Fachübergreifende vs. fachspezifische Hochschuldidaktik? Fachsensibilität in den Workshops von SUPPORT für die Lehre

17.12.2019

Die Frage, wie Lehrqualifizierungsprogramme auf die Vielfalt der Fachkulturen reagieren sollten und ob dabei fachübergreifende oder fachspezifische Angebote besser geeignet sind, stellt ein wiederkehrendes Thema im hochschuldidaktischen Diskurs dar. Im Umgang mit dieser Frage folgt SUPPORT für die Lehre seit 2018 einem Verständnis von Fachsensibilität, wie es sich zuletzt in hochschuldidaktischen Debatten etabliert hat. Dafür wurden in Kooperation mit Instituten und Fachbereichen der Freien Universität einige Workshop-Angebote konzipiert, die gezielt fachspezifische Fragen der Lehre aufgreifen und fachkulturelle Besonderheiten im Verständnis von Wissen, Lehre und Lernen thematisieren.

An der Freien Universität basieren die häufig heterogen zusammengesetzten hochschuldidaktischen Veranstaltungen von SUPPORT für die Lehre auf einem fachübergreifenden Veranstaltungskonzept, dem ein theoretisches, ebenfalls fachübergreifendes Modell der Lehrkompetenz (Leko) zugrunde liegt und empirisch durch einen daraus entwickelten Fragebogen zur Erfassung der Lehrkompetenz flankiert wird. Teilnehmer*innen nehmen in den hochschuldidaktischen Workshops häufig gerade das hier erforderliche Reflektieren über die eigene fachkulturelle Verortung und den Austausch mit anderen Fachbereichen als Mehrwert wahr und gewinnen so einen neuen Blick auf die eigene Lehre. Gleichzeitig entsteht bei vielen Teilnehmenden ein verstärktes Interesse, fachkulturell vielfältige Themen wie Lehrorientierung, Vermittlungsprobleme, Lehrformate oder curriculare Rahmenbedingungen aus fachspezifischer Perspektive weiter zu diskutieren. Im Umgang mit diesen auf den ersten Blick widersprüchlichen Wegen im Umgang mit den Bedürfnissen der Fachkulturen folgt SUPPORT für die Lehre einem Verständnis von Fachsensibilität, wie es sich aktuell in hochschuldidaktischen Debatten etabliert hat. Fachsensibilität bedeutet hiernach, die Fächer in Kontakt miteinander zu bringen und sie dazu anzuregen, Bestandteile ihres Lehrhandelns zu reflektieren und als eine besondere Form wissenschaftlicher Praxis wahrzunehmen, zu erklären und zu überprüfen. Dieses Konzept von Fachsensibilität plädiert dafür, fachspezifische Besonderheiten von Lehren und Lernen wahrzunehmen und als treibende Kraft für die Reflexion und Weiterentwicklung von Lehre zu nutzen.

Davon ausgehend hat SUPPORT für die Lehre in Kooperation mit Instituten und Fachbereichen der Freien Universität einige Workshop-Angebote konzipiert, die gezielt fachspezifische Fragen der Lehre aufgreifen und fachkulturelle Besonderheiten im Verständnis von Wissen, Lehre und Lernen thematisieren. Bei deren Entwicklung waren drei Aspekte besonders von Bedeutung. Erstens sollte der Kontakt mit den Fachbereichen gezielt verstärkt und gemeinsam evaluiert werden, welcher Bedarf an fachspezifischen Themen besteht. Zweitens sollten die Kurse nur von Trainer*innen, die selbst in den entsprechenden Fächern sozialisiert wurden, durchgeführt werden. Durch die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen und das Rekrutieren von Trainer*innen aus dem Fach konnte der konzeptionelle und thematische Aufbau der Workshops bereits in der Vorbereitung gezielt auf die Bedürfnisse der jeweiligen Fächer abgestimmt werden. Ein wichtiger Ausgangspunkt stellte immer die konkrete Lehrpraxis dar und weniger allgemeine Vorstellungen über die entsprechende Fachkultur. Schließlich war drittens wichtig, mit einem fachspezifischen Angebot vor allem die Fächer zu erreichen, deren Lehrende in der Qualifizierung bisher vergleichsweise wenig vertreten waren. Dies traf bis 2018 vor allem auf die naturwissenschaftlichen Fächer sowie auf die Geo- und Rechtswissenschaften zu.

Aus diesem Grund wurden insbesondere für diese Fächer einige fachspezifische Workshops entwickelt. Beispielsweise stellten Prof. Silke Stanzel und Prof. Dr. Elmar Junker in ihrem Workshop Just-in-Time-Teaching (JiTT) und Peer-Instruction (PI) in naturwissenschaftlichen Vorlesungen Lehrenden aktivierende Lehrmethoden vor, mit denen eine bessere Vorbereitung der Studierenden und eine effiziente Nutzung der Lehrveranstaltung in der meist auf Frontalunterricht ausgerichteten Präsenzlehre erzielt werden kann. Die beiden an der Hochschule Rosenheim lehrenden Physikprofessor*innen wurden 2017 für Ihr Lehrkonzept mit dem Ars-Legendi Fakultätspreis Naturwissenschaften für exzellente Hochschullehre ausgezeichnet. Ebenfalls für Lehrende aus den Naturwissenschaften bot Prof. Dr. Christian Kautz (Professor an der TU Hamburg und Fachdidaktiker der Ingenieurwissenschaften) den Workshop Einsatz, Anleitung und Begleitung studentischer Tutor*innen für die naturwissenschaftliche Lehre an. Für Lehrende der Rechtswissenschaften hielt der Workshop Fallbearbeitung lehren und Problemlösekompetenz fördern bei der Rechtsanwältin, Lehrbeauftragten und Fachdidaktikerin Barbara Lange die Möglichkeit bereit, den zielgerichteten Einsatz von Methoden zum Erlernen und Üben der juristischen Fallmethode sowie die Nutzung aktivierender und motivierender Lernformen in Methodenkursen zu reflektieren und zu diskutieren. Für die Geowissenschaften, bei denen die Exkursion ein zentraler Bestandteil des Lehrprogramms darstellt, wurde schließlich ein Workshop zum Thema Exkursionen als Lernorte gestalten (mit Geograph und Hochschuldidaktiker Dr. Frank Meyer, Universität Bayreuth) und damit die Möglichkeit zur Diskussion und Reflexion aktivierender Lehrmethoden im Kontext der Exkursionsdidaktik realisiert.

