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Die Public Health Ausbildung in Berlin – Vergangenheit oder Zukunft?

Die Public Health Ausbildung in Berlin – Vergangenheit oder Zukunft?

Burkhard Gusy Zum Wintersemester 2005/ 06 wurde an der Technischen Universität Berlin die Zulassung zum Studienangebot Public Health ausgesetzt. Dieser Entscheidung vorausgegangen waren Strukturreformen an den Berliner Universitäten, in der die Universitäten verpflichtet wurden sich voneinander abgrenzbare Profile zu geben. An der Technischen Universität Berlin führte dies zu einer Akzentuierung des technischen und naturwissenschaftlichen Schwerpunkts, zu Lasten der Geistes- und Sozialwissenschaften. Für Public Health blieb da kein Platz, die vorhandenen personellen Kapazitäten sollten in andere Bereiche der Technischen Universität Berlin verlagert werden.

Dem entgegen stand ein Passus in den Zielvereinbarungen zwischen den Berliner Universitäten und dem Senat, der die Berliner Universitäten zu einer Kooperation auf dem Gebiet von Public Health verpflichtet. Die Universitäten sind aufgefordert, bis zum 30.04.06 ein entsprechendes Konzept vorzulegen. Und weiter heißt es dort, dass die zum Zeitpunkt der Beschlussfassung (2004) verwendeten Ressourcen erhalten bleiben sollen.

Auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Stefanie Schulze (Die Linkspartei.PDS) vom Dezember 2005 antwortete die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dass das Angebot Public Health in Berlin aufrecht erhalten und nach Möglichkeit in das Studienangebot der Charite integriert werden sollte. Die Charite hätte bereits Interesse signalisiert.

Unter Leitung von Prof. Wienau, dem damaligen Direktor des Zentrums für Human- und Gesundheitswissenschaften, hatte eine Arbeitsgruppe ein Konzept für die konkrete Umset-zung erarbeitet. Diese Arbeitsgruppe kam zu dem Ergebnis – so geht weiter aus der Stellungnahme der Senatsverwaltung hervor – dass die Einrichtung einer "Berlin School of Public Health (BSPH)" als neues Department am Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaf-ten der Charite wünschenswert wäre.

Die Umsetzung dieses Wunsches ließ auf sich warten, da von der Technischen Universität gefordert wurde, auf Ressourcen zu verzichten um diese an die Charite zu transferieren. Ende Januar fiel dann die grundsätzliche Entscheidung, eine der Professuren, nämlich die von Frau Prof. Dr. Maschewsky-Schneider, an die Charite zu transferieren. Was sie an Ausstattung mitnehmen darf ist noch nicht letztendlich geklärt. Da-mit ist die Voraussetzung für die erste Realisierungsstufe des unter Leitung von Prof. Wienau erarbeiteten Konzepts geschaffen.

Ob es möglich sein wird, die beiden Studiengänge 'Magister der Gesundheitswissenschaf-ten/Public Health' und 'Master of Science in Epidemiology' zum Wintersemester 2006 an der Charite starten zu lassen ist noch unklar. Der Zeitplan für die Homogenisierung der entsprechenden Ordnungen (Zulassungs-, Studien- und Prüfungsordnung) mit denen der Charite ist eng, auszuloten sind mögliche Synergieeffekte zu den dort bereits bestehenden gesund-heitswissenschaftlichen Studiengängen (Master of International Health, Consumer Health Care sowie Health & Society) sowie die noch ausstehende Modularisierung der zu transferierenden Studienangebote. Eine neue Herausforderung sind die einzuführenden, kostendeckenden Stu-diengebühren, die zwischen 6.000 und 8.000 Euro liegen dürften und über die Marktfähigkeit dieses neuen Angebots mit entscheiden.

Mittelfristig sollen die an der Charite bestehenden gesundheitswissenschaftlichen Studienan-gebote in einer 'Berlin School of Public Health' zusammengefasst werden – so sieht es die zweite Realisierungsstufe des Konzepts für den Aufbau einer Berlin School of Public Health vor. Ziel dabei ist u.a., Module, die bislang in Eigenregie angeboten werden, zu vereinheitlichen und für alle Studienabschlüsse, die dieses Modul benötigen, anzubieten. Eine Verringerung der Verwaltungskosten durch eine Zusammenfassung der Studiengänge unter einem Dach ist eine weitere Perspektive.

In der dritten Ausbaustufe sollen dann Kooperationsvereinbarungen mit anderen an Berliner Hochschulen etablierten gesundheitswissenschaftlich relevanten Studienangeboten geschlossen werden, so dass die Berlin School of Public Health ein relevanter Bestandteil des multidisziplinär angelegten Leitbilds "Lebenswissenschaften" wird.

Die zweite und dritte Realisierungsstufe sind in diesem Konzept nur schematisch beschrieben. Ungeklärte Fragen in diesem Zusammenhang sind:

  • Da es an der Charite bereits etablierte gesundheitswissenschaftliche Studiengänge gibt, die sich vollständig aus Studiengebühren finanzieren, ist unklar, welcher Art die Synergieeffekte für diese Studiengänge sein könnten.
  • Eine exklusive 'Berlin School of Public Health' an der Charite schließt die zahlreichen in Berlin bereits bestehenden Studienangebote zu-nächst aus und legt damit die Assoziation einer Klasseneinteilung analog der Deutschen Bahn AG nahe. Wenn diese Studienangebote nicht zur Berlin School of Public Health gehören, wären sie dann Studienangebote zweiter Klasse?
  • Die in der dritten Realisierungsstufe vorgesehenen Kooperationsvereinbarungen mit den Studienangeboten außerhalb der Berlin School of Public Health sollen das Angebot in Berlin erweitern. Es erscheint unrealistisch in Zeiten modularisierter Studienangebote, die den Studierenden die Wahl zwischen konkurrierenden Studienangeboten und Modulen bietet, von auf Dauer gleich bleibenden Ressourcen auszugehen. Die Nachfrage wird hier zu einer Marktbereinigung führen.
  • Die Etablierung weiterer gesundheitswissenschaftlicher postgradualer Studiengänge an der Charite verweist auf ein Strukturproblem. Wollen sich die Gesundheitswissenschaften dauerhaft an Hochschulen etablieren, wäre eine Fundierung durch entsprechende grundständige Angebote mit Bachelor und Master-abschlüssen anzustreben. Dieses ist in den Konzepten für eine Berlin School of Public Health gar nicht vorgesehen. Dass dieser Weg an anderen Hochschulen beschritten wird, ist wahrscheinlich. Entsprechende postgraduale Angebote wären dann überflüssig oder müssten sich weiter spezialisieren.

Warum in dem Konzept erst Strukturen geschaffen werden müssen (eine Berlin School of Public Health) um dann Kooperationspartner zu suchen, die es im Feld bereits längst gibt, ist nicht nachvollziehbar. Alle Akteure sind sich einig, dass es in Berlin eine hochschulübergreifende Kooperation zwischen den gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen geben sollte. Eine Kooperation in einem gleichberechtigten Netzwerk gesundheitswissenschaftlicher Studiengänge wäre das angemessenere Modell gewesen. Ob sich diese Entwicklung noch korrigieren lässt, werden die kommenden Diskussionen zeigen.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/06 (13. Mar. 06)