Betriebliche Gesundheitsförderung in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme.

Betriebliche Ge­sundheitsförderung in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme

Guido Grunenberg Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen hat sich in Band III „Über-, Unter- und Fehlversorgung“ seines Gutachtens „Bedarfsgerech­tigkeit und Wirtschaftlich­keit“ nachdrücklich für den Ausbau der betrieblichen Gesundheitsförderung ein­gesetzt. [Mehr dazu] Grund genug für eine Bestandsaufnahme und der Frage nach dem Stand der betrieblichen Gesundheits­förderung in Deutschland.

Mit der Neufassung des § 20 SGB V durch das GKV Gesundheitsreformgesetz 2000 haben die gesetz­lichen Krankenkassen auch in der betrieb­lichen Ge­sundheitsförderung wieder einen er­weiterten Hand­lungsrahmen erhalten.

Durch die Eingrenzung der Handlungsmöglich­keiten der Krankenkassen auf „den Arbeits­schutz ergänzende Maßnahmen der betrieb­lichen Gesund­heitsförderung" soll ge­währleistet werden, dass die paritätisch finanzierten Kran­kenkassen keine originären Aufgaben des Ar­beits­schutzes (mit) finanzieren, die nach dem Arbeitsschutzgesetz in die alleinige Zuständig­keit des Arbeitgebers fallen, der für die Durch­führung und Organisation des Arbeitsschutzes im Betrieb verantwortlich ist.

Die Reform des Arbeitsschutzgesetzes 1996 (im gleichen Jahr wurde der Auftrag der gesetz­lichen Krankenkassen zur Prävention durch die  Novellierung des § 20 SGB V drastisch zurecht­gestutzt) verpflichtete die Arbeitgeber zur Ver­hütung „arbeitsbedingter Gesundheits­gefahren einschließlich Maßnahmen der menschenge­rechten Gestaltung der Arbeit“. Insofern wurde der bis dahin geltende Verantwortungsbereich der Arbeitgeber (Arbeits- und Gesundheits­schutz) um gesundheitsförderliche Aspekte erweitert.

Bereits 1997 unterzeichneten darauf hin die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkas­sen und die Träger der gesetzlichen Unfallversi­cherung, die – neben den Arbeitgebern - als zweite Säule des überbetrieblichen Arbeits­schutzes fungieren, eine Rahmenvereinbarung über ihre zukünftige Kooperation, um bei der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheits­ge­fah­ren gemeinsame Wege zu gehen.

Dieser „gemeinsame Weg“ manifestierte sich z.B. in den Grundlagenprojekten KOPAG, Ko­operationsprogramm Arbeit und Gesundheit sowie IPAG, Integrationspro­gramm Arbeit und Gesundheit.

Durch die abermalige Novellierung des § 20 SGB V im Jahr 2000 wurde den Krankenkassen für die Durchführung der über die originären Aufgaben des Arbeitsschutzes hinausgehenden (und diese somit ergänzenden) Maßnahmen ein Initiativrecht eingeräumt.

Die Spitzenverbände der Krankenkassen fühlen sich dabei einem ganzheitlichen Ansatz ver­pflichtet, der neben verhaltensbezogenen Maß­nahmen vor allem auch die Gestaltung der Ar­beitsbedingungen und der Arbeitsorganisation (verhältnisbezogene Maßnahmen) umfasst.

In ihrem Leitfaden zur Umsetzung der gesetz­lichen Forderung (§ 20 SGB V) haben die Spit­zenverbände der Krankenkassen zur Primär­prävention und betrieblichen Gesundheits­förderung einheitliche, prioritäre Handlungs­felder und Qualitätskriterien beschlossen. Ar­beitsbedingte körperliche Belastungen, Be­triebsverpflegung, psychosozialer Stress, ge­sundheitsgerechte Mitarbeiterführung sowie Genuss- und Suchtmittelkonsum sind die prio­ritären Handlungsfelder für Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung .

Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen sieht hinreichende Hinweise dafür, dass die Potenziale betrieblicher Gesundheitsförderung nicht ausgeschöpft sind und empfiehlt weiter, Projekte der betrieblichen Gesundheitsförderung mit einem partizipativen und kombinierten Ansatz zur Verhältnis- und Verhaltensprävention im Rahmen evaluierter Modelle vermehrt durchzuführen.

Um einen Beitrag zur Verminderung sozial be­dingter Ungleichheit von Gesundheitschan­cen zu leisten, empfehlen ebenso die Spitzen­ver­bände der Krankenkassen in ihrem Leitfaden den Setting-Ansatz, dem auch die betriebliche Gesundheitsförderung zuzuordnen ist und der durch die Verknüpfung verhaltens- und ver­hält­nisbezogener Maßnahmen charakterisiert ist.

In diesem Zusammenhang ist auch die aus­drückliche Forderung einer kassen­arten­über­greifenden Zusammenarbeit zu verstehen, da die Umsetzung von Maßnahmen im Setting-Ansatz eine großen organisatorischen Aufwand erfordert und der Ansatz an sich versicherten­übergreifend zu verstehen ist. (Maßnahmen im Setting richten sich in der Regel an die Ver­sicherten sämtlicher Krankenkassen).

Obwohl eine ganze Reihe von erfolgreichen Praxisbeispielen und wissenschaftlich gesicher­ten Erkenntnissen den Nutzen betrieblicher Ge­sundheitsförderung durch die Kombination von verhaltens- und verhältnisbezogenen Maßnah­men belegen, bevorzugen die gesetzlichen Krankenkassen als Zugangsweg jedoch den in­dividuellen Ansatz, in dem ausschließlich ver­haltensorientierte Maßnahmen in den Hand­lungsfeldern Bewegung, Ernährung, Stress­reduktion/Entspannung und Sucht  Anwen­dung finden.

Offensichtlich liegt das Interesse der Kranken­kassen verstärkt darauf sich mit attraktiven Maßnahmen direkt gegenüber ihren eigenen Versicherten zu profilieren.

Ob dadurch dem eigens formulierten Ziel - einen Beitrag zur Verminderung sozial beding­ter Ungleichheit von Gesundheitschancen zu leisten - entsprochen werden kann, ist zumin­dest zweifelhaft. Die langfristige Wirkung von rein verhaltenspräventiven Maßnahmen ist wissenschaftlich nach wie vor umstritten.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob mit den überwiegend verhaltenspräventiven Angeboten verstärkt Personen mit höheren gesundheit­lichen Gefährdungen und niedrigerem Sozial­status angesprochen werden (eine weitere For­derung im Leitfaden der Spitzenverbände).

Gerade im Hinblick auf das milliardenschwere Defizit im letzten Halbjahres und das wettbe­werbsbedingte Ringen um junge, gut gebildete und sozial eingebundene Versicherte (die sog. „guten Risiken“) der gesetzlichen Kranken­kas­sen untereinander, ist mit einem weiteren Aus­bau von Maßnahmen betrieblicher Gesund­heitsförderung – ohne politischen Druck – in der Zukunft kaum zu rechnen.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/03 (22. Jan. 03)