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Arbeitsweltbezogene Gesundheitsberichterstattung

Arbeitsbezogene Gesundheitsberichtserstattung

Burkhard Gusy Das Robert Koch Institut sti­muliert mit seinen Bei­trä­gen zur Gesundheits­bericht­erstattung des Bun­des eine nationale Diskussion um ra­tionale weil datenge­stützte Kri­terien zur Auswahl von Interventions­feldern zur För­derung von Gesundheit. Der Aufbau von Berichts­sys­temen und die Entwick­lung der Ge­sundheits­be­richter­stattung in der Arbeitswelt gewinnen an Bedeutung. Die Anforde­rungen an die Da­ten sind mitunter erheb­lich, da eine hohe „Belast­barkeit“ erwar­tet wird. Die Ergebnisse werden nicht sel­ten als Hinter­grund für kos­ten­intensive Interven­tions­entscheidungen genutzt.

Die arbeitsweltbezogene Gesundheitsbericht­erstattung dient als Monitoringsystem für die Entwicklung von mit der Arbeit assoziierten ge­sund­heitlichen Risiken. Die Ergebnisse wer­den genutzt, um (betriebliche) Fehlentwicklungen zu diagnostizie­ren mit dem Ziel deren Folgen durch Interventionsangebote zu minimieren.

Die der Prä­vention zugrunde liegende Frage­stellung an ar­beitwelt­bezogene Gesundheits­berichterstat­tung lautet nach den Worten von Karl Kuhn  von der Bundesanstalt für Arbeits- und Umweltschutz in Dortmund (2002): „Wel­che Arbeits­bedingungen führen unter welchen Voraus­set­zungen mit welchen Wahrschein­lich­keiten oder in welchen Häufigkeiten zu welchen Beschwer­den, zu welchen gesundheitlichen Be­einträchtigungen oder zu welchen Erkrankun­gen?“

Die Beantwortung ebendieser Fragen oder prä­ziser formuliert die erfolgreiche Lösung dieser Probleme, ist nicht nur in der Bundes­republik Deutschland ein zentrales Problem geworden, da die Folgekosten unterlassener Prävention die Kassen der Sozialversicherungen immens belas­ten.

Dies lenkt die Frage auf den zentralen Aspekt dieses Beitrags, welche Elemente der arbeits­weltbezogenen Berichterstattung es derzeit gibt und welche Erkenntnisse diese versprechen. In der Bundesrepublik Deutschland werden aktuell folgende Berichtssysteme genutzt.

a) Daten der Sozialversicherungsträger

Die Krankenkassen werten ärztliche Bescheini­gungen über Arbeitsunfähigkeiten der jeweili­gen Versi­cherten aus. Unter Wahrung der Ano­nymität kön­nen Aussagen über das Krankheits­geschehen der Versicherten (Diagnosen, Dauer, Häufigkeit der krankheitsbedingten Abwesen­heit) nach so­ziodemographischen Daten ausgewertet wer­den.

Die Träger der gesetzlichen Unfallversiche­run­gen sind ebenso gefordert im Rahmen ihres er­weiterten Präventionsauftrages Daten zu er­schließen, die zur Verhütung arbeitbedingter Gesundheitsgefahren beitragen können. Diese Aufgabe ist für die Unfallversicherer vergleichs­wei­se neu. Wie diese konturiert wird, ist noch nicht absehbar.

Ein wesentlicher Nachteil der Daten der Sozial­versiche­rungsträger ist das Fehlen betrieblicher

Kontext­informationen wie z.B., in wel­chem Bereich der Beschäftigte mit welchen Auf­gaben

betraut ist, um Rückschlüsse auf Arbeits­be­dingungen und Belastungskonstella­tionen ziehen zu können. Ohne diese ist die Identifi­kation von betriebsbezogenen Interventions­scherpunkten kaum möglich.

b) Betriebsbezogene Daten

Die Änderungen des Arbeits­schutzgesetztes (1996) verpflichtet Betriebe für die Mitarbeiter

