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Hans Keilson zum 100. Geburtstag
News vom 21.12.2009
Hans Keilson feierte seinen 100. Geburtstag
Dr. h. c. Hans Keilson wurde am 12. Dezember 1909 in Bad Freienwalde an der Oder geboren. Er ist deutschsprachiger Schriftsteller sowie niederländischer Arzt und Psychoanalytiker. Seine Schwester, Dr. Hilde Robinsohn, geborene Keilson, war Regierungsrätin und Advocate und verheiratet mit Prof. Dr. Shaul B. Robinsohn, den Hellmut Becker in das Gründungsteam des Instituts für Bildungsforschung in der Max Planck Gesellschaft (später: Max Planck Institut für Bildungsforschung) berufen hatte. Shaul B. Robinsohn starb 1972 in Berlin. Hilde Robinsohn lebte in Berlin bis 1996 und bereitete im Jahr vor ihrem Tod nach Gesprächen mit Jürgen Zimmer und anderen die Gründung der Shaul B. und Hilde Robinsohn Stiftung vor. Parallel dazu wurde die Gründung der Internationalen Akademie (INA) geplant. Stiftung und Internationale Akademie arbeiten auf der Grundlage ihrer Satzungen eng zusammen. Hans Keilson hat die Gründung der Stiftung und der Internationalen Akademie mit Sympathie und nach Kräften unterstützt.
Die "Neue Rundschau" (120. Jahrgang 2009, Heft 4, S. Fischer Verlag) feiert Hans Keilsons 100. Geburtstag mit Beiträgen von Jörn Jacob Rohwer, Tilman Krause, Gerhard Kurz, Dietrich Detering, David Becker und Ralf Syring.
Leben und Werk von Hans Keilson
Leben
Hans Keilson lebt und arbeitet im niederländischen Bussum nahe Amsterdam. Er wuchs in Deutschland als Sohn eines Textilhändlers auf und veröffentlichte 1933 seinen ersten (autobiografischen) Roman „Das Leben geht weiter“, der 1934 von den Nazis verboten und erst fünfzig Jahre später wieder aufgelegt wurde. Keilson studierte in Berlin von 1928 bis 1934 Medizin. Infolge der für Juden in Deutschland eingeführten Berufsverbote schlug er sich bis zur Emigration 1936 in die Niederlande mit Tätigkeiten als Sportlehrer an jüdischen Privatschulen und als Musiker durch. Nach dem Überfall auf die Niederlande durch deutsche Truppen im Jahr 1940 ging Keilson als Mitglied des niederländischen Widerstandes in den Untergrund. In dieser Zeit entstanden erste Gedichte und die ersten 50 Seiten seines Romans „Der Tod des Widersachers“, der 1959 erschien. Seine Eltern wurden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet [1].
Nach der Befreiung der Niederlande von der deutschen Okkupation wandte sich Hans Keilson seinem Beruf als Mediziner zu. Er behandelte schwer traumatisierte jüdische Waisenkinder und gründete mit anderen Überlebenden „Le Ezrat Ha Jeled“ (Zur Hilfe des Kindes), eine Organisation zur Betreuung jüdischer Waisen. Er nahm mangels Anerkennung seines deutschen Abschlusses erneut das Studium der Medizin auf, das er als Facharzt für Psychiatrie in den 1960ern abschloss. 1979 promovierte er mit der Studie „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern“, einem innovativen Beitrag zur psychoanalytischen Traumaforschung. In eigener Praxis ist er als Psychoanalytiker tätig. Er ist verheiratet mit der Literaturhistorikerin Dr. Marita Keilson-Lauritz (* 1935).
Parallel arbeitet Keilson als Schriftsteller; von 1985 bis 1988 war er Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, seit 2006 ist er Ehrenmitglied. 1996 erhielt er die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur der Universität Kassel und wurde 1999 als korrespondierendes Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Die Universität Bremen verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. 2005 wurden seine gesammelten Schriften in einer zweibändigen Werkausgabe publiziert. 2008 erschien in der "Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis" eine zusammenfassende Studie über sein Leben und Wirken.
Werke (Auswahl)
- Das Leben geht weiter. Eine Jugend in der Zwischenkriegszeit, 1933
- Komödie in Moll, Amsterdam: Querido 1947
- Der Tod des Widersachers, Braunschweig: Westermann 1959
- Sprachwurzellos, Gießen
- Einer Träumenden, Gießen
- Sequentielle Traumatisierung. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden, Gießen 2001 (Psychosozial-Verlag)
- Wohin die Sprache nicht reicht. Vorträge und Essays aus den Jahren 1936–1997, Gießen
- Sieben Sterne, Gießen 2003
- Werke in zwei Bänden, Hrsg. Heinrich Detering, Gerhard Kurz, Frankfurt 2005
- "In der Fremde zuhause", in: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hrsg.): Vergegenwärtigungen des zerstörten jüdischen Erbes. Franz-Rosenzweig-Gastvorlesungen Kassel 1987–1998, Kassel 1997
- Matthias Weichelt, Gespräch mit Hans Keilson. In: Sinn und Form Heft 2/2009, S. 273-276.
