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Rauschtrinken Jugendlicher

Rauschtrinken Jugendlicher

Burkhard Gusy & Sarah Quappen Nachdem ein 16 jäh­riger Gymnasiast in Folge exzes­siven Alkoholkonsums nach einem vierwöchigen Koma verstarb, haben Politiker nun das Bewerben und Veranstalten von Flatrate-Parties gesetzlich verboten.Die Attraktivität des Ange­bots für Jugendliche be­stand darin, zu einem Fest­preis so viel Alkohol zu trin­ken wie gewünscht – auch in bereits erkenn­bar alko­holisiertem Zustand. Die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing begrüßt das Verbot von Flatrate-Parties: „Angebote zum Rauschtrin­ken sind unverantwortlich. Ein verantwortlicher Um­gang mit Alkohol wird be­sonders bei Jugendlichen und jungen Menschen durch diese Angebote deutlich unterlaufen.“ [Mehr]

Der Alkoholkonsum bei 12-17jährigen Jugend­lichen ist nach leichtem Rückgang von 2004 auf 2005 im Jahr 2007 wieder deutlich angestie­gen. Neben dem regelmäßigen Alkoholkonsum stellen auch bestimmte Konsummuster, wie das episodisch starke Trinken (auch „binge drin­king“), ein erstzunehmendes gesundheitliches Risiko dar.

Was ist binge drinking bzw. Rauschtrinken?
Die Weltgesundheitsorganisation definiert den englischen Begriff ‚binge drinking’ (binge [engl.]: Gelage) als „heftigen episodischen Alko­holkonsum mit dem Ziel, einen Alkoholrausch her­beizuführen. Im deutschsprachigen Raum wird die Trinkmotivation, „einen Rausch herbei­zuführen“ in der Wortwahl ‚Rauschtrinken’ noch deutlicher her­vorgehoben.

In den Erhebungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wird „Rauschtrinken“ über die Trink­menge (5+, d.h. fünf Gläser oder mehr) an ei­nem Tag erfasst. Die Mengenanga­ben werden genutzt, um die Blutalkoholkon­zentration zu bestimmen, die bei fünf Gläsern Alkohol nach Berechnungen des US-amerikanischen National Insti­tute on Alco­hol Abuse and Alcoholism um 0,8‰ liegt. Die die­sen Berechnungen zu Grun­de liegenden Anga­ben basieren auf „typischen“ Gläser­größen und „mittleren“ Werten des Alkohol­gehalts pro kon­sumierter Substanz. Dass diese Angaben jedoch länder­spezifisch vari­ieren, zeigten Uhl et al. (2005): 5 „drinks“ in Schott­land ent­sprechen 33 Gramm Reinalkohol, wäh­rend 5 Trinkeinheiten in Österreich ungefähr 100 Gramm Reinalkohol ent­sprechen.

Trotz weitgehender Einigkeit über die zu nut­zenden Kriterien zur Erhebung des binge drin­king (Trinkmenge, Zeiteinheit, Referenzzeit­raum, Effekt [Rauschzustand]) gibt es erhebliche Differenzen in den jeweils genutzten Schwellen­werten:

  • der Trinkmenge: drei bis zu sechs Trinkein­heiten,
  • der Zeiteinheit, die entweder vage bestimmt wird wie z.B. „bei einer Gelegenheit“ oder als „aufeinander folgender Konsum“  und bei der Nennung von Zeitspannen von einer Stunde bis zu mehreren Tagen reichen kann,
  • des erfragten Referenzzeitraums: von vierzehn über dreißig Tagen bis hin zu einem gesam­ten Jahr und
  • der Folgen des Trinkens (Rausch) der bei einigen Autoren als handlungsleitendes Trinkmotiv gilt.

Der aus der Trinkmenge und der Blutalkohol­konzentration objektiv abgeleitete Rauschzu­stand und das subjektive Erleben stimmen dabei nicht immer überein. In einem Vergleich in vier nordischen Ländern wurde ermittelt, dass die befragte dänische Population einen Rauschzustand bei einer mittleren Trinkmenge von sechs und mehr Einheiten, die schwedische und finnische Population hingegen erst bei neun und mehr Trinkeinheiten berichtete (Mä­kela et al., 2001). Ein Alkoholrausch als defini­torischer Bestandteil des binge drinking ist demzufolge mit dem Problem behaftet, dass die Art der Messung (subjektiv vs. objektiv) zu unterschiedlichen Ergebnissen führt.

