Springe direkt zu Inhalt

Die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen in der Primärprävention und betrieblichen Gesundheitsförderung – Präventionsgesetz vorerst kein Thema

Die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen in der Primärprävention und betrieblichen Gesundheitsförderung – Präventions-gesetz vorerst kein Thema

Guido Grunenberg Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) hat im Jahr 2004 mit Präventionsleistungen etwa doppelt so viele Menschen erreicht wie im Jahr 2003. Soweit die Zahlen, des vom Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) und den Spitzenverbänden der Krankenkassen gemeinsam herausgegebenen vierten Präventionsberichtes.

Die Betrachtung ist unter quantitativen Gesichtspunkten durchaus eindrucksvoll.

3,4 Millionen Menschen wurden im Jahr 2004 über Präventionsmaßnahmen erreicht (2003 waren es noch ca. 1,7 Millionen Menschen).

Die individuellen, rein verhaltensbezogenen Präventionsmaßnahmen sind weiterhin in der Primärprävention dominant. Kursangebote in den Handlungsfeldern Bewegung, Ernährung, Stress und Sucht (Nichtrauchen), wurden von rund 800.000 Versicherten in Anspruch genommen (542.000 im Jahr 2003). Die Verteilung innerhalb der Handlungsfelder sowie der die Maßnahmen in Anspruch nehmenden Personen blieb weitgehend unverändert. Rund zwei Drittel nahmen an Bewegungskursen teil, Stress- und Ernährungsanmaßnahmen legten leicht zu. 80% der Kursteilnehmer sind Frauen, junge Menschen (unter 19 Jahren) nutzen die Angebote eher selten. Die Inanspruchnahme von individuellen Präventionsmaßnahmen erfolgt erfahrungsgemäß verstärkt durch solche Personen, die geringere gesundheitliche Gefährdungen, ein stärkeres Gesundheitsbewusst-sein und einen höheren Sozialstatus aufweisen. Ein Sachverhalt, der symptomatisch für den gesamten Bereich von Gesundheits- und Bildungs-angeboten für Erwachsene ist.

Neben der gesteigerten Inanspruchnahme individueller Präventionsmaßnahmen verdeutlicht die Dokumentation ebenso eine starke Zunahme von lebensumfeldbezogenen Maßnahmen (Settingansatz). Eine besondere Bedeutung wird hier den so genannten nichtbetrieblichen Lebenswelten wie Kindertagesstätten, Schulen, Vereinen oder Stadtteilen beigemessen. Denn Maßnahmen zur Primärprävention sollen „insbesondere einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen leisten“, so der eigens formulierte Anspruch der gesetzlichen Krankenkassen in den gemeinsamen und einheitlichen Handlungsfeldern und Kriterien der Spitzenverbände der Krankenkassen zur Umsetzung von §20 Abs. 1 und 2 SGB V, der am 10. Februar 2006 aktualisiert wurde.

Vor allem in Schulen und Berufsschulen konnten die Krankenkassen im Berichtsjahr nahezu 1,9 Millionen junge Menschen mit präventiven Angeboten erreichen (2003: 0,54 Millionen). Dabei wurde auch der Grundge-danke des Settingansatzes, die Förderung regionaler und überregionaler Netzwerk- und Kooperationsprojekte, stärker forciert als in den Jahren zuvor (und in der Dokumentation anhand von drei Beispielen sehr ausführlich dargestellt).

Auch im Bereich der betrieblichen Gesundheits-förderung haben die gesetzlichen Krankenversicherungen ihre Maßnahmen um gut 18% ausgebaut. In Zahlen bedeutet dies knapp 4.800 Standorte bzw. Betriebe, wobei etwa 50% aller Aktivitäten ein Jahr oder länger dauerten und ebenso rund 50% gleichzeitig verhaltens- und verhältnisbezogen waren.

Mit der handlungsfeldübergreifenden Ausweitung der Präventionsaktivitäten geht eine Steigerung der Ausgaben einher. Im Jahr 2004 gaben die gesetzlichen Krankenkassen 148 Millionen Euro für Prävention aus (113,5 Millionen im Jahr 2003).

Die vorliegende Dokumentation unterstreicht die freiwillige Verpflichtung der gesetzlichen Krankenkassen, die jährlichen Leistungen im Bereich der Primärprävention transparent zu machen, nicht weniger aber auch nicht mehr.

