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BSE – ein umstrittenes Risiko

BSE – ein umstrittenes Risiko

Burkhard Gusy „How now, mad cow? titelte das European Journal of Marketing im Juni 1998 zur Bovine Spongiforme Encephalopathie (kurz BSE) Krise und dem da­rauf bezogenen Verhalten der Konsumenten. 2001 lebte die BSE-Krise erneut auf, dieses Mal im Kontext der Maul- und Klauenseuche (MKS). Schwierig scheint es für die meisten Verbraucher zu sein, sich ein klares Bild von den Risiken, die mit BSE verbunden sind, zu machen. So zeigt z.B. eine Online-Befragung der Besucher der Webseite www.bse-info.de, dass sich 75% der Befragten nicht ausreichend über Ver­dachtsfälle im Kontext von BSE informiert fühlen. Dieser Artikel versucht den aktuellen Stand der Diskus­sion zusammenzutragen.

Eine Reihe experimenteller Befunde deuten überzeugend darauf hin, dass ein Zusammen­hang zwischen dem Verzehr von BSE-belaste­tem Rindfleisch und einer neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (vCJK) besteht und der BSE-Erreger aller Wahrscheinlichkeit nach über Lebensmittel übertragen wird. Galten BSE und vCJK zunächst als rein britisches Problem, gegen das sich andere Länder z.B. durch Im­portverbote, schützen konnten, haben verein­zelte Fälle von BSE-infizierten Rindern bzw. Be­richte über den Import von BSE-belasteten Le­bensmitteln sowie fehlerhaften Laborergeb­nis­sen Zweifel an der Begrenzung auf Großbritan­nien geschürt. Trotz umfang­reicher adminis­trativer Bemühungen handelt es sich um ein „umstrittenes Risiko“ (Pfister & Böhm, 2001), welches mit wechselnder Drama­tik in der Öffentlichkeit behandelt wird. Ob die adminis­trativen Bemühungen ausreichen, BSE- belas­tete Nahrungsmittel aus dem Handel zu halten und die Verbraucher nachhaltig zu schützen, ist der jeweiligen Einschätzung der Verbraucher überlassen. Die zeitweise drastischen Absatz­einbrüche von Rindlfeisch lassen darauf schlies­sen, dass Verbraucher verunsichert reagieren.

Zur Epidemiologie

Bei BSE handelt es sich um eine Krankheit bei Rindern, die in den 80er Jahren erstmalig in Großbritannien diagnostiziert wurde. Es ist eine schwammartige Hirnkrankheit des Rindes, die mit zentralnervösen Degenerationen einhergeht (Bewegungsunsicherheit; zunehmender Aggres­sivität und Ängstlichkeit) und tödlich endet. Als Infektionsquellen wurden ungenügend inakti­vierte Tier- und Knochenmehle identifiziert, die dem Tierfutter beigemengt werden. In experi­mentellen Studien konnte gezeigt werden, dass der Verzehr hochinfektiösen BSE-kontami­nier­ten Rindermaterials (z.B. Rückenmark, Gehirn, Schädel, Mandeln und Darm von Rindern) bei Menschen eine „neue Variante“ der Creutz­feldt -Jakob-Krankheit (vCJK) auslöst (vgl. Cousens et .al., 2001; RKI, 2001). vCJK ist eine tödlich ver­laufende, neurodegenerative Krankheit, die im Gegensatz zu der bis dahin bekannten spora­dischen CJK bei überwiegend jungen Menschen im  Durchschnittsalter von 27 Jahren auftritt (RKI, 2001).

Europaweit nimmt die Zahl diagnostizierter BSE-Fälle ab (vgl. Tabelle 1), mit Schwankun­gen in den einzelnen Mitgliedstaaten. Während in Großbritannien die Fallzahlen BSE-diagnosti­zierter Rinder seit 1992 sinken, ist die Entwick­lung in Frankreich und Deutschland gegen­läu­fig - wenn auch auf deutlich niedrigerem Ni­veau. Im Jahr 2000 wurde in heimischen Be­ständen im Jahr 2000bei 7 Rindern, im Jahr 2001 bei 125 und bis Februar 2002 bei 18 Rin­dern BSE diagnostiziert. In Frankreich wer­den seit dem Jahr 2000 unisono steigende Fall­zahlen berichtet.