Diskutiert werden international alters- und ge­schlechtsspezifische Differenzierungen. Bei Kin­dern und Jugendlichen werden geringere Schwellenwerte genannt (drei Trinkeinheiten für die Altersgruppe der 13 bis 16jährigen), bei weiblichen Jugendlichen werden vier und bei männlichen Jugendlichen fünf Trinkeinheiten als Schwellenwerte genutzt. Die von der BZgA verwendeten Indikatoren (fünf Trinkeinheiten) führen in dieser Perspektive zu konservativen Schätzungen des Problems.

Ist Rauschtrinken ein neues Problem?
Das Ergebnis der „College Alcohol Study“ (CAS), dass 44,4% der Studierenden an 119 Colleges des Landes Rauschtrinker seien, alar­mierte bereits Anfang der neunziger Jahre die amerikanische Öffentlich­keit und führte dazu, dieses Verhalten zum ge­wichtigsten Problem Studie­render zu erklären, in die Gesundheitsbe­richterstattung aufzunehmen und eine Reihe präventiver Maßnahmen an­zustoßen. Die College Alcohol Study wurde zwischenzeitlich dreimal wiederholt (1997, 1999, 2001). Längs­schnittanalysen zeigen, dass die Rate niedrig­frequenter und abstinenter College–Studieren­der zugenommen hat, die Rate an binge drin­kern aber über die Zeit (44,4%) und ohne rele­vante regionale Unterschiede stabil geblieben ist [Mehr].

In Europa wurde dieses Phänomen erst zur Jahr­tausendwende beschrieben und in periodische epidemiologische Erhebungen integriert. So gibt es für die Schweiz eine Prävalenzschätzung auf der Basis verschiedener Umfragen aus den Jahren 1997 – 2002. Das Rauschtrinken hat sich in diesem Zeitraum in den verschiedenen Al­terskohorten kaum verändert, der Anteil von binge drinkern liegt zeitstabil bei 200.000 Personen in den jüngeren Alterskohorten (15-24, 25-34 und 35 -44 jährigen), erst bei den über 45jährigen wird der Anteil geringer. Die Ergeb­nisse der Schweizer Studie legen nahe, dass Rauschtrinken kein jugendspezi­fisches Phänomen ist und insofern Prävention in ver­schiedenen Altersklassen erfordert [Mehr].

Für die Bundesrepublik Deutschland gibt es noch keine Trendstudien. In einer Wiederho­lungsbefragung zur Drogenaffinität Jugend­licher in Deutschland wurde dieses Konsum­muster erstmalig 2004 erhoben, 23% der be­fragten 12-17jährigen Jugendlichen berichten mindestens eine binge-drinking Episode in den letzten 30 Tagen gegenüber 19% im Jahr 2005 und 26% im Jahre 2007. Eine klare Interpreta­tion dieser Werte wird jedoch durch eine Verän­derung der Definition erschwert: Während 2004 und 2005 erfragt wurde, wie oft 5 oder mehr alkoholische Getränken hintereinander getrunken wurden, wurde 2007 erhoben, wie oft dieselbe Menge an einem Tag konsumiert wurde. In der Altersgruppe der 12-15jährigen war der Anstieg moderater und liegt unter dem Ausgangswert aus dem Jahre 2004 (2004: 13%; 2005: 9% und 2007: 12%), anders hingegen in der Altersgruppe der 16-17jährigen (2004: 43%; 2005: 40%; 2007: 51%). Der Trend ähnelt sich bei weiblichen und männlichen Jugendlichen, für die letztgenannten aber auf deutlich höherem Niveau [Mehr]. Die Bewer­tung des binge drinking als gesund­heitliches Risiko ist, trotz jahresgleichen Anteilen an Alko­holrausch­erfahrenen, von 2004 auf 2005 zu­rückgegangen. Erstaunlich ist in diesem Zusam­menhang, dass der Anteil der Jugendlichen, der einen Alkohol­rausch als gesundheitliches Risiko bewertete, im gleichen Zeitraum angestiegen ist. Dieser Widerspruch wird im Be­richt nicht kommentiert, könnte aber darauf hindeuten, dass „binge drinking“ (definiert über fünf Glä­ser Alkohol) und der „Alkohol­rausch“ (bestim­mt über die subjektive Bewer­tung des Zustan­des nach dem Alkoholgenuss) im Empfinden der Jugendlichen nicht so deutlich assoziiert sind.

