Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie


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Home » Projekte » Elternforschungsgruppen nach französischem Vorbild » Elternforschungsgruppen nach französichem Vorbild in Berlin



Elternforschungsgruppen nach französichem Vorbild in Berlin

2005 begann der Verein ACEPP (Association Collectifs Enfants Parents et Professionnels), der bereits langjährig als nationaler Dachverband von Eltern-Kind-Initiativ-Krippen in ganz Frankreich tätig ist, die ersten Gruppen unter dem Namen UPP - UNIVERSITES POPULAIRES DE PARENTS aufzubauen.

Nach dem Vorbild dieser "Elternvolksuniversitäten" bauten die RAA Berlin und die INA in Kooperation mit dem Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg ab 2008 Elternforschungsgruppen in Berlin-Kreuzberg und Schöneberg.

Elternforschungsgruppen bestehen aus professionell moderierten Gruppen von Eltern, die mit Unterstützung von Sozialwissenschaftler/innen 2 -3 Jahre lang kontinuierlich arbeiten und Fragen zum Thema „Elternsein hier und heute“ nachgehen. Der Name soll deutlich machen, dass die Eltern selbst forschen und nicht als Kursteilnehmer/innen mit vorgefertigtem Wissen versorgt werden.

Den Eltern soll mit dem Projekt ermöglicht werden, ihren Standpunkt, ihre «Perspektive» als Eltern zu verdeutlichen und zu qualifizieren, um sich damit in die aktuelle Debatte über Elternschaft, die wesentlich von Experten und von Politikern geführt wird, einzumischen und somit die vorherrschende Meinung über (das Versagen der) Eltern in den so genannten sozialen Brennpunkten zu ändern.

Ziel der Gruppen ist es, die Praxiskompetenz von engagierten Eltern zu nutzen, um ihre Sicht auf Probleme des Elternseins und der gesellschaftlichen Einbettung zu entwickeln. Die dabei erarbeiteten Ergebnisse sollen zugleich auch für andere Eltern nützlich und verständlich sein. Möglicherweise sind Eltern im Kiez auch eher bereit, die von anderen Eltern erforschten Themen zu diskutieren und wieder in ihre Praxis einfließen zu lassen, weil sie wissen, dass diese in einer ähnlichen Lage wie sie selbst sind oder einmal waren. Es soll somit ein Lernprozess in der jeweiligen Kommune installiert werden, der individuelle und kollektive Identitäten der Beteiligten entwickeln und bereichern hilft.

Eltern diskutieren auf der Grundlage ihrer Reflexionsprozesse mit Politiker/innen, Lehrer/innen und anderen pädagogischen Fachkräften, sowie wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen von Universitäten und Fachhochschulen über ihre Themen und ihre Forschungsergebnisse und nehmen direkten Einfluss auf die Politik, das Bildungssystem und die öffentliche Meinung.

Der mehrperspektivische Zugang zu Fragestellungen ("croisement du savoir") rund um das Elternsein heute zielt auf die gesellschaftliche Dimension der je individuellen Handlungsfähigkeit und Lebenslage, in der Menschen mit unterschiedlichen soziokulturellen Hintergründen, Bildungs- und Migrationsgeschichten gemeinsam bzw. arbeitsteilig Kinder erziehen.

Auch die „Wissenschaft“ soll sich auf neue Weise den Eltern nähern, nämlich nicht als den zu beforschenden Objekten, sondern als den Subjekten, die selbst forschen und dabei die Kompetenz und das Know-how wissenschaftlichen Herangehens zur Unterstützung brauchen. Es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaftler/innen, die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken, sondern die Eltern darin zu unterstützen, ihre Perspektiven, ihre Erfahrungen als Eltern auf reflektierte und fundierte Weise kommunizierbar zu machen.

Andere Dialogpartner/innen der Eltern, die in diesen Prozess des Community Learning involviert sind, also Erzieher/innen, Lehrer/innen, Sozialarbeiter/innen etc., sollen ebenfalls angeregt werden, ihre eigene Praxis der Zusammenarbeit mit oder Unterstützung von Eltern zu überdenken und zu hinterfragen. Es geht darum, den Prozess der Ko-Konstruktion von Kindererziehung im gesellschaftlichen sozialräumlichen Kontext neu zu denken und zu gestalten.

Der Forschungsprozess

In der ersten Etappe werden auf Grundlage individueller Erfahrungen und moderierter Gespräche zwischen Eltern Fragen und Themen gesammelt. Jede Elternforschungsgruppe formuliert daraus in einem intensiven Gruppenprozess ein kollektives Forschungsthema. Die Fragen und Themen betreffen, wie sich zeigte, im Wesentlichen die Schule und den Schul(miss-)erfolg, Diskriminierung von Familien auf Grund von Herkunft und/oder Armut, die (In-)Kohärenz zwischen Eltern und Experten in der Erziehung und Bildung der Kinder und die Schwierigkeit der Vermittlung von Werten.

