Aus dem Bereich Evaluation: Evaluation des Praxissemesters. Wie bewerten Lehramtsstudierende die Begleitung durch Mentorinnen und Mentoren an den Schulen und welche Kompetenzen erwerben sie im Praxissemester?

Irmela Blüthmann

22.02.2019

Im Lehramtsstudium wurde 2015 anstelle des ein- bis zweimonatigen Unterrichtspraktikums ein Praxissemester neu eingeführt. Bislang wissen wir allerdings nicht, wie sich dieses auf die Entwicklung der professionellen Kompetenzen der angehenden Lehrkräfte auswirkt und welche Rolle die Mentoring-Qualifizierung für die Qualität der Begleitung der Studierenden durch die Mentorinnen und Mentoren an den Schulen spielt. Nun liegen aus zwei Studien, die 2017 an der Freien Universität Berlin durchgeführt wurden, erste Ergebnisse hierzu vor.

In ihrem dritten Mastersemester sammeln angehende Lehrerinnen und Lehrer ein ganzes Semester lang Unterrichtserfahrung an einer Schule und besuchen in dieser Zeit nur begleitende Seminare an der Universität. Das Praxissemester soll der Verknüpfung der universitären Studienanteile und der Schulpraxis dienen, indem es den Aufbau zentraler Lehrkompetenzen unterstützt und es Studierenden erlaubt, die Institution und Abläufe ihrer beruflichen Praxis bereits während des Studiums über einen längeren Zeitraum hinweg kennenzulernen. Im Praxissemester werden die Studierenden in ihren Fächern durch Mentor(inn)en begleitet. Mentor(inn)en sind Lehrkräfte an den Praktikumsschulen, die die Kontaktpersonen für die Studierenden sind und sie in allen schulischen Aktivitäten unterstützen. Gemäß dem Leitfaden zum Praxissemester sollen von den Studierenden im Praxissemester insgesamt 32 angeleitete Unterrichtsstunden vorbereitet und durchgeführt werden, mindestens die Hälfte dieser Unterrichtsstunden soll gemeinsam mit den Mentor(inn)en vorbereitet und ausgewertet werden.

Da für die Entwicklung professioneller Unterrichtskompetenz die persönliche Vor- und Nachbesprechung des eigenen Unterrichts mit Expert(inn)en von zentraler Bedeutung ist, werden zur Vorbereitung der Mentor(inn)en auf ihre Aufgaben Mentoring-Qualifizierungen angeboten, über die nach und nach alle interessierten Lehrkräfte weitergebildet werden sollen. Im Zentrum der Qualifizierung steht die Vermittlung von Kompetenzen der Lernbegleitung mit Fokus auf die Durchführung von ko-konstruktiven Unterrichtsbesprechungen. Ko-konstruktiv bedeutet, dass eine gemeinsame Verantwortung für die Planung von Unterricht entsteht, d.h. es geht nicht darum, den Studierenden möglichst viele Tipps zu geben, sondern gemeinsam im Dialog Ideen zu entwickeln. Mentor(inn)en werden angehalten, sich dabei an Leitfragen zu orientieren, die sich auf die Fachinhalte, die Kompetenzentwicklung der Schüler(innen), die notwendigen didaktischen Entscheidungen, die methodische Umsetzung und auf die vorhandenen Rahmenbedingungen beziehen (vgl. Leitfaden zum Praxissemester).

