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Aktuelle Ergebnisse der Europäischen Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD)

Aktuelle Ergebnisse der Europäischen Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD)

Guido Grunenberg „Blau statt high. Deutsche Jugendliche rauchen und kiffen weniger. Dafür greifen sie häufiger zur Flasche, prügeln sich danach oder haben ungeschützten Sex.“ So kommentierte „Spiegel online“ die Veröffentlichung der Ergebnisse der Europäischen Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD) durch das Institut für Therapieforschung (IFT) im März 2008, an der sich Deutschland 2007 zum zweiten Mal beteiligte.

In der europäischen Schülerstudie (ESPAD) werden seit 1995 (durch Befragungen in vierjährigen Abständen) Umfang, Einstellungen und Risiken des Alkohol- und Drogenkonsums unter Schülern untersucht. Die Erhebungen dazu werden in ca. 30 europäischen Ländern durchgeführt. Das „Swedish Council for Information on Alcohol and Drugs“ (CAN) koordiniert diese multinationale Studie, unterstützt durch die "Co-operating Group to Combat Drug Abuse and Illicit Trafficking in Drugs" (Pompidou Group) des Europäischen Rates.

Seit 2003 beteiligt sich Deutschland mit den Bundesländern Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und (seit 2007) Saarland an der ESPAD. Die Studie wird von den jeweiligen Sozialministerien der Bundesländer, der Kultusministerkonferenz sowie durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gefördert und unterstützt.

Verantwortlich für die Durchführung und Auswertung der Studie in Deutschland ist das Institut für Therpaieforschung (IFT), unter der Leitung von Dr. Ludwig Kraus, der im März 2008 die Ergebnisse der Befragung von Schüler/innen der 9. und 10. Klasse (2007) in o.g. Bundesländern präsentierte. Ausgewertet wurden die Daten von insgesamt 12.448 Schüler/innen. Die Studie erfasste den Konsum psychoaktiver Substanzen sowie die persönliche Einstellung und Risikoabschätzung der Schüler/innen.

Insgesamt betrachtet ist im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2003 der Tabak- und Cannabiskonsum unter den deutschen Schüler/innen zum Teil deutlich zurückgegangen, während sich der Alkoholmissbrauch auf einem hohen Niveau stabilisiert hat.

Die deutschen Schüler/innen greifen in allen Bundesländern deutlich weniger häufig zur Zigarette als noch vor 4 Jahren. Der Anteil derer, die angaben, in den letzten 30 Tagen täglich geraucht zu haben (30-Tage-Prävalenz) ist von 46,7% auf 36,5% ebenso gesunken wie der Anteil der täglichen Raucher von 35% auf 26%. Der Anteil derer, die noch nie geraucht haben, stieg im gleichen Zeitraum von 22% auf 28%. Tendenziell rauchen mehr Mädchen als Jungen (Lebenszeit- und 30-Tage