Tagung I Meeting

Ausrichter: Hauke Straehler-Pohl  | Nina Bohlmann

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Die Unordnung mathematischer Bildung. (15.01.15 - 17.01.15)

Entwürfe eines gesellschaftspolitisch relevanten Forschungsverständnisses.

Während Mathematik den Ruf einer vollkommen konsistenten und kohärenten Wissenschaft genießt, scheint diese Sichtweise für das Wissensfeld der "mathematischen Bildung" weniger Zustimmung zu genießen. Stattdessen scheint es sich um ein komplexes, manchmal gar widersprüchliches, chaotisches oder "unsauberes" Unterfangen zu handeln. So wie es SchülerInnen ein hohes Maß an eigener und kollektiver Anstrengung abfordert, der Mathematik ihre scheinbar kohärente Ordnung zu verpassen, genauso muss auch die Mathematikdidaktik die Ordnung selbst konstruieren, aus der heraus mathematische Bildung als etwas Sinnhaftes erscheint. Wir haben den Eindruck, dass aus diesem Ordnungsbedürfnis heraus - unter dem Banner der Forderung nach Validität - mathematikdidaktische Forschung der Tendenz unterliegt, ihren Fokus auf dasjenige zu beschränken, was sie "mit Sicherheit" und unangetastet sagen kann. Sie beschränkt sich auf das, was bereits denkbar ist und verliert somit ihren Zugang zu dem, was erst noch denkbar zu machen ist. In der Folge wird das Phänomen "mathematische Bildung" seiner Komplexität beraubt - wir behaupten, dass das "Reale" der mathematischen Bildung sich jedoch genau in den Momenten konstituiert, für die wir noch keine fertigen Worte, noch keine fertigen Gedanken besitzen. Das "Reale" liegt also genau dort, wo mathematische Bildung uns als widersprüchlich, chaotisch oder gar unsauber erscheint. Unter dem Anspruch Aussagen zu treffen, deren Wahrheitsanspruch dem Kriterium der Vailidität genügt, wird Forschung oft prozeduralisiert und technisiert und verliert gleichzeitig mehr und mehr ihre gesellschaftspolitische Relevanz. Zuweilen geht dies so weit, dass mathematikdidaktische Forschung gar ihrer wohl künstlichsten und gleichzeitig verbreitetsten Erfindung zu gleichen scheint: der traditionellen Sachaufgabe. Diesen Trend sehen wir vor allem deshalb als problematisch an, als dass die Prozeduralisierung und Technisierung mathematikdidaktischer Forschung nicht etwa dazu führt, dass die Disziplin ein Bewusstsein für ihre eingeschränkte gesellschaftspolitische Relevanz entwickelt und sich aus entsprechenden Entscheidungsfeldern zurückzieht. Vielmehr scheint es en vogue zu sein, seiner Forschung einen sozio-kulturellen oder gesellschaftspolitischen Anstrich zu verpassen und sich so gesellschaftspolitischen Entscheidungsfeldern als Experte anzubieten. So wird das Politische ent-politisiert, indem die Unordnung - als einziger Garant der Streitbarkeit - hinter einem Phantasma der Ordnung kaschiert wird, welche eine "reine Vernunft" suggeriert, aus der heraus sinnvolle Entscheidungen alternativlos erscheinen.

Die Tagung versammelt 27 WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Ländern. Ein Teil dieser WissenschaftlerInnen hat zukunftsweisende Methodologien entwickelt oder arbeitet zur Zeit an deren Entwicklung, durch die mathematikdidaktische Forschung dem Anspruch nach gesellschaftspolitischer Relevanz gerecht werden kann. Der andere Teil zeichnet sich dadurch aus, eine radikale und re-politisierende Kritik an denjenigen Forschungsansätzen entwickelt zu haben, die gesellschaftspolitische Relevanz für sich beanspruchen. Es ist der Geist dieser Tagung, die entwickelten Ansätze zu teilen, zu diskutieren und anzufechten - kurz: streitbar zu machen - und hierdurch auszuloten, unter welchen Bedingungen sich ein noch denkbar zu machendes Selbstverständnis von gesellschaftspolitisch relevanter mathematikdidaktischer Forschung entwickeln könnte.