Die gesundheitlichen und sozialen Folgen sind direkt und augenscheinlich: Verletzungen in Folge alkoholisierten Autofahrens oder aggres­siven Verhaltens, sexuelles Risikoverhalten, un­geplante Schwangerschaften sowie abnehmende Leistungen in der Aus- und Weiterbildung. So führt binge drinking zwar nicht zwangsläufig zur Alkoholabhängigkeit, kann aber, vor allem bei Kindern, cerebrale Schädigungen verur­sachen.

Welche Faktoren begünstigen Rauschtrinken?
Auf die Frage, warum Rauschtrinken trotz der daraus resultierenden gesundheitlichen Risiken so verbreitet ist, ist keine einfache Antwort möglich. Vielmehr wird dieses Phänomen durch unterschiedliche soziale, psychische und regionale Faktoren beeinflusst.

So spielen bei Jugendlichen die Schule und das Elternhaus als soziale Kontexte eine wichtige Rolle. Bei Schülern, die angaben, dass ihre Leh­rer sich um sie sorgten, ebenso wie bei Jugend­lichen aus moderat kontrollierenden Elternhäu­sern, in denen die Eltern ihr Erziehungsverhal­ten erklären und begründen, waren die binge drinking-Raten am geringsten [Mehr]. Wie Dent et al. (2004) zeigten, begünstigen auch niedri­ge gesetzliche Zugangsschwellen zu Alkohol in der Region dieses Konsummuster.

Ebenso spielen normative Einstellungen und die (Fehl-) Einschätzung des Phänomens in der so­zialen Umwelt eine weitere wichtige Rolle bei der Aufnahme des binge drinking. Binge drin­ker begründen ihr Verhalten häufig damit, dass die Menschen in ihrer Umgebung sich ähnlich verhalten wie sie und gleiches von ihnen erwar­ten [Mehr]. Die Gründe für den Alkoholkonsum sind häufig auch funktional und hängen mit aktuellen Problemen zusammen, die durch eine binge-drinking-Episode verdrängt werden sol­len (Williams &Clark, 1998).

Was gibt es für Initiativen zur Vorbeugung /Eindämmung des Rauschtrinkens?
In den USA gab es sowohl Initiativen, den Alko­hol­konsum an Colleges generell zu verbieten, als auch Gesundheitserziehungsangebote, um über die Risiken des Alkoholkonsums aufzuklä­ren und die normativen Überzeugungen von Jugendlichen zu ändern. Ein Rückgang der Prävalenzraten auf Grund beider Programm­varianten konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Das „A matter of degree“ (AMOD) Programm, welches ebenso in den USA angewendet wird, bringt regionale Akteure und Colleges zusam­men, um gemeinsam Umgebungsbedingungen zu verändern. Auch wenn dieser Ansatz in den bisherigen Evaluationsstudien (1993 – 2001) nicht den erwünschten Erfolg (Reduktion des Alkoholkon­sums) zeigte, lässt sich mutmaßen, dass dieser sich längerfristig einstellen wird. In Regionen, in denen das Programm konsequen­ter implementiert wurde, zeigten sich erste leichte Änderungen [Mehr]. Amerikanische For­scher beobachten eine Polarisierung der Konsu­mentengruppen, die Anteile an Abstinen­ten wie auch an binge drinkern sind gestiegen. Sie ver­muten, dass die Inter­ventionen das Trinkver­halten niedrigfrequenter, nicht aber das hoch­frequenter Konsumenten verändert haben könnte.

Rauschtrinken – so legen die aktuellen Zahlen nahe – wird auch in Deutschland zunehmend ein erstzunehmendes The­ma. Sinnvoll erscheint daher nicht nur die Entwicklung einer einheit­lichen Methode zur Erhebung des Rauschtrin­kens, sondern auch die Planung von langfristig angelegten Interventionen, die die komplexen Bezüge dieses Themenfelds berücksichtigen

 

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 02/07 (28. Juni 07)