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Wie gesund sind unsere Kinder? - Ergebnisse der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie (KiGGS)

Wie gesund sind unsere Kinder? - Ergebnisse der Kinder- und Jugendgesund­heitsstudie (KiGGS)

Guido Grunenberg Im Mai 2007 sind die ersten umfassenden Ergebnisse der Kinder- und Jugendstudie (KiGGS) veröffentlicht wor­den. Die als Sonderheft des Bundesgesundheitsblatts erschienenen Ergebnisse sollen den Auftakt zu wei­teren, tiefer gehenden Aus­wertungen darstellen. KiGGS ist eine vom Bun­desministerium für Gesund­heit (BMG) und dem Bun­desministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam initiierte und (in einem Umfang von knapp 12 Mio. Euro) finanzierte Studie, die am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin durch­geführt wird.

Das Ziel der Studie ist, nach Angaben der Ini­tiatoren, umfassende Daten zur gesundheit­lichen Lage von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu erheben, zu analysieren und die Ergebnisse an die Politik, die Fachwelt und die Öffentlichkeit weiter zu geben, um Problem­felder frühzeitig erkennen und vor allem Hand­lungsbedarfe – wie die Entwicklung von ziel­gerichteten präventiven Konzepten und Maß­nahmen - ableiten zu können. Die gewonnenen Daten sollen darüber hinaus eine valide Grund­lage der Gesundheitsberichterstattung auf Bun­desebene für die weitere Beobachtung der ge­sundheitlichen Entwicklung der nachwachsen­den Generationen darstellen und damit ein (nicht weiter spezifiziertes) „Monitoring“ er­möglichen.

Der Umfang der Studie kann in vielfacher Hin­sicht durchaus als einmalig bezeichnet werden. In einem Zeitraum von 3 Jahren (Mai 2003 bis Mai 2006) wurden fast 18.000 Kinder und Ju­gendliche im Alter von 0 bis 17 Jahren in 167 Städten und Gemeinden medizinisch unter­sucht und zum Teil unter Einbeziehung der Eltern befragt. Die Teilnehmerquote betrug 66,6%. Dabei wurden erstmalig auch Personen mit Migrationshintergrund repräsentativ in einen bundesweiten Gesundheitssurvey ein­gebunden. Insbesondere an diesem Punkt hegen die Initiatoren der Studie die Hoffnung, durch migrationsspezifische Analysen Wissens­lücken schließen zu können.

In der nun veröffentlichten „Basispublikation“ werden erstmals thematisch breit angelegte Ergebnisse der KiGGS-Studie dargestellt. Anga­ben zum gesundheitsbezogenen Verhalten wie Ernährung, Bewegung, Drogen- und Alkohol­konsum ebenso wie zum Impfstatus und zum Vorsorgeverhalten sollen erste Hinweise auf Risikofaktoren und besonders betroffene Grup­pen ermöglichen.

Dabei untergliedert sich die Ergebnisdarstellung in die folgenden groben Themenbereiche:
Gesundheitsverhalten, körperliche Gesundheit, psychische Gesundheit, Entwicklung und Ver­sorgung. Der Aufbau der Studie ist modular angelegt. Der Kernsurvey, der weitestgehend Gegenstand der Basispublikation ist und die Eckwerte der gesundheitlichen Situation der Kinder und Jugendlichen erhebt, wird ergänzt durch Studien (Module) zur psychischen Gesundheit (BELLA), zu Umweltbelastungen in den Haushalten (Kinder-Umwelt-Survey), zur motorischen Leistungsfähigkeit (Mo-Mo) und zur Ernährung (EsKiMo), die an Unterstichpro­ben durchgeführt werden, um tiefer gehende Fragestellungen und Zusammenhänge zu un­tersuchen. Die insgesamt 41 Einzelbeiträge der Basispublikation sind unter www.kiggs.de ver­fügbar.

Insgesamt zeigt sich in der Studie ein Wandel von akuten zu chronischen Erkrankungen wie Fettleibigkeit, Asthma oder Allergien und eine Zunahme psychischer Erkrankungen, den die Leiterin der Studie, Bärbel-Maria Kurth (RKI), als „neue Morbidität“ deutet, die vorrangig von Störungen der Entwicklung, der Emotionalität und des Sozialverhaltens bestimmt sei.

Im Zuge der Veröffentlichung der Ergebnisse ließ Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt bereits verlauten, dass es den Kindern in Deutschland im Großen und Ganzen gut gehe, um jedoch gleich einzuschränken, dass dieses leider nicht für Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Familien mit Migrationshinter­grund gälte, die häufiger einen ungesunden Lebensstil und ein erhöhtes Unfallrisiko aufwie­sen.

Tatsächlich deckt sich die Einschätzung von Ulla Schmidt im „Großen und Ganzen“ mit der sub­jektiven Einschätzung der Kinder und Jugend­lichen bzw. deren Eltern, die ihren Gesundheits­zustand zu etwa 90% als gut bis sehr gut ein­schätzen.