Auf Grundlage dieser Problematiken hat jede Forschungsgruppe Hypothesen entwickelt und ihre eigene Methode entworfen, welche die universitäre Herangehensweise und die Erwartungen der Eltern berücksichtigt. Jede Elternforschungsgruppe wird von ein bis zwei Moderator/innen geleitet, deren Aufgabe darin besteht, den Zusammenhalt der Gruppe zu gewährleisten, den ganzen Forschungsprozess inhaltlich zu begleiten, Hilfestellungen zu geben, Diskussionen zu moderieren und die Eltern zu Verfahrensfragen zu beraten. Ein/e Wissenschaftler/in berät die Elterngruppe hinsichtlich der "Wissenschaftlichkeit" und des Forschungsdesigns, vermittelt ihnen Methodenkenntnisse und verschafft Zugänge zu Quellen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es sich hierbei um einen innovativen Ansatz zum sozialen Zusammenhalt handelt, der, indem er Eltern als Expert/innen betrachtet, deren Partizipationsmöglichkeiten stärkt und die Öffnung der Institutionen befördert.

Die europäische Dimension

Durch die langjährigen Kooperationsbeziehungen des Jugendamts Friedrichshain-Kreuzberg zur INA (Internationale Akademie an der FU Berlin) und darüber zum DECET (Diversity in Early Childhood Education and Training)-Netzwerk, bestehen enge Kontakte zum französischen Partner ACEPP und weiteren europäischen Partnerorganisationen aus dem Bereich frühkindlicher Erziehung und Bildung, die sich alle mit Vielfalt und Gleichwürdigkeit in gesellschaftlichen Erziehungsprozessen sowie Erziehungspartnerschaften mit Eltern und Qualifizierung von Fachkräften beschäftigen. Das DECET-Netzwerk bildet mit seiner derzeitigen Arbeitsphase und dem Workpack „parents voices“ die Grundlage für die internationale Zusammenarbeit und Übertragung des Modells der Elternvolksuniversitäten nach Deutschland und Belgien.

Im Mai 2008 trugen die „Pioniere“ ACEPPs, d.h. die ersten sechs UPPs ihre Ergebnisse auf einem zentralen Kolloquium in der „Sciences Po Paris“ vor einem Auditorium von 600 interessierten Hörer/innen aus Politik, Wissenschaft, sowie Elternverbänden, etc. vor. Die dargestellten Themen und ihre Bearbeitung durch die Eltern sowie die Effekte auf die Eltern selbst und ihre Familien, ihre Dialogfähigkeit mit Schule und anderen Institutionen, fanden einen solchen Widerhall in ganz Frankreich, dass heute weit über 20 Gruppen im ganzen Land nach diesem Konzept arbeiten. Das gab auch die Initialzündung für die Initiative in Deutschland und Belgien.

2010 veröffentlichten die französischen Gruppen ein Buch zu ihren bisherigen Ergebnissen und den dazu gehörigen Prozessen. Leider ist dieses Buch bisher nur in Französischer Sprache erhältlich.

Grundtvig-Lernpartnerschaft

Seit 2008 wird das Modell "UPP" im Rahmen des Grundtvig-Programms "Lebenslanges Lernen" in Berlin/Deutschland, sowie in Gent und Brüssel/Belgien adaptiert. Das Programm ermöglichte das aktive Lernen vom Vorreiter ACEPP in Frankreich und bildete die Basis für die Verbreitung des Konzepts. Vier Berliner Gruppen und sechs Gruppen in Flandern bzw. Brüssel wurden gegründet. Der regelmäßige Austausch zwischen den Moderator/innen, Wissenschaftler/innen und Eltern der drei Länder sorgte für Weiterentwicklung, Fortbildung und Auswertung der Projektumsetzung.

Der bisherige Höhepunkt dieser europäischen Zusammenarbeit war ein Kolloquium in Gent im Juni 2010, bei dem über 120 Eltern aus allen drei Ländern ihre Arbeitsprozesse, Themen und Motivationen vor einem großen öffentlichen Fachpublikum präsentierten Alle vier Berliner Gruppen stellten ihre Arbeit vor und wurden inhaltlich und moralisch von ihren Moderator/innen und Wissenschaftlerin, sowie der Bezirksstadträtin für Jugend, Familie und Schule in Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, Monika Herrmann, unterstützt.

