Buchrezension: Schmid, E., Weatherly, N., Meyer-Lutterloh, K., Seiler, R. & Lägel, R. (2008). Patientencoaching, Gesundheitscoaching, Case Management. Methoden im Gesundheitsmanagement von morgen. Berlin: MVV.

Schmid, E., Weatherly, N., Meyer-Lutterloh, K., Seiler, R. & Lägel, R. (2008). Patientencoaching, Gesundheitscoaching, Case Management. Methoden im Gesundheitsmanagement von morgen. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (29.95 Euro)

Dieser Band fokussiert die zunehmend aktivere Rolle des Patienten im Gesundheitssystem, der nicht mehr nur Empfänger, sondern Entscheider, Wähler und Nutzer von Gesundheitsleistungen geworden ist Patienten-, Gesundheitscoaching und Case Management sind neue Berufsbilder, die die eigenverantwortliche Navigation durch das Gesundheitssystem unterstützen sollen. Patientencoaching  will – so die Autoren – durch Information, Beratung und Organisationsleistung effizient und effektiv durch das Gesundheitswesen führen, Gesundheitscoaching soll die Bestimmung und Umsetzung individueller gesundheitlicher Ziele fördern und Case Management Externe an Diagnose–und Behandlungsentscheidungen beteiligen, die den beratenen Personen erlaubt, eine qualifizierte Entscheidung zu treffen. Die Autoren heben hervor, dass die Berater in der Regel nicht stellvertretend aktiv[1] und nicht bevormundend werden sollen.

Der Band bündelt die Beiträge eines Workshops der Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung e.V., einem laut eigener Webseite „pluralistischen Verein aus Leistungser­bringern, Verbünden, Managementgesellschaften, Verbänden, Krankenkassen und Industrie“. Ohne die großzügige Hilfe verschiedener Pharmaunternehmen – so die Herausgeber im Vorwort – wäre dieser Band nicht entstanden.

Das erste Kapitel des Bandes greift die Frage auf, warum das deutsche Gesundheitswesen Patienten-, Gesundheitscoaching und Case Management braucht? Die Breite und Differenziertheit des Versorgungsangebotes vor allen Dingen an Schnittstellen zwischen stationärem und ambulantem Bereich ist – so die Autoren – den meisten Nutzern nicht bekannt, so dass Grundlagen fehlen um das beste und passende Angebot auszuwählen. Dies führt zu Fehlnutzungen. Zeitgleich wird die Rolle des Patienten gestärkt, der nicht nur in den Entscheidungsgremien der Selbstverwaltung mitwirkt sondern auch häufiger medizinische Ratgeber nutzt und sich auch selbst auch behandelt (z.B. Selbstmedikation). Diese die Ausgangslage kennzeichnenden Problemlagen offenbaren ein Steuerungsproblem sowohl auf der Anbieter- als auch auf der Nutzerseite.

Zur Lösung dieses Problems wird der Einsatz von Lotsen gefordert (Coach oder Case Manager). Deren Aufgabenfelder werden in Kapitel 2 beschrieben, Erfahrungen aus einem Modellprojekt (Brannenburger Modell) vorgestellt. Der Zugang zum Coach erfolgt über einen Koordinationsarzt, ein Call-Center oder aber eine Internetplattform. Die beteiligten Akteure des Versorgungssystems stimmen sich über eine internetbasierte Kommunikationsplattform ab, als deren unverzichtbarer Bestandteil die Autoren des Bandes eine elektronisch geführte Patienten- und Gesundheitsakte anführen.

Der persönliche Nutzen dieses Angebots für die Patienten wird in Kapitel 4 thematisiert. Das Wohl des Patienten zu fördern ist das eigentliche Ziel der Leistung des Lotsen. Hierfür nutzt der Coach / Case-Manager seine Kenntnisse über das Versorgungssystem und seine Akzeptanz bei den Leistungserbrin­gern. So werden Patienten mit unspezifischer Symptomatik an geeignete Einrichtungen des Gesundheitswesens vermittelt, das Krankheitsmanagement chronisch kranker Personen wird effizienter gestaltet und einer „Systemverirrung“ von Versicherten auf Grund unzureichender Kenntnisse der Angebotsstruktur entgegen gewirkt. Darüber hinaus soll das Gesundheits(vorsorge)verhalten verbessert, Angehörigenarbeit geleistet sowie die Compliance zwischen Patient und Leistungsanbietern optimiert werden.

