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Buchrezension: Seelos, H.-J. (2008). Patientensouveränität und Patientenführung. Medizinmanagement in Theorie und Praxis Wiesbaden: Gabler (34,90 €)

Seelos, H.-J. (2008). Patientensouveränität und Patientenführung. Medizinmanagement in Theorie und Praxis Wiesbaden: Gabler (34,90 €)

Dieses Buch greift die Frage auf, wie sich Patientenführung und –lenkung im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Interessen der Akteure sowohl in der Arzt-Patienten-Beziehung als auch im System gesundheitlicher Versorgung zielorientiert gestalten lassen ohne dabei die Souveränität des Patienten zu vernachlässigen. Inhalt des 150 seitigen Bandes sind die Themen Patientenrechte, Behandlungsvertrag, Arzt-Patient-Verhältnis, Selbstmanagement und Patientenlenkung. Ergänzt wird der Inhalt um ein 40-seitiges Glossar, das dem von Seelos ebenso herausgegebenen Lexikon Medizinmanagement entnommen wurde und relevante Begriffe im Text erläutert.

Der Autor dieses Bandes ist Geschäftsführer mehrerer Krankenhäuser, Pflegeheimen und Tageskliniken sondern ebenso Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Lehrender an (inter-)nationalen Hochschulen und wählt einen Zugang zum Thema Patientensouveränität über das Medizinmanagement. Medizin wird im Sinne von Ferber als das institutionalisierte Ergebnis des Anspruchs, wissenschaftlich begründete und kompetente Hilfe zu gewährleisten, wo Gesundheit gestört oder in Gefahr ist, verstanden. In Folge unterscheidet Seelos zwischen Subjektsystemen, denjenigen die das System der Medizin ausüben und Objektsystemen, der Zielgruppe dieses institutionell organisierten Angebots.

Aus der Perspektive des Medzinmanagements stellt sich der Autor die Frage, wie eine Führung des Patienten auf verschiedenen Ebenen des Gesundheitssystems zu gestalten ist, damit sich individuelle Behandlungsziele erreichen lassen als auch die aus Gründen der Patientensouveränität gebotenen Optionen wie Information, Transparenz und Mitbestimmung sinnvoll entfalten lassen. Der Band beginnt mit dem Thema Patientenrechte, gefolgt von den vertragsrechtlichen Grundlagen der Patientenbehandlung, der Arzt-Patient-Interaktion sowie Verbesserungsvorschlägen für die derzeitige Praxis.

Im Kapitel zu Patientenrechten geht der Autor zunächst auf grundgesetzliche Regelungen unterschiedlicher Rechtsgebiete zu diesem Thema ein, die in einem Leitfaden zu Patientenrechten in Deutschland [»] zusammen gestellt sind. Dem Patienten steht das Recht auf eine umfassende persönliche Aufklärung durch den Arzt über Art, Umfang und Tragweite der anzuwendenden Maßnahmen und den damit verbundenen gesundheitlichen Chancen und Risiken zu, die es ihm erleichtern sollen, die notwendigen Entscheidungen über die medizinische Behandlung zu treffen. Der Leitfaden ist gleichzeitig ein Appell an alle im Gesundheitswesen Beteiligten, diese Rechte zu achten und den Patienten bei der Durchsetzung dieser Rechte zu unterstützen. Zur Ausübung von Patientenautonomie benötigt der Patient qualifizierte Informationen und Mitsprachemöglichkeiten bei der Behandlung, hier sieht Seelos Potenziale in der elektronischen Gesundheitskarte sowie der Patientenquittung.

Rechtsgrundlage zur Erbringung von Gesundheitsleistungen ist der Behandlungsvertrag (Kapitel 3), als totaler oder gespaltener Krankenhausaufnahmevertrag ggf. mit Arztzusatzvertrag. Die sich aus dem Vertrag ergebenden (Neben-)Pflichten für die Leistungserbringers wie z.B .der Grundsatz der persönlichen Leistungserbringung oder die Wahrung des Patientengeheimnisses und des Patienten werden auf dreißig Seiten erläutert.

Unabhängig von den vertraglichen Bedingungen misst Seelos dem Arzt-Patienten-Verhältnis eine wichtige Rolle zu, die als Partner in einem therapeutischen Arbeitsbündnis wirken und als Dienstleister:  der Arzt als medizinischer Experte, der Patient als Kunde, der  eine Gesundheitsleistung nachfragt. Steuernd in diesem Prozess sind neben dem individuellen Verhalten von Arzt und Patient situative Bedingungen sowie kommunikative Kompetenzen.

Den Eigensteuerungsmöglichkeiten ist Kapitel 5 gewidmet. Der Patient wird dabei unterstützt Basisfertigkeiten und Kompetenzen zu erwerben sowie Barrieren abzubauen, die den Umgang mit und die Behandlung von Krankheiten erschweren. Explizit nennt Seelos Ängste, Depressionen und Zwänge. Als Maßnahmen oder Instrumente des Selbstmanagements werden  Patientenschulung, Patientenleitlinien, Patientenvertrag, Compliance Monitoring, Erinnerungssysteme sowie psychosoziale Unterstützung genannt.

Unterschiedliche Organisationsformen und Instrumente zur Versorgungssteuerung werden im abschließenden sechsten Kapitel dargestellt. Hierzu zählt der Autor Gatekeeping, eine Zugangssteuerung zum  Versorgungssystem über einen bestimmten Arzt (z.B. Hausarzt), Case-Management, personenzentrierte Hilfeansätze (z.B. bei chronisch Kranken, Disease Managementprogramme, integrierte Versorgung sowie eine Orientierung der Behandlung an Leitlinien nennt Seelos als organisierte, institutionelle Angebote zur Patientenlenkung.

Die Perspektive, aus der das Buch verfasst wurde, ist die der Anwendung der Managementlehre auf die institutionalisierte Medizin. Es verdeutlicht die konstitutive Rolle des Patienten für das Versor­gungssystems und befasst sich mit den Einflussmöglichkeiten von Arzt und Patient in diesem Prozess. Der Anspruch des Patienten leitet sich aus seinen gesetzlich verankerten Rechten ab, dem gegenüber steht die organisierte institutionalisierte Antwort des Versorgungssystems dagegen.

Das Buch beeindruckt durch seine knappe, und  informative Darstellung, die einer gut lesbaren Struktur folgt. Die Darstellung aus der Perspektive des Medizinmanagements verdeutlicht gestaltbare Bereiche und mögliche Lösungen. Unterschiedliche Interessen der Akteure – so Seelos in der Einführung zu diesem Band– führen zu Spannungszuständen. Wie diese aussehen, wird nur wenig sichtbar. Nicht reflektiert wird z.B. im Kapitel zu Vertrauen in der Arzt-Patienten Beziehung die asymmetrische – meint nicht gleichberechtigte – Kommunikation zwischen den Beteiligten. Souveräne Entscheidungen des Patienten dürften hier eher die Ausnahme sein. So bleibt als wesentlicher Verdienst dieses Bandes, dass als Ziel alltäglicher Arbeit in Gesundheitsberufen die Förderung der Selbststeuerung von Patienten formuliert wird.

Das Buch richtet sich an Akteure, die gesundheitliche Versorgungsstrukturen gestalten oder dort praktisch tätig sind und sich über modernere Konzepte zur Patientenlenkung informieren wollen in denen eine aktivere Rolle des Patienten mit bedacht wird.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 01/09 (20. März 09)