Auszeichnungen (Auswahl)
- Silberne Medaille der Federation Internationale de Resistance (FIR)
- Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
- 1999 - Elise M. Hayman-Preis der International Psychoanlytical Association
- 2005 – Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay
- 2007 – Moses-Mendelssohn-Medaille des Moses Mendelssohn Zentrums Potsdam
- 2008 - WELT-Literaturpreis
Quelle: Wikipedia
Ein Geburtstagsbrief von Jürgen Zimmer
Lieber Hans,
diese Zeilen schreibe ich am 12. Dezember 2009 in Berlin, bevor die Hähne krähen: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM 100. GEBURTSTAG! WHOW! Du hast die Schallmauer durchbrochen!
Paul B. Baltes, Nachfolger von Hellmut Becker, hat in seiner Lebenslaufforschung vier Lebensphasen unterschieden: nach den ersten beiden Phasen als dritte die Zeit zwischen 60 und 80 (in der Zeit fühlen sich die meisten Befragten noch eins mit sich selbst), und als vierte die zwischen 80 und 100 (die Befragten finden, dass ihr wacher Geist und ihr Körper etwas auseinanderdriften, was ihnen nicht so recht ist). Die fünfte Zeit hat er vergessen, die von 100 bis 120, und hier müssten wir uns etwas einfallen lassen, was nicht nur die verschlimmbessernde Fortsetzung der vierten Lebensphase in den Blick nimmt, sondern auf neue Qualitäten verweist. Da bist Du nun der Pionier! Was ist diese Qualität? Die Gelassenheit? Die anhaltende Neugierde als Lebenselixier? Die Einstellung 'ich hab noch allerhand vor und deshalb schicke ich den Gevatter weiterhin aufs Wartebänkchen'? Vielleicht schreibst Du ein kleines Buch darüber, oder wir machen ein Interview.
Mein Blumenstrauß besteht aus der Internationalen Akademie und den Schools for Life. Beide Babys wären ohne die Keilson- und Robinsohn'sche Initiative und Beharrlichkeit nicht auf die Welt gekommen. Die Internationale Akademie hat mit inzwischen 17 Instituten & Arbeitsbereichen sowie etwa 150 festen und freien Mitarbeitern eine erstaunliche Entwicklung genommen. Sie wurde erstens zu einem produktiven Fluchtpunkt für eine neue Art von Migranten: für Wissenschaftler, deren Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte sich in platzerheischenden Mainstream-Wechseln der Fakultäten nicht so recht wiederfinden; unsere Vielfalt wächst damit auch infolge universitärer Monokulturen. Und sie wurde zweitens zum erfindungsreichen 'brooding ground' für – von Dir her gesehen – Junioren aus der zweiten und dritten Baltes'schen Phase.
Die beiden ersten Schools for Life in Thailand sind gewachsen und können sich international sehen lassen. Und von Bali bis Tanzania gibt es Geschwister mit je eigenem Profil. Das Mausgrau von Schulen wollen wir nicht. Das Strukturkonzept der Curriculumentwicklung – wir nennen es den Situationsansatz – von Shaul gilt immer noch, und insofern sind die Spuren allgegenwärtig. Würdest Du unsere Kinder erleben und um die Pakete wissen, die sie aus der Vergangenheit mitbringen, würdest Du sehen, dass Deine Theorie auch an fernem Ort stimmt. Die meisten Kinder sind sequentiell traumatisiert. Und was wir versuchen, ist ähnlich dem, was Du in Deinem Leben praktizierst: dass biographische Katastrophen nicht wie eine Fahne der lebenslangen Stigmatisierung vor sich hergetragen werden, sondern man sie – im weitesten Sinne – in Gold verwandeln kann. Dazu gilt es die Widerstandskraft zu stärken, die viele Kinder in ganz erstaunlicher Weise schon mitbringen.
Inzwischen dürften die Hähne in Bukow oder an anderen Peripherien Berlins aufgewacht sein. Bei mir ist es nicht 5:30 in der Früh, sondern sechs Stunden später. Ich bin dieser Tage aus Thailand in Berlin angekommen und lebe in zwei Zeiten.
Liebe Marita, lieber Hans, ich wünsche Euch einen wunderschönen Tag, hoffe auf ein Wiedersehen und schicke Euch viele liebe und herzliche Grüße
Euer Jürgen




