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Public Mental Health

Public Mental Health

Burkhard Gusy Psychische und körperliche Gesundheit sind gleich wichtig für das Wohlbefinden von Menschen und Gesellschaf­ten und Nationen. Derzeit erhält allerdings nur eine kleine Minderheit der welt­weit über 450 Millionen Menschen, die an psychi­schen oder verhaltensbedingten Krank­heiten leiden, eine angemessene Behandlung. So steht es in der Einfüh­rung zum Weltgesundheitsbericht 2001. Der im gleichen Jahr von der WHO verabschie­dete Aktionsplan sollte der historischen Margi­nalisierung psychischer Gesundheit in den Ge­sundheitssystemen vieler Länder entgegen wir­ken und psychische Krankheiten sowie den da­rauf bezogenen Einsatz finanzieller Mittel ver­größern. Für die Bundesrepublik Deutschland saß die Gesundheitsministerin U. Schmidt mit am Tisch. Fünf Jahre später wollen wir wissen, wie sich die Situation hierzulande darstellt.

Sucht man im deutschsprachigen Raum nach Einträgen von Webseiten, die die Wortgruppe „Public Mental Health“ beinhalten, ist die Aus­beute gering. Der erste Eintrag verweist auf eine gleichnamige Forschungsgruppe der Uni­versitätsklinik Zürich, der zweite auf ein For­schungskolloquium zu diesem Thema an der Universität Leipzig, der dritte auf eine Publika­tion zu diesem Thema in der Zeitschrift „Das Gesundheitswesen“. Public Mental Health scheint hierzulande als Thema noch nicht wirk­lich angekommen zu sein.

Mit Public Mental Health werden alle auf psy­chische Erkrankungen bezogenen Public Health Aktivitäten bezeichnet. Holzinger, Matschinger & Angermeyer (2004) analysierten auf der Basis einer Literaturrecherche die diesbezüglichen Forschungsaktivitäten im deutschsprachigen Raum. Die Suche in einschlägigen Datenbanken führte zu 193 Treffern (im Jahr 2003). In der durch das BMBF finanzierten Aufbauphase von Public Health in der Bundesrepublik Deutsch­land behandelten nur 22 von 188 geförderten Projekte Fragen zu Public Mental Health.

Die Forschung zu diesem Gegenstand konzen­triert sich im deutschsprachigen Raum auf psy­chiatrische Kliniken an Universitäten (Leipzig, Düsseldorf, LMU und TU München sowie Greifswald). Das MPI in München, das Zentrum für Epidemiologie und Sozialmedizin der Uni­versität Greifswald sowie das Zentrum für See­lische Gesundheit in Mannheim sind nach den Recherchen von Holzinger et al. (2004) die for­schungsaktivsten außeruniversitären Einrich­tungen zu Themengebieten von Public Mental Health. Die regionale Verteilung der Public Mental Health Forschung zeigt eine Konzentra­tion in München, Düsseldorf, den neuen Bun­desländern sowie Baden-Württemberg (Mann­heim, Freiburg, Tübingen, Ulm).

Die Rangreihe der Forschungsthemen beinhal­tet Epidemiologie und Gesundheitsberichter­stattung (34,7%), Versorgungsforschung und Qualitätsmanagement (32%), Prävention und Gesundheitsförderung (13,2%), psychiatrische Einstellungsforschung (12,4%) sowie Gesund­heitssystemforschung und Gesundheitsökono­mie (5,2%). Die Hälfte der Arbeiten behandelt spezifische psychische Störungen, am häufig­sten geht es um Suchterkrankungen, gefolgt von Störungen aus dem schizophrenen For­menkreis, affektiven Störungen, Angststörun­gen sowie anderen „neurotischen“ Störungen. Burruano & Bramesfeld (2005), die drei ge­sundheitswissenschaftliche Zeitschriften[1] der Jahrgänge 2000-2005 auswerteten, kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Die quantitativ größte Menge an Beiträgen gilt dem Thema „psychi­sche Komorbidität (16 Beiträge), gefolgt von jeweils 9 Beiträgen zur psychiatrischen Versor­gung sowie der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Nur ein Beitrag behandelt Fragen der Patientenautonomie.

