Studienbegleitende Erwerbstätigkeit und Studienabbbruchneigung

Irmela Blüthmann und Rainer Watermann

09.07.2015

Denken Studierende, die neben dem Studium arbeiten, eher über einen Abbruch Ihres Studiums nach?

Ein hoher Anteil Studierender an der Freien Universität Berlin ist studienbegleitend erwerbstätig. Wie ist Erwerbstätigkeit mit einem als Vollzeitstudium konzipierten Studiengang zu vereinbaren? Wirkt sich diese Doppelbeschäftigung auf das Belastungserleben und die Abbruchneigung von Studierenden aus? Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung stellte 2003 in einer bundesweiten Untersuchung der Ursachen des Studienabbruchs fest, dass sich das Abbruchrisiko deutlich erhöht, wenn Studierende mehr als 18 Stunden pro Woche neben dem Studium arbeiten. Basierend auf den Ergebnissen einer Befragung der Studierenden in den Masterstudiengängen der Freien Universität Berlin hat die Arbeitsstelle Lehr- und Studienqualität untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen dem Umfang der Erwerbstätigkeit und dem Belastungserleben sowie der Abbruchneigung der Studierenden besteht.

Umfang studienbegleitender Erwerbstätigkeit an der Freien Universität Berlin

Studierendenbefragungen an der Freien Universität Berlin zeigen, dass knapp 70 Prozent der Studierenden in den konsekutiven Masterstudiengängen und 50 Prozent der Studierenden in den Bachelorstudiengängen neben dem Studium erwerbstätig sind, und zwar in einem durchschnittlichen Umfang von knapp 14 Stunden pro Woche der Vorlesungszeit und 17 Stunden pro Woche der vorlesungsfreien Zeit. Dieser Anteil erwerbstätiger Studierender im Masterstudium ist im bundesweiten Vergleich nicht ungewöhnlich: Die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2012) berichtete, dass 72 Prozent der Studierenden im Masterstudium – zumindest gelegentlich – während der Vorlesungszeit einer Beschäftigung nachgegangen sind, mit der sie Geld verdienen.

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Zusammenhang von studienbegleitender Erwerbstätigkeit mit Belastungserleben im Studium und Gedanken an einen Studienabbruch

Erwartungsgemäß zeigen die Befragungsergebnisse, dass es mit steigendem Umfang der Erwerbstätigkeit für Studierende schwieriger ist, diese zeitlich mit dem Studium zu vereinbaren. Im Vergleich zu Studierenden, die gar nicht arbeiten oder bis zu 10 Stunden arbeiten, geben 40 Prozent an, dass es für sie schwierig ist, Studium und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. In der Gruppe, die 11 bis 18 Stunden arbeiten, haben 60 Prozent und in der Gruppe, die mehr als 18 Stunden arbeiten, haben 68 Prozent Schwierigkeiten, Studium und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren.

Es wäre zu vermuten, dass mit steigendem Umfang der Erwerbstätigkeit auch die von den Studierenden wahrgenommene studienbezogene Belastung (ein Item lautete beispielsweise: „Es gibt Zeiten, in denen mir das Studium über den Kopf wächst.“) zunimmt. Wider Erwarten berichten aber Studierende, die viel (hier: mehr als 18 Stunden) neben dem Studium arbeiten, kein höheres Belastungserleben im Studium als Studierende, die nicht oder wenig arbeiten. Auch wenn für das Fachsemester, Alter und Geschlecht der Studierenden sowie für Studienleistungen (über Selbsteinschätzung erfasst) und Kinder im Haushalt kontrolliert wird - also wesentliche soziodemographische und studienbezogene Variablen konstant gehalten werden - zeigt sich kein Effekt des Umfangs der Erwerbstätigkeit auf die Belastung durch das Studium.

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Wie die Ergebnisse des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung(DZHW) vermuten ließen, lässt sich allerdings eine etwas erhöhte Abbruchneigung (ein Item lautete beispielsweise: „Ich denke zurzeit ernsthaft daran, mein Studium abzubrechen“) in Zusammenhang mit einer studienbegleitenden Erwerbstätigkeit von mehr als 18 Stunden pro Woche erkennen im Vergleich zu Studierenden, die gar nicht oder eine bis 10 Stunden arbeiten. Dieser Unterschied bleibt bestehen, wenn man wesentliche soziodemographische und studienbezogene Variablen (Geschlecht, Alter, Kinder, Fachsemester und Leistungseinschätzung) konstant hält.

Zu bedenken ist bei diesem Befund allerdings, dass die kausale Wirkrichtung nicht geklärt werden kann. Neben der naheliegenden Erklärung, dass ein hohes Maß an Erwerbstätigkeit ursächlich für Gedanken an einen Abbruch des Studiums sein kann, kann auch andersherum eine ausgeprägte Berufstätigkeit ein Indiz dafür sein, dass die Befragten dem Studium nicht (mehr) so eine große Bedeutung zumessen.