Jedoch zeigen sich die wachsenden sozialen Unterschiede in Deutschland nicht nur bei Ein­kommen und Bildung, sondern auch beim Ge­sundheitszustand. Denn die (keineswegs über­raschende) alarmierende Erkenntnis der Studie ist die Bestätigung, dass Kinder aus sozial be­nachteiligten Familien in durchweg allen Be­reichen (mit Ausnahme von Allergien) von Ge­sundheit und Lebensqualität schlechtere Ergeb­nisse aufweisen. Ob Rauchen, Übergewicht, Essstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Unfälle – die Risikofaktoren sozial benachteilig­ter Kinder und Jugendlicher liegen teilweise dreifach höher als die von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht.

Beim derzeitigen Stand der Auswertungen und Diskussionen sollte jedoch nicht vergessen wer­den, dass es sich im Rahmen der vorgestellten Ergebnisse um die Auswertungen des breit an­gelegten Kernsurveys handelt, in dem „nur“ die wichtigsten Indikatoren als Eckwerte erho­ben worden sind. Differenzierte Analysen sind den bereits oben erwähnten ergänzenden Modul­studien vorbehalten.

Hier liegen nur zum Teil erst erste Ergebnisse vor (wie. z.B. beim Kinder-Umwelt-Survey), oder darüber wurde noch gar nicht berichtet (z. B. Motorik-Modul, Ernährungsmodul).

Einzig das Modul „Psychische Gesundheit“ (BELLA-Studie) kann bereits jetzt mit einer de­taillierten Auswertung aufwarten und präsen­tiert nähere Zusammenhänge. Untersucht wur­de die Auftretenshäufigkeit psychischer Auf­fälligkeiten an einer repräsentativen Unterstich­probe im Umfang von 2863 Familien mit Kin­dern im Alter von 7-17 Jahren. Neben den spe­zifischen psychischen Auffälligkeiten (Ängste bei 10,0%, Störungen des Sozialverhaltens bei 7,6% und Depressionen bei 5,4% der Kinder und Jugendlichen) werden hier Zusammenhän­ge zum Kernsurvey hergestellt, die das Ausmaß der sozial bedingten Ungleichheiten stärker fo­kussieren.

Die Daten der BELLA- Studie belegen, dass Kin­der aus Familien mit einem niedrigen sozioöko­nomischen Status weniger personale, soziale und familiäre Ressourcen aufweisen und deut­liche Zusammenhänge zwischen diesen so ge­nannten „Schutzfaktoren“ und dem gesund­heitlichen Risikoverhalten bestehen.

Deutlich wird die Empfehlung ausgesprochen, bei der Identifikation von Risikogruppen nicht nur Risikofaktoren für die psychische und sub­jektive Gesundheit einzubeziehen, sondern auch die vorhandenen Ressourcen zu berück­sichtigen und die Stärkung dieser als wesent­liches Ziel von Prävention und Intervention auszugeben.

Konkretere Interventionsvorschläge finden sich in den 41 Einzelbeiträgen der Basispublikation im Übrigen nicht. Vielmehr konstatieren die verschiedenen Autoren einen dringenden ge­sundheitspolitischen Handlungsbedarf und fordern, dass die ersten vorliegenden Ergeb­nisse Ausgangspunkt für zielgruppenbezogene Präventionsmaßnahmen sein und insbesondere den Sozial- und Migrationsstatus berücksich­tigen sollen. Ansonsten findet man jedoch die üblichen Allgemeinplätze: Gesundheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Kinder, Jugendliche und Familien müssen gestärkt, so­ziale Netze unterstützt und Chancengleichheit gefördert werden etc.

Als erste Antwort stellt das BMG und das Bun­desministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BELV) den „Aktions­plan Ernährung und Bewegung“ als Schlüssel für mehr Lebensqualität vor.

Das bereits vom Bundeskabinett beschlossene Eckpunktepapier soll die Grundlage zur Erarbei­tung eines nationalen Aktionsplans zur Präven­tion von Fehlernährung, Bewegungsmangel, Übergewicht und damit zusammenhängenden Krankheiten sein.

Allerdings ist der Ansatz hier (noch) eher global als zielgruppenspezifisch ausgerichtet und greift die ersten aus der Studie resultierenden Hand­lungsempfehlungen kaum auf.

So spielen die Bereiche psychische Gesundheit und Umweltbelastungen bisher offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Ebenso befinden sich die beiden für Bewegung und Ernährung relevanten Module der KiGGS-Studie noch in der Phase der Auswertung.

Es bleibt daher vorerst abzuwarten, ob und inwieweit die Chancen und Potenziale, die ohne Zweifel in der KiGGS-Studie liegen, bei der zukünftigen Planung von Interventionen und Konzepten gesundheitspolitisch wirksam und zielgerichtet genutzt und umgesetzt werden können.

Auf die weiteren Ergebnisse der KiGGS-Studie und die ersten konkreten Maßnahmen im Rahmen des Aktionsplans darf man bis dahin gespannt sein.

Weitere Informationen:

KiGGs

Eckpunktepapier zum Aktionsplan „Ernährung und Bewegung“

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 02/07 (28. Juni 07)