Im Herbst 2011 werden die Berliner Gruppen ihre Forschungsarbeit beenden und zum Jahreswechsel ein "Endprodukt" vorweisen können. Dank einer Verlängerung des Grundtvig-Programms bis zum Sommer 2012, konnte ein Seminar für Wissenschaftler/innen im Januar 2011 in Paris stattfinden und es wird neben weiteren Austausch-Treffen von Eltern, Wissenschaftler/innen und Moderator/innen ein internationales Abschluss-Kolloquium im März 2012 in Brüssel geben. Über die Kooperationsbeziehungen im DECET-Netzwerk werden insbesondere die neuen osteuropäischen Partner des Netzwerks ISSA (International Step by Step Association) angesprochen und haben sich bereits in mehreren Workshops über das Konzept informiert. Bei entsprechender Finanzierung könnten Elternforschungen auch in weiteren Ländern Verbreitung finden.

Die Berliner Gruppen in Kooperation mit der ASH

Das gesamte Projekt „Elternforschungsgruppen“ (EFG) ist ein Kooperationsprojekt mit der Alice-Salomon-Hochschule für Soziale Arbeit (ASH) in Berlin, die sich aufgrund ihrer besonderen Ausrichtung auf Theorie-Praxis-Bezüge besonders für diese Kooperation eignet. Im Austausch mit der Hochschule wird der Frage nachgegangen, welches theoretische Verständnis von Forschung dem Projekt zugrunde gelegt werden kann und welche Relevanz diese Arbeit gleichzeitig für die Praxis Sozialer Arbeit hat.

Die beteiligten Eltern sollen durch die wissenschaftliche Vernetzung mit der ASH einen Zugang zu einer Hochschule bekommen und diesen gegebenenfalls für ihre eigene Qualifizierung nutzen können. So werden für die Eltern aus den EFG besondere Informationsveranstaltungen angeboten, die unter anderem auf individuelle Ausbildungsbiografien und Zugangsvoraussetzungen für die Studiengänge der ASH eingehen können. Zum Abschluss des Projektes werden die Eltern ein Zertifikat von der ASH und beteiligten Trägern für die Mitarbeit in der EFG erhalten.

Drei der EFG wurden im Bezirk Kreuzberg und eine im Bezirk Schöneberg (Schöneberger Norden) gegründet. Alle EFG befinden sich in Regionen, in denen ein Quartiersmanagement eingerichtet wurde, weil es sich um Stadtteile handelt, in denen soziale Probleme und Ausschließungsprozesse von Menschen in der Stadtentwicklung drohen.

EFG Wrangelkiez/ Fichtelgebirge-Grundschule

Das Konzept der EFG wurde zuerst im Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg als Pilotprojekt in Deutschland umgesetzt. Der Wrangelkiez ist ein dichtbesiedeltes innerstädtisches Quartier im Südosten Kreuzbergs. Es leben dort 12.164 Einwohner/innen, von denen 46,5% einen Migrationshintergrund haben. Die größte Gruppe der Bewohner nicht-deutscher Staatsangehörigkeit kommt aus der Türkei (46%). Insgesamt beschreibt das QM jedoch große Umstrukturierungsprozesse, die zurzeit im Stadtteil stattfinden.

So hat der Anteil junger Erwachsener mit guten ökonomischen Ressourcen und hoher Bildung stark zugenommen. Dadurch wachsen bei den einkommensschwachen Bevölkerungsteilen Ängste vor Verdrängungsprozessen durch allgemeine Aufwertungsprozesse des Stadtteiles. Es werden bereits Fortzüge festgestellt, die wiederum negative Folgen für gewachsene Strukturen, Nachbarschaftsbeziehungen und informelle Hilfesysteme haben.

Die zahlenmäßig größte Gruppe der Bewohner/innen sind junge Erwachsene von 18-35 Jahren (37%). Der Wrangelkiez ist damit ein „junger“ Stadtteil und es handelt sich hierbei um eine „potentielle neue Elterngeneration“. Im Wrangelkiez gibt es viele Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind und die Transferleistungen beziehen. Dies betrifft insbesondere Kinder unter 15 Jahren von denen 51% Existenzsicherungsleistungen beziehen und damit ein großer Teil der Kinder von Kinderarmut betroffen ist. Viele SchülerInnen haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und damit verschlechtern sich ihre Bildungschancen. Durch den Bildungsverbund „Wrangelkiez macht Schule“ ist es gelungen, dass sich Eltern zunehmend an der Schule engagieren. Sozialraumorientierte Arbeit trifft nach Angaben des QM auf großes Interesse insbesondere bei den Frauen türkischsprachiger Herkunft.

In der Fichtelgebirge-Grundschule bestehen mehrere Gruppen von aktiven Müttern, die verschiedene Formen der Unterstützung von anderen Eltern anbieten und an der Schule über ein Elternzimmer als Treffpunkt verfügen. Aus diesen Gruppen entstand dann die erste Elternforschungsgruppe in Berlin, die auch vom Quartiersmanagement unterstützt und gefördert wird. Es gibt ein Moderator/innenteam, das auch eine zweisprachige türkisch-deutsche Moderation anbietet.

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Stand 18.08.2011

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