Wie bewerten Studierende die Begleitung durch die Mentorinnen und Mentoren im Praxissemester? Im Rahmen einer Evaluation der Lehramtsmasterstudiengänge an der Freien Universität Berlin wurden Studierende zu ihren Erfahrungen im Praxissemester befragt. Zwar weisen die Ergebnisse zum Umfang der Lernbegleitung durch die Mentorinnen und Mentoren im Praxissemester darauf hin, dass gemeinsame Unterrichtsvor- und -nachbesprechungen von Studierenden und Mentor(inn)en nicht ganz so häufig erfolgten wie im Leitfaden empfohlen, der Nutzen der Unterrichtsbesprechungen mit den Mentor(inn)en wurde von den Studierenden jedoch überwiegend hoch eingeschätzt. Rund drei Viertel der Studierenden stimmten eher bis voll zu, dass diese positive Effekte auf die Weiterentwicklung ihres fachdidaktischen Wissens sowie ihrer Planungs- und Reflexionsstrategien hatten. In der ersten Kohorte von 80 angehenden Lehrerinnen und Lehrern, die im Sommersemester 2017 das Praxissemester absolviert haben, gaben die Studierenden für gut ein Drittel der Mentor(inn)en in ihren Fächern an, dass diese an der Mentoring-Qualifizierung teilgenommen hatten. Sie wurden gebeten, die Lernbegleitung, die sie im Praxissemester durch die Mentor(inn)en erfahren haben, getrennt für ihre Fächer hinsichtlich fünf zentraler Qualitätskriterien auf fünfstufigen Antwortskalen (von 1 = „nie“ bis 5 = „sehr häufig“) einzuschätzen (vgl. Abb. 1). Es liegen 145 Einschätzungen vor, davon 123 Urteile von Studierenden des Lehramts an Gymnasien und Integrierten Sekundarschulen sowie 22 Urteile von Studierenden der Grundschulpädagogik.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Teilnahme der Mentor(inn)en an der Mentoring-Qualifizierung einen wesentlichen Unterschied für die von den Studierenden wahrgenommene Qualität der Lernbegleitung macht (vgl. Abb. 1). Aus Sicht der Studierenden regten Mentor(inn)en, die die Qualifizierung absolviert hatten, sie häufiger dazu an, die Themen der Unterrichtsvorbesprechung selbst einzubringen, brachten häufiger Vorschläge zur Unterrichtsplanung ein, entwickelten häufiger gemeinsam mit den Studierenden die Unterrichtsplanung, besprachen Unterricht eher theoriegeleitet und analysierten Unterricht häufiger systematisch unter Berücksichtigung von Qualitätskriterien als nicht-qualifizierte Mentor(inn)en. Es handelt sich hierbei um mittlere bis große Effekte, die den Wert der Qualifizierung verdeutlichen.

Abbildung 1. Lernbegleitung im Praxissemester durch qualifizierte und nicht-qualifizierte Mentor(inn)en

Grafik Evaluation

Auch wenn Studierende eine hohe Zufriedenheit mit der Begleitung durch die Mentor(inn)en berichten, stellt sich die Frage, was das Praxissemester mit Blick auf die Kompetenzentwicklung der angehenden Lehrkräfte bringt? Mit dem Ziel, diese Frage zu beantworten, fand 2017 eine Evaluation des Kompetenzzuwachses der Studierenden im Praxissemester durch das Projekt K2teach (in der Verantwortung von Irina Kumschick und Felicitas Thiel) an der Freien Universität Berlin statt. Hier wurden die Lehramtsstudierenden vor und nach dem Praxissemester gebeten, ihre professionellen Unterrichtskompetenzen, ihre Selbstwirksamkeit sowie ihre unterrichtsbezogene Fehlerorientierung mit Hilfe eines Fragebogens einzuschätzen. Die Ergebnisse des Vergleichs zwischen den Einschätzungen vor und nach dem Praxissemester zeigen einen signifikanten Zuwachs in der selbst wahrgenommenen Kompetenz in Bezug auf alle drei Dimensionen der professionellen Unterrichtskompetenz (Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht), die drei Dimensionen der Lehrerselbstwirksamkeit (Selbstwirksamkeit in Bezug auf Instruktion, Schüleraktivierung und Klassenmanagement) sowie für zwei der drei Dimensionen der unterrichtsbezogenen Fehlerorientierung (Belastung durch Fehler und Bewertung von Fehlern). Diese Befunde geben über die Zufriedenheit der Studierenden hinaus Hinweise auf deutliche positive Effekte des Praxissemesters auf die (Weiter-) Entwicklung professioneller Unterrichtskompetenzen.