Körperteile werden zur Handelsware

Körperteile werden zur Handelsware  - die Bundesregierung be­schreitet in Europa einen Sonderweg -

Siegfried Dierke Bislang zumindest gilt in Deutschland: Wer ein Or­gan spendet, tut dies aus altruistischen Gründen. Und die Vergabe eines Organs an einen Empfänger wird nicht durch die Dicke des Geldbeutels entschieden, sondern erfolgt über Warte­listen nach medizinischen Erwägungen. Auch die be­teiligten Ärzte und Einrich­tungen erhalten lediglich eine Aufwandsentschädi­gung. Unklarer sind die Re­gelungen jedoch, wenn es nicht um komplette Or­gane, sondern um Ge­webe und Zellen, also bspw. Ge­hörknöchelchen oder Augenhornhäute geht. Darum wurden die Mit­gliedsstaaten der Gemein­schaft in einer EU-Richtlinie aufgefordert, entsprechende nationale Regelungen vor­zulegen. Was derzeit aber als Entwurf eines Gewebe­gesetzes im Bundestag verhandelt wird, stößt bei Fachverbänden, Ex­perten und Opposition auf scharfen Wider­stand. Die damit verbundene Kommerziali­sierung sei ethisch sehr bedenklich und gefähr­de die Versorgung der Patienten.

Die so genannte Gesundheitsreform, das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz, ist noch nicht einmal vom Bundespräsidenten unterschrieben, die einhellige Kritik fast aller gesundheitspoli­tischer Akteure noch nicht verklungen, da drückt die Regierung die nächsten höchst um­strittenen Gesetzentwürfe durch das Parlament. Möglichst unbemerkt und in aller Eile möchte die Koalition das bislang u.a. für die Arzneimit­telüberwachung zuständige Bundesinstitut, das BfArM, durch eine Deutsche Arzneimittel- und Medizinprodukteagentur (DAMA) ersetzen. Die Interessen der Pharmaindustrie werden so stär­ker bedacht, Arzneimittelsicherheit und Patien­teninteressen dagegen in den Hintergrund ge­drängt.

Bislang von der Öffentlichkeit genauso wenig wahrgenommen wurde das geplante Gewebe­gesetz, in dem Spende, Beschaffung, Testung, Verarbeitung, Konservierung, Lagerung und Verteilung von menschlichen Geweben und Zellen geregelt werden sollen. Statt wie in anderen europäischen Ländern ein spezielles Gesetz zu schaffen, in dem der Umgang mit Keimzellen, fötalem Gewebe, Hauttransplan­taten, Knochenentnahme etc. getrennt und differenziert geregelt wird, will die Bundesregie­rung sämtliche menschlichen Zellen und Gewe­be dem Arzneimittelrecht (AMG) unterstellen, mit fatalen Folgen. Damit wird das im Trans­plantationsgesetz verankerte Handelsverbot weitgehend ausgehebelt, sämtliche entnom­menen Zellen und Gewebe werden zur Han­delsware.

Bundesärztekammer, die Deutsche Kranken­hausgesellschaft, Transplantationsverbände und viele Andere befürchten, dass die Zahl der ge­spendeten Organe dadurch stark absinken wird und die Wartelisten von Todkranken immer län­ger werden. Denn erstens könnten die Entnah­meteams öfter dazu tendieren, ein gespendetes Organ als nicht geeignet zu erklären, aber statt­dessen die Einzelteile einer kommerziellen Ver­wertung zuführen. Zweitens kann die ohnehin schon geringe Bereitschaft zur Organspende noch weiter sinken, wenn eine Verquickung mit einer profitorientierten Vermarktung mensch­licher Körperteile besteht. Der Vorrang von Or­ganspende vor Gewebespende wird im Gesetz­entwurf zwar proklamiert, aber keinesfalls sichergestellt, im Gegenteil.

Ungeregelt bleibt zudem, wie die Verteilung von Mangel-Geweben wie Hornhäuten oder Herzklappen, bei denen der Bedarf größer als das Angebot der Gewebebanken ist, erfolgen soll. Die geplante Kommerzialisierung lässt be­fürchten, dass zukünftig zum Zuge kommen wird, wer den höchsten Preis bietet; eine solida­rische Ausrichtung an Wartelisten und medizini­scher Notwendigkeit würde beiseite geschoben werden.

Durch die vorgesehene Lockerung von Schutz­regelungen für Nicht-Einwilligungsfähige wird das Prinzip der Freiwilligkeit der Gewebe- und Zellspende beschnitten, die körperliche Unver­sehrtheit dieser Personen und grundlegende Rechte der Würde des Menschen verletzt.

Sachfremd und unsinnig ist zudem die Unter­stellung von menschlichen Keimzellen unter das Arzneimittelrecht. Durch die Ausweitung des Geltungsbereichs auch auf fötales Gewebe kann es bspw. dazu kommen, dass ein Schwanger­schaftsabbruch zeitlich so gelegt wird, dass der Termin bestmöglich für eine Gewebespende ist. Denn die gesetzlichen Regelungen sehen keine strikte Trennung zwischen dem Arzt, der den Abbruch vornimmt, und dem, der die Gewebe­entnahme durchführt, vor.

Für die Gewebe entnehmenden Einrichtungen würde das Gesetz außerdem zu einer Auswei­tung der Bürokratisierung führen und durch die im Arzneimittelrecht verfügten Genehmigungs­pflichten, Hersteller-Erlaubnis sowie Überprü­fungspflicht für Operationssäle, hohe Investi­tionskosten mit sich bringen. Als Folge ergeben sich erhebliche Preiserhöhungen sowie eine Minderversorgung für PatientInnen.

Welche Auswüchse beim Geschäft mit Leichen­teilen schon heute bestehen, war vor kurzem in einem Dossier der ZEIT zu lesen. Darum sollte bei der Gesetzgebung streng darauf geachtet werden, dass der Kommerzialisierung des Um­gangs mit menschlichen Körperteilen nicht noch Vorschub geleistet wird. Die EU-Richtlinie schreibt dies keinesfalls vor, und andere europä­ische Länder gehen einen anderen Weg.

Weitere Informationen:

http://www.zeit.de/2007/08/Leichenteile

http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=27742

www.bagfw.de/common/popups/download.php?id=104001000362

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/07 (25. März 07)