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Gesundheitssysteme in Europa: Das finnische Gesundheitssystem

Gesundheitssysteme in Europa: Das finnische Gesundheitssystem

Guido Grunenberg Mit der Betrachtung des fin­nischen Gesundheitssystems findet die Serie zu Gesund­heitssystemen in Europa ih­re Fortsetzung. Finnland steht mit seinem Gesundheitssystem im Ge­gensatz zu den in den letz­ten Ausgaben des News­letters analysierten Ländern wie Schweden, Frankreich, der Schweiz oder den Nie­derlanden eher für bedach­te, weitsichtige Reformen und findet vielleicht aus die­sem Grund weniger Beach­tung, wenn es darum geht, Reformschritte in ihrer Über­tragbarkeit auf hiesige Ver­hältnisse zu untersuchen.

Zu Unrecht. Denn neben den klassischen Re­formfeldern wie Erhöhung der Eigenverantwor­tung (durch Erhöhung der Zuzahlung) und Ausgliederung bestimmter Leistungen aus der Grundversorgung, setzt Finnland langfristig auf Interventionen in den Bereichen Prävention und Gesundheitsförderung, die in politischen Zielvorgaben und Programmen fest verankert sind.

Seit Beginn der neunziger Jahre ist die Ausgabenentwicklung im finnischen Gesundheits­wesen relativ konstant. Die Gesundheitsausga­ben erhöhten sich von 8,3 auf 8,7 Mrd. Euro. Mit einem Anteil von 6,6% am Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag Finnland damit im Jahr 2000 deutlich unterhalb des Durchschnitts der EU-Mitgliedsstaaten.

Die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft für das finnische Gesundheitssystem sind vergleichbar mit denen anderer europäischer In­dustrienationen: Sicherstellung der Gesund­heitsfürsorge für eine immer älter werdende Bevölkerung bei abnehmender Erwerbsbevöl­kerung und gleichzeitig zu erwartender ins­gesamt steigender Gesundheitsausgaben.

Grundlegende Prinzipien

Die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung ist in Finnland Aufgabe der staatlichen Behörden. Mit angemessen sozialen, gesundheits­rele­vanten und medizinischen Leistungen sowie der Förderung der öffentlichen Gesundheit soll die gesamte Bevölkerung versorgt werden.

Die Organisation der Gesundheitsleistungen fällt dabei in die Zuständigkeit der knapp 450 Gemeinden. Das öffentliche Gesundheitssystem wird im Wesentlichen über Steuern, teils aus kommunalen, teils aus staatlichen Steuer­mit­teln, finanziert. Der Zuschuss aus staatlichen Steuermitteln an die Gemeinden bemisst sich in erster Linie an der Altersstruktur in den Gemein­den. Darüber hinaus werden aber auch Kriteri­en wie die Arbeitslosenrate, Anzahl der Invali­denrenten und die Bevölkerungsdichte als Kri­terien berücksichtigt.

Neben den Leistungen der Gemeinde gibt es in Finn­land eine obligatorische Krankenversicherung für alle Bürger in die sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer einzahlen. Nach dem Prinzip der Kostenerstattung werden z.B. verschriebene Medikamente und Krankenhaus­transporte übernommen sowie Einkommens­ausfälle bei Krankheit und Entschädigungen für Elternschaftsurlaub ausgeglichen.

Medizinische Versor­gung

Die Grundversorgung wird in Gesundheitszen­tren erbracht. Der Begriff kennzeichnet eine re­gional tätige Organisation oder Ein­heit, die die Grundversorgung der Be­völkerung mit präventiven, kurati­ven und Vorsorgeleistungen Sicher­stellt. Die landes­weit etwa 270 Gesundheitszentren sind entweder in Besitz einer oder mehrerer Gemeinden.

Das Personal umfasst dabei Allgemein- und Fachärzte, Krankenschwestern, Hebammen, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten, Psy­chologen, Verwaltungsangestellte etc., die alle bei der Ge­meinde angestellt sind. Das Leistungsspektrum der Gesundheitszentren ist entsprechend umfangreich, variiert jedoch mit Blick auf die Be­völkerungsdichte. In entlegenen, bevölkerungs­armen Gebieten werden lediglich Ange­bote der Basis- und Notfallmedizin vorgehalten. Die Leistungen eines Gesundheitszentrums erstrecken sich auf ambulante und stationäre Versorgung, Prä­ventivleistungen, zahnärztliche Leistungen, Leistungen bei Mutterschaft und für Kinder, medizinische Versorgung von Schulkindern, Leistungen für Senioren und bei Pflegebedür­ftigkeit, Familienplanung, Physiotherapie und betriebsärztliche Leistungen. Der Gesetzgeber sieht dabei allerdings keine genaue Definition vor, wie die Leistungen zu erbringen sind. Dieses liegt allein im Ermessen der Gemeinden, die zunehmend auch bestimmte Leistungen auf dem Privatsektor ein­kaufen.

Die Arbeitgeber in Finnland sind verpflichtet, eine betriebliche Gesundheitsfürsorge für ihre Mitarbeiter anzubieten, die sowohl von Ge­sundheitszentren als auch von Privatärzten durchgeführt werden kann. Die betriebliche Gesundheitsversorgung hat einen präventiven Auftrag. Die Krankenversicherung erstattet dem Arbeitgeber 50% der angemessenen und notwendigen Kosten der Gesundheitsversorgung. Der Arbeitnehmer erhält die Leistungen unentgeltlich. Arbeitgeber und Arbeitnehmer tragen zur Finanzierung des Sys­tems durch ihre Beiträge bei.