Darüber hinaus wurden fachspezifische Kurse für Lehrende der Sozial-, Kultur- und Geschichtswissenschaften konzipiert und umgesetzt. Hierzu zählt der Workshop Aktivierende Methoden für die Statistiklehre, der sich speziell an den Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie sowie Politik- und Sozialwissenschaften richtete. Hier zeigte Dr. habil. Malte Persike (damals Akademischer Rat und Wissenschaftler der Psychologie an der Universität Mainz sowie Träger des Ars-Legendi Preises für exzellente Hochschullehre 2012) den Teilnehmenden, wie Präsenzphasen für die Statistikausbildung gestaltet, organisiert und sinnvoll mit digitalen Lernmedien verknüpft werden können. Der Workshop Das Seminar als Denkschule - kritisches Denken anregen und begleiten von der Kulturwissenschaftlerin und Hochschuldidaktikerin Dr. Anja Centeno richtete sich speziell an Lehrende aus den Kultur- und Sozialwissenschaften mit einer fachspezifisch diskursiven Lehrgestaltung. Lehrende des Fachs hatten die Möglichkeit, das Konzept des kritischen Denkens fachbezogen zu explizieren und über dessen Bedeutung für Lernziele und Lehre zu reflektieren. Ein weiterer Workshop zum Forschendes Lernen in den Geschichtswissenschaften bei Prof. Dr. Andreas Bihrer (Universität Kiel) bot Lehrenden die Möglichkeit, Modelle und Formen des Forschenden Lernens kennenzulernen und für das eigene Fach zu reflektieren.

Die projektinitiierten Maßnahmen fachspezifischer Angebote wurden im weiteren Verlauf der Umsetzung durch Workshops erweitert, deren Themen gezielt von Lehrenden angefragt und dementsprechend on demand angeboten und umgesetzt wurden. Für den Workshop Vermittlung kommunikativer Kompetenzen in der Veterinärmedizin – wozu, was und wie? (Dr. Ulrike Sonntag) wurden Themenwünsche und Lernziele in Zusammenarbeit mit Vertretern des Fachbereichs evaluiert und gezielt in die Vorbereitung eingebracht. Durch einen intensiven Austausch zwischen Fachvertreter*innen und der Trainerin im Vorfeld des Workshops entstand ein Angebot, das passgenau auf die fachspezifischen Bedürfnisse zugeschnitten war und von beiden Seiten als sehr gewinnbringend erlebt wurde. Ebenfalls vom Fachbereich Veterinärmedizin angefragt wurde der Workshop Multiple-Choice für Veterinärmediziner: Selektionsfragestellungen didaktisch gut gestalten (Sebastian Walzik). Mit dem Workshop Hochschuldidaktik im Lehramt – Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen Lehre (Dr. Sabine Brendel) wurde auf Anfrage schließlich erstmals auch für Lehrende der Dahlem School of Education (DSE) ein hochschuldidaktisches Angebot realisiert.

Darüber hinaus bietet SUPPORT für die Lehre an, fachspezifische Anliegen und Wünsche in individuellen Beratungsgesprächen zu diskutieren oder zu fachspezifischen Fragen rund um hochschuldidaktische Themen und Probleme etwa im Rahmen eines Tags der Lehre, Fachbereichstreffen zum Thema Best Practice in der Lehre oder bei der Überarbeitung von Studiengängen zu beraten.

Die positive Resonanz auf das bisherige fachspezifische Angebot hat gezeigt, dass das Thema Fachsensibilität auch in Zukunft eine wichtige Rolle für die Weiterentwicklung des hochschuldidaktischen Qualifizierungsangebots an der Freien Universität spielen wird. Es ist deutlich geworden, dass die Antwort darin nicht in vorgefertigten didaktischen Lösungen der Hochschuldidaktik für bestimmte Fachbereiche liegt. Vielmehr wird uns auch weiter die Frage beschäftigen, wie sich unter Berücksichtigung fachkultureller Denkweisen und Praktiken im konkreten Kontext der Freien Universität das fachspezifische Angebot in der Lehrqualifizierung weiter gestalten lässt. Dafür hat sich eine gemeinsame prozessorientiere Auseinandersetzung von SUPPORT für die Lehre mit den einzelnen Fachbereichen über ihre jeweilige Fachkultur und den entsprechenden Kompetenzen, Methoden und Lehrformaten innerhalb des Fachs zur Erstellung fachspezifischer Angebote bewährt.

Bitte wenden Sie sich mit Ihren Anfragen und Themenvorschlägen für ein fachspezifisches Angebot direkt an Sophie Lorenz oder Julia Prausa.