Im Jahre 2005 wurde auf der europäischen mi­nisteriellen WHO-Konferenz „Psychische Ge­sundheit“ ein Aktionsplan beschlossen. Dieser sieht unter dem Stichwort „Wirksamkeit aus­werten und neue Erkenntnisse gewinnen“ auch Investitionen in die Forschung vor, um „neue Erkenntnisse zu gewinnen, das vorhan­dene Wissen zu verbreiten und um Grundlagen für evidenzbasierte Aktivitäten im Bereich zu schaf­fen“. Zu den wichtigen Forschungspriori­täten zählen – laut Aktionsplan – Analysen und Kon­zeptionen im Bereich psychische Gesundheit, Folgenabschätzung allgemeiner Politikbereiche auf die psychische Gesundheit, eine bessere Erkenntnisgrundlage für Prävention, neue Dienstmodelle sowie Gesundheitsökonomie im Bereich psychischer Gesundheit. Der For­schungsbedarf geht dabei weit über den oben skizzierten Forschungsstand hinaus. Der Ak­tionsplan will der eingangs zitierten historischen Marginalisierung psychischer Gesundheit ent­gegen wirken. In den nächsten zehn Jahren soll die Situation psychisch Kranker nach dem Wil­len der EU Gesundheitsminister deutlich verbes­sert werden. Der 12 Punkteplan sieht vor

  • 1.     das psychische Wohlbefinden aller zu för­dern
  • 2.     die zentrale Position psychischer Gesundheit aufzuzeigen
  • 3.     gegen Stigma und Diskriminierung vorzuge­hen
  • 4.     geeignete Angebote für vulnerable Lebens­phasen zu fördern
  • 5.     psychische Gesundheitsprobleme und Suizid zu verhüten
  • 6.     eine gute Primärversorgung für psychische Gesundheitsprobleme zu sichern
  • 7.     Menschen mit schweren psychischen Ge­sundheitsproblemen durch gemeindenahe Dienste wirksam zu versorgen
  • 8.     sektorenübergreifende Partnerschaften zu errichten
  • 9.     ein ausreichendes und kompetentes Arbeits­kräfteangebot zu schaffen
  • 10.  verlässliche Informationen über psychische Gesundheit zu sichern
  • 11.  eine faire und angemessene Finanzierung bereitzustellen und
  • 12.  Wirksamkeit auszuwerten und neue Erkennt­nisse zu gewinnen.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde zu Public Mental Health bislang nur ein nationales Gesundheitsziel formuliert: Depressive Erkran­kungen verhindern, früh erkennen, nachhaltig behandeln (Ziel 6). Hierzu werden Interven­tionen in den Bereichen Aufklärung, Prävention, Behandlung, Rehabilitation und Versorgungs­strukturen beschrieben [Mehr]. Alle verantwort­lichen Akteure (Politik, Leistungserbringer, Kos­tenträger, Selbsthilfe- und Patientenorganisatio­nen sowie die Wissenschaft) sind nun dazu auf­gerufen, „das Gesundheitsziel in ihre jeweiligen Zuständigkeitsfelder zu integrieren und Maß­nahmen zur Zielerreichung umzusetzen“.

Der Weg psychische und körperliche Gesund­heit zu gleichem Rang zu verhelfen, ist noch ein weiter. Forcierte Anstrengungen in Politik, For­schung und Praxis sind notwendig, um die „Etappenziele“ des Europäischen Aktionsplanes aus dem Jahre 2005 nicht zu verfehlen.

Quellen

Holzinger, A., Matschinger, H. & Angermeyer, M. C. (2004). Public Mental-Health-Forschung im deut­schen Sprachraum. Psychiatrische Praxis (31), 369-377.

Burruano, L. & Bramesfeld, A. (2005). Was interessiert Public Health in Deutschland an der seelischen Ge­sundheit. Das Gesundheitswesen, 67 (DOI: 10.1055/s-2005-920696).


[1]Das Bundesgesundheitsblatt (14Treffer) – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz (7 Treffer), die Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften und dessen Nachfolger Journal of Public Health (7 Treffer), Das Gesundheitswesen (49 Treffer).

 

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/07 (25. März 07)