Die sekundäre und tertiäre Versorgung wird in Krankenhäusern ambulant oder stationär von Fachärzten erbracht. Finnland ist in 20 Kranken­hausbezirke eingeteilt und verfügt über 5 Uni­versitätskliniken, 15 zentrale Krankenhäuser und 40 Fachkliniken. Die Finanzierung wird ebenso von der Gemeinde übernommen. Im Bereich der Pflege ist eine starke Verlagerung der Leistungen in den ambulanten Sektor zu beobach­ten, Angebote an häusliche Pflege-, Tages- und Teilzeitpflegeeinrichtungen wurden ausgebaut

Finanzierung

Die Gesundheitsleistungen werden in Finnland überwiegend aus Steuermitteln finanziert. Da-rüber hinaus zahlen Patienten einen Eigenanteil für Konsultationen in Gesundheitszentren, Kran­kenhäusern und bei Zahnbehandlungen. Ca. 40% der Kosten werden erstattet. Durch die Eigenbeteiligung der Patienten werden ca. 9% der staatlichen Gesundheitsausgaben finanziert.

Die Gemeinden setzen den jeweiligen Eigenanteil fest der einen Betrag von 590 Euro pro Jahr nicht überschreiten darf. Die darüber hinaus gehenden Kosten werden übernommen, wobei Leistungen bei Pflegebedürftigkeit ausgeschlossen sind. Der Höchstbetrag für eine Kranken­hausbehandlung beträgt 22 Euro, ambulant chirurgische Eingriffe kosten 72 Euro und der Eigenanteil für Konsultationen in Gesundheitszentren liegt bei 11 Euro für die ersten drei Besuche im Kalenderjahr. Ambulant verordnete Arzneimittel werden zum Teil erstattet, stationär erfolgt die Vergabe unentgeltlich.

Die Krankenversicherung wird zu ähnlichen Teilen durch die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer und staatliche Zuschüsse finanziert. Der Arbeitgeberanteil liegt bei 1,6% der Löhne und Ge­hälter, der der Arbeitnehmer bei 1,5% des steu­erpflichtigen Einkommens. Der Beitrag der Rentner liegt bei 0,4% des Renteneinkommens.

Bewertung

Die im EU-Vergleich eher unterdurchschnittlichen Gesundheitsausgaben Finnlands (bezogen auf deren Anteil am BIP) haben im Wesentlichen zwei Gründe. Nach kräftigen Anstiegen der Gesundheitsausgaben zu Beginn der neunziger Jahre wurden in Finnland gravierende Änderungen der Finanzstruktur im gesamten Gesundheitswesen vorgenommen, ähnlich dem Muster wie sie jetzt auch in Deutschland umgesetzt werden.  Während die staatlichen Zu­schüsse an die Gemeinde stetig gekürzt wurden und somit der Anteil der Ausgaben, der von den Gemeinden getragen werden musste, entsprechend anstieg, wurden gleichzeitig die Patienten mit zunehmenden Eigenanteilen belastet.

Die kontinuierliche Reduzierung der Gesundheitsausgaben zwischen 1990 und 2000 gelang dabei insbesondere durch eine drastische Reduzierung der Krankenhauskapazitäten. Der rein betriebswirtschaftlich sinnvolle Ansatz der Verlagerung in den ambulanten Sektor ging allerdings zu Lasten der Versorgungsqualität. Auch in Finnland sind daher erhebliche Wartezeiten in der (fach-)ärztlichen Versorgung in den Gesundheitszentren die Folge, die etwas geringer sind als beim skandinavischen Nachbarn Schweden.

Neben diesen schon fast obligatorischen Ansätzen der Ausgabensenkung, sind in Finnland auch langfristige gesundheitspolitische Entwicklungsziele zu beobachten, die ihren Fokus auf eine Verbesserung der Versorgungsqualität unter Berücksichtigung demogra­phischer, sozial­politischer und vor allem gesundheits­förder­licher Aspekte richten.

Die feste Verankerung der betrieblichen Gesundheitsförderung als Leistung der Kranken­versicherung ist nur ein Beispiel dafür, mit Prä­vention und Gesundheitsförderung positive An­reize und Akzente zu setzen, die sich für alle Be­teiligten auszahlen.

In verschiedenen Regierungsprogrammen wurden darüber hinaus u.a. Zielstellungen für das finnische Gesundheitssystem bis 2015 formuliert und kontinuierliche weiterentwickelt. Auch hier liegt ein Schwerpunkt auf Gesundheitsförderung. Unter Einbeziehung von Bereichen, die außerhalb des traditionellen Gesundheitsbe­griffs liegen wie Lebensstile, Lebensumfeld oder Qualität von Erzeugnissen erarbeiten interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitsgruppen an­hand konkreter Fragestellungen und akuten Problemen weitere flankierenden Maßnahmen, um die Qualität im finnischen Gesundheitssystem zu verbessern.

Informationen zu internationalen Vergleichen und zum finnischen Gesundheitssystem:

http://www.europa.eu.int/comm/employment_social/missoc/index_de.html

http://www.bundesaerztekammer.de/25/10Intern/BAEKIntern/19BAEKIntern200307.pdf

http://www.aekno.de/htmljava/i/themenmeldung.asp?id=413&jahr=2003

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 02/04 (15. Jun. 04)