somit nur schwer auf die Realität übertragen.

Pressestimmen
Der Tagesspiegel vom 14.06.2004: Apropos Tätersuche. Funktioniert so ein Lügendetektor eigentlich? Kann man jemand der Unwahrheit überführen? Lars Michael, Wissenschaftler im Arbeitsbereich Kognitive Neuropsychologie der Freien Universität,verblüfft das Publikum. Er überführt eine Versuchsperson tatsächlich der Schwindelei. Und das geht so: Der junge Mann soll sich aus fünf Büchern eines aussuchen und sich seine Eigenschaften einprägen, Titel, Autor, Einbandfarbe. Danach muss er jede Frage verneinen, auch wenn sie zutrifft („Hat das Buch einen roten Umschlag?“). Der Lügendetektor misst den Hautwiderstand. Der sinkt, wenn der Gefragte besonders ins Schwitzen kommt. Der Psychologe kommt dem Mann auf die Schliche. Denn immer, wenn die Versuchsperson zu „ihrem“ Buch gefragt wird (und schwindeln muss), macht der Zeiger des Lügendetektors einen ganz besonders hohen Ausschlag.
(http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/14.06.2004/1183249.asp)