Sichtbar wird der zu leistende Spagat des Coaches oder Case-Managers, weil dieser einerseits dem Wohl des Patienten verpflichtet ist aber andererseits – auch bei selbständiger Tätigkeit – zumindest finanziell an die Leistungserbrin­ger gekoppelt ist. Ob ein möglicher Interessenkonflikt durch eine strenge Berufsethik oder eine Neutralitätsverpflichtung aufgehoben werden kann (Seite 84), wie die Autoren empfehlen, ist fraglich.

Das zur Erfüllung dieser komplexen Aufgaben eine neue qualitätsgesicherte und akkreditierte Ausbil­dung erforderlich ist, begründen die Autoren in Kapitel 9 und 10 und benennen entsprechende Ausbildungsinhalte. Für die abschließende Frage, wo die Reise hingeht, nutzen die Autoren ein Zitat aus dem Bertelsmann Chartbook 2006. „Tatsächlich existiert aber zwischen Arzt und Patient ein großes Informationsgefälle, welches dazu beiträgt, dass die große Mehrheit der „Konsumenten“ nicht ausreichend in der Lage ist, zwischen verfügbaren Alternativen zu wählen.“ Ob die Beseitigung des Informationsgefälles bzw. die sich daraus ergebenden Konsequenzen durch eine neue Profession aufgehoben werden können bleibt fraglich, da Coach und Case Manager ebenso einen deutlichen Informationsvorsprung haben und eine Befähigung zur Selbsthilfe – die die Autoren als Ziel angeben – voraussetzt, dass die Professionellen Bedürfnisse und Bewertungen der zu Beratenden ausreichend berücksichtigen. Ausschöpfen lassen sich so mögliche Effizienzreserven im System gesundheitlicher Versorgung. Voraussetzung ist aber, dass ein dem Bedürfnis des Versicherten entsprechendes Versorgungsangebot verfügbar ist. In Zeiten zunehmender finanzieller Restriktionen im Gesundheitsbereich, den die Autoren als Hintergrund für die Einführung der Lotsenfunktion anführen, wird auch der Vermittlungsspielraum der Coaches und Case Manager geringer werden.

Das Buch greift aktuelle Entwicklungen des Gesundheitssystems auf und skizziert Lösungsansätze, die vor allen Dingen die Steuerung des gesundheitlichen Versorgungsgeschehens betreffen. Coaches und Case Manager sollen die eigenverantwortliche Navigation im Versorgungssystem erleichtern. Viele Praxisbeispiele, unmittelbar einleuchtende und nachvollziehbare Erläuterungen werden in kurzer und knapper Form präsentiert. Die Argumentation der Autoren liest sich wie ein Werbefeldzug für die flächendeckende Einführung von Coaching und Case-Management im Gesundheitswesen, deren Vorzüge deutlich beschrieben, Barrieren und Restriktionen aber zu wenig angeführt werden. Die grafische Gestaltung und Zitation erweckt den Anschein einer wissenschaftlichen Publikation, die gezielte Auswahl an Argumenten, fehlende Belege für Behauptungen sowie eine geringe Anknüpfung an die derzeitige fachwissenschaftliche Diskussion, begründen hingegen Zweifel an der Wissenschaftlichkeit. So bleibt der Eindruck einer Standortbestimmung der Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung, eines Vereins, der von der Gesundheitsindustrie unterstützt wird.

Für einen Einblick in Konzepte zur Nutzersteuerung im Gesundheitssystem, ist dieser Band orientierend, für einen Überblick ist aber die Lektüre weiterer fachwissenschaftlicher Darstellungen zu Case Management und Gesundheitscoaching empfehlenswert.


[1]     mit Ausnahme des Case-Managers

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/09 (20. März 09)