Tabelle 1: BSE-Inzidenzen in verschiedenen eu­ropä­ischen Staaten

 

Gross-britanien

Schweiz

Frank­reich

Deutsch­land

Vor 1989

2.980

 

 

 

1989

7.166

 

 

 

1990

14.294

2

 

 

1991

25.202

8

5

 

1992

37.056

15

0

(1)

1993

34.829

29

1

 

1994

24.290

64

4

(3)

1995

14.475

68

3

 

1996

8.090

45

12

 

1997

4.335

38

6

(2)

1998

3.197

14

18

 

1999

2.281

50

31

 

2000

1.428

33

162

7

2001

1.005

42

277

125

Quelle; Angaben in Klammern kennzeichnen importierte Fälle

 

Während die  BSE-Rate europaweit trotz Schwankungen in den einzelnen Mitgliedsta­aten zurückgeht, zeigt bei vCJK ein zeitverzö­gerter Trend. 104 be­reits verstorbene und 9 noch lebende Fälle werden aus Großbritannien berichtet, Frankreich meldet bislang 3 vCJK er­krankte Personen. In dem beim RobertKoch Institut geführten Fallregister ist für die Bundes­republik Deutschland bislang kein einziger Fall verzeichnet. Experten gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren mit einem Anstieg an vCJK-erkrankten Menschen zu rechnen ist, bis zum Jahre 2040 werden unter „worst-case“ An­nahmen für Großbritannien bis zu 6.000, für an­dere Länder West- und Mitteleuropas 300-600 Fälle erwartet (RKI, 2001). Diese Zahlen sind Schätzwerte, die auf Grund der zugunde­liegenden  Parameter als vage be­zeichnet wer­den müssen.

Verbraucherverhalten im Kontext von BSE und vCJK

Erstaunlich gering ist die Anzahl an Publikatio­nen aus dem gesundheitswissenschaftlichen Spektrum, die sich mit BSE als möglichem Er­krankungsrisiko für den Menschen auseinander­setzen und das Ver­halten der Konsumenten angesichts einer möglichen Bedrohung durch BSE beleuchten, um Hinweise für die Adressie­rung und für Inhalte  von Präventions­botschaf­ten geben zu können. Von Bedeutung in die­sem Kontext ist sicher auch, dass frühzeitig ris­kante Informationen wie z.B. das Abwiegeln ei­ner möglichen Gefährdung der Verbraucher durch BSE von administrativen Stellen das Ver­trauen der Ver­braucher nachhaltig erschüttert haben.

Die wenigen verfügbaren Studien legen nahe, dass das Wissen der Verbraucher zu BSE und vCJK zu ungefähr 50% den bekannten Sachver­halten entspricht, die Darstellung zu diesen Themen in den Medien als zu stark dramati­sierend bewertet wird und eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten stattgefunden hat – Rindfleisch und rindhaltige Nahrungsmit­tel werden weniger konsumiert (Herbst, König, Pant & Gusy, 2003). Diese Ergeb­nisse legen nahe, dass sowohl Wissen um mögliche Gefah­ren als auch Hinweise zur Vermeidung bestim­mter Nahrungsmittel (Verzehr von Hirn- und Rückenmarksprodukten des Rindes) zu aktuali­sieren wäre, um präventives Verbraucherver­halten zu optimieren.

Ausblick

So lange die ergriffenen administrativen Strate­gien nicht ausreichen, BSE einzudämmen, ob­liegt die Entscheidung ob präven­tive Strategien notwendig sind dem Verbraucher, um ein even­tuelles Restrisiko ausschließen zu können. Der­zeit bemüht sich Frau Künast (Verbraucher­ministerin) in Brüssel vor dem Hintergrund der BSE-Krise, das Verfüttern von Tiermehl endgül­tig zu verbieten. Das wäre ein großer Erfolg für eine vorbeugende EU-Politik, sagte Künast am Dienstag in Brüssel am Rande des EU-Agrar­ministerrats. Nach der derzeitigen Beschlusslage würde das Verfütte­rungsverbot am 30. Juni auslaufen. Zusätzlich wäre die peinlich genaue Einhaltung der Schlachthofhygiene eine weitere sinnvolle vor­beugende Maßnahme. Ob BSE uns als Dauerthema erhalten bleibt, hängt wesentlich vom entschlossenen Handeln der politischen Akteure ab.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 02/03 (26. Apr. 06)