Die Dokumentation liefert im Wesentlichen einen Überblick darüber, welche Kurs- und Semi-narangebote Versicherte in Anspruch genommen und welche Aktivitäten die gesetzlichen Krankenkassen in den verschiedenen Settings gefördert haben. Sie enthält Informationen über gewählte Methoden zur Ermittlung des Handlungsbedarfs, über die Wahl der Zielgruppen, die im Zusammenhang mit den Maßnah-men gebildete Entscheidungs- und Steuerungsstrukturen sowie über die Einbindung von fach- und sachlichen Ressourcen externer Kooperationspartner. Darüber hinaus werden die inhalt-lichen Schwerpunktsetzungen der Aktivitäten abgebildet, sowie die Art der Veränderungen, die durch die Aktivitäten bewirkt wurden.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Präventionszielen findet in der Dokumentation nicht statt. Hierzu wird auf die aktualisierte Fassung der gemeinsamen und einheitlichen Handlungsfelder und Kriterien der Spitzenverbände der Krankenkassen verwiesen.

Tatsächlich sind dort erstmalig Präventionsziele genannt, die nicht nur dokumentiert, sondern auch im Hinblick auf Ergebnisqualität evaluiert werden sollen. Letztendlich können die Ziele jedoch nicht weiter konkretisiert werden, da in der Gesundheitsförderung konsensual festgelegte Werte eine Rolle spielen, die in den je-weiligen Lebensräumen noch partizipativ ent-wickelt werden sollen, wie es in dem Leitfaden heißt.

Auch der Settingansatz erhält eine deutliche Aufwertung und geht mit der Empfehlung an die Mitgliedskrankenkassen einher, zukünftig mindestens 50 Cent pro Versicherten und Jahr (ca. 35 Mio. Euro) für Settingmaßnahmen in nichtbetrieblichen Lebenswelten zu verausgaben. So sollen für das übergeordnete gesetz-liche Ziel der Reduzierung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen die Maß-nahmen zukünftig noch stärker auf sozial benachteiligte Zielgruppen in ihrem alltägli-chen Lebensraum ausgerichtet werden.

Insbesondere das Setting Schule wird für zielgruppenorientierte Maßnahmen zur Primärprä-vention als geeignet angesehen, um die Verpflichtung zu kassenartenübergreifender Zu-sammenarbeit zur Umsetzung gesundheitsfördernder Projekte partnerschaftlich zu prakti-zieren.

Ein weiterer Schwerpunkt soll das Thema kommunale Gesundheitsförderung werden und zwar unter Einbeziehung der in diesem Setting beteiligten Akteure. Beispielhaft wird hier auf die intensive Zusammenarbeit mit dem Kooperationsverbund Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verwiesen.

Und auch in der Entwicklung von vorrangig arbeitsweltbezogenen Präventionszielen in der gesetzlichen Krankenversicherung wollen die Spitzenverbände der Krankenkassen verstärkt Akzente setzen. Grundlage hierfür soll ein von der Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) entwickeltes Verfahren sein, das Ende 2007 zur Ableitung von Präventionszielen führen soll.

Bei sämtlichen im Setting geplanten Aktivitäten wird stets betont, dass Gesundheitsförderung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die nur durch eine gemeinschaftliche Bereitstellung von Ressourcen durch die für das jeweilige Setting verantwortlichen Akteure bewältigt werden kann.

Entsprechend selbstbewusst präsentierten sich die gesetzlichen Krankenkassen auf Ihrer Veran-staltung „Zukunft in der Prävention“ am 20.02. 2006 in Berlin gegenüber der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, die im Rahmen der Veranstaltung mitteilte, dass mit einer Verabschiedung des Präventionsgesetzes 2006 nicht mehr zu rechnen sei.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im Hinblick auf das für sie „drohende“ Präventionsge-setz schlichtweg ihre Hausaufgaben gemacht und befinden sich zur Zeit in der komfortablen Situation, den Ball zur Gesundheitsministerin zurück spielen zu können und sogar Forderungen an die übrigen verantwortlichen Akteure, wie Länder und Gemeinden als Träger von Einrichtungen sowie politisch Verantwortliche zu stellen, ihre Leistungen auf diesem Feld eben-falls auszuweiten bzw. einzubringen.

Mit diesen Ergebnissen unterstreichen die Krankenkassen geschickt die Bedeutung von Präven-tion und Gesundheitsförderung und besetzen dieses Feld in der Gesundheitspolitik, ohne sich einer inhaltlichen Auseinandersetzungen über konkrete Ziele in Prävention und Gesundheitsförderung stellen zu müssen.

Gesundheitspolitisch spielt Prävention derzeit eine nur untergeordnete Rolle. Ein Zustand, der erst durch einen neuen Anlauf für ein Präventionsgesetz geändert werden könnte.

Weitere Informationen:

Leistungen der Gesetzlichen Krankenkassen in der Primärprävention. Dokumentation 2004.

Leitfaden „Prävention“ der Spitzenverbände der Krankenkassen (Fassung vom 10.02.2006)

Kooperationsverbund Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten

IGA (Initiative Gesundheit und Arbeit)

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/06 (13. Mar. 06)