Teilnehmer: Nati Adamuz | Jehad Alshwaikh | Melissa Andrade | Peter Appelbaum | Christer Bergsten | Lisa Björklund-Boistrup | Nina Bohlmann | Tony Brown | Ditte Christensen | Liz de Freitas | Uwe Gellert | Eva Jablonka | Maria Johansson | Kenneth Mølbjeg Jørgensen | Gelsa Knijnik  | David Kollosche | Anna Llewellyn | Sverker Lundin | Monica Mesquita | Alexandre Montecino | Candia Morgan | Alexandre Pais | Aldo Parra | Hauke Straehler-Pohl | David Swanson | Paola Valero | David Wagner

The disorder of mathematics education. (01/15/15 - 01/17/15)

Working towards research of social and political relevance

While mathematics has the reputation of being a completely consistent and coherent science, the field of mathematics education rather seems to be a complex, at times contradictory, chaotic or even "messy" endeavour. In the same way that students have to put in a high level of individual and collective effort to create a coherent order around mathematics, mathematics education has to impose an order on the field for it to appear as something meaningful. It is our impression that this supposed necessity of order - guarded in the name of validity or research - often has the tendency to limit the scope of research to what can already be "said safely", restricting itself to the already thinkable and neglecting the yet to be thought. Consequently, the phenomenon “mathematics education” is stripped off of its complexity - however, we claim that the "reality" of mathematics education is constituted of exactly those moments that we cannot yet unambiguously symbolise. Thus, the “reality“ of mathematics education can be found exactly where it appears to be contradictory, chaotic or even "messy". We have the impression, that under the guiding principle of making valid claims, mathematics education research often becomes proceduralised and technicalised and loses more and more of its socio-political relevance. At times, mathematics education even goes as far as resembling one of the most artificial - but at the same time most prevalent - inventions of mathematics education: the word problem.

This development appears particularly problematic since the trend towards proceduralising and technicalising mathematics education research does not seem to lead towards an increase of awareness of its limited socio-political relevance. It rather appears to be en vogue to add a socio-cultural and political flavour to one’s research and hence to offer oneself as an expert in the field of socio-political decision-making. By concealing the disorder (which is the only warrantor for disputability) behind a phantasy of a neat order that suggests "pure reason" out of which wise decisions appear without alternatives, the political dimensions of mathematics education become de-politicized.

This meeting gathers 27 mathematics education researchers from various countries. Some of the researchers have developed or are currently developing cutting-edge methodologies allowing mathematics education research to meet the claim of being socio-political relevant.  The other part of the researchers have produced a radical and re-politicised critique on the kind of research approaches that claim to be socio-political relevant. It is the spirit of this meeting to share, discuss and contest the developed approaches – shortly put: to make them disputatious – and hereby sound out the conditions under which an understanding of socio-political relevant mathematics education research can be developed that is yet to be thought.

Participants: Nati Adamuz | Jehad Alshwaikh | Melissa Andrade | Peter Appelbaum | Christer Bergsten | Lisa Björklund-Boistrup | Nina Bohlmann | Tony Brown | Ditte Christensen | Liz de Freitas | Uwe Gellert | Eva Jablonka | Maria Johansson | Kenneth Mølbjeg Jørgensen | Gelsa Knijnik  | David Kollosche | Anna Llewellyn | Sverker Lundin | Monica Mesquita | Alexandre Montecino | Candia Morgan | Alexandre Pais | Aldo Parra | Hauke Straehler-Pohl | David Swanson | Paola Valero | David Wagner

Dates:

January 2015, 15th - 17th.