Voraussetzungen zu schaffen, die ein aktives und menschenwürdiges Leben in der Gesell­schaft sowie eine Weiterentwicklung der Per­sönlichkeit gewährleisten. Dieses soll durch Verhütung von Un­fällen, Krankheiten und  Gefährdungen geschehen. Zu diesem Zweck sind im Arbeitsschutzgesetz be­triebliche Gefährdungsanalysen vorgesehen, die eine Be­richtspflicht von Betrieben gegenüber den Auf­sichtsbehörden festlegen. Diese Doku­menta­tionen  bieten die Möglichkeit gesund­heitlich relevante Merkmale (Arbeitsun­fähig­keiten, Be­lastungskonstellationen) mit betriebs­bezogenen Daten wie z.B. konkreten Arbeitsbedingungen zusammenzuführen. Damit sind diese Daten prinzipiell als Hintergrund für Interventionsent­scheidungen von weitaus größerer Bedeutung  als die Daten der Krankenkassen. Eingesetzt werden können hier unter anderem Mitarbei­terbefra­gungen, die subjektive Wahrnehmun­gen be­trieblicher Gegeben­heiten von Belastungs­merkmalen, Gesundheits­potenzialen und Ver­änderungswünschen enthalten.

Zu deren Ver­tiefung bieten sich arbeitspsycho­logisch /-wis­senschaftlich fun­dierte Analyse­verfahren an, die an ausgewählten Arbeits­plätz­en durchgeführt werden. Diese Analyse­ver­fah­ren sind geeignet, um Ursache-/Wirkungszusam­menhänge festzustellen. Die Ergebnisse präzi­sieren Hypothesen z.B. aus Mitarbeiterbefra­gungen und sind unmittelbar gestaltungsrele­vant.

Die Bedeutung von Gefährdungsanalysen im Rahmen der arbeitsweltbezogenen Gesundheits­berichterstattung wird kontrovers diskutiert. Gilt die Koppelung von Gesundheitsaspekten mit Arbeitsbedingungen als unschätzbarer Ge­winn, befürchten Experten eine geringe Daten­qualität, da Betriebe da­zu verleitet sein können, sich ihrer Doku­men­tationspflicht durch minima­len Aufwand zu entledigen. Fakt ist, dass es derzeit kaum Dokumentations­stan­dards gibt – hier sind die Akteure gefordert am Auf­bau eines informationsreichen Dokumen­tationssystems mitzuwirken.

Bewertung

Deutlich wird, dass es eine Reihe von Akteuren gibt, die, versehen mit unterschiedlichen Par­tial­in­teressen, über verschiedene Aspekte von Ge­sundheit am Arbeitsplatz berichten. Es fehlt sowohl an Überblick über die Datenbestände als auch ein fachlicher Austausch der dort täti­gen Akteure mit dem Ziel, die arbeitswelt­bezo­gene Gesundheitsberichterstattung zur För­de­rung der Gesundheit der Arbeitnehmer auszu­bauen.

Die eingangs gestellte Frage: „Wel­che Arbeits­bedingungen unter welchen Voraus­set­zungen mit welchen Wahrschein­lich­keiten oder in welchen Häufigkeiten zu welchen Beschwer­den, zu welchen gesundheitlichen Be­ein­trächti­gungen oder zu welchen Erkrankun­gen füh­ren?“ kann mit Hilfe jeweils unterschied­licher hier vorgestellter Berichtssysteme nur in Ausschnitten beant­wortet werden. Es wird wohl noch eine Zeit dauern bis diese Frage mit den Instru­menten der arbeitsweltbezogenen Gesundheits­bericht­erstattung zielführend bearbeitet werden kann.

Links und Informationen zu diesem Thema:

www.rki.de/GBE/BEITRAG/ARBEIT.PDF

www.bkk.de/ bkk/content/powerslave,id,199,nodeid,50.htm

http://www3.oup.co.uk/eurpub/hdb/Volume_13/Supplement_01/pdf/13s10091.pdf

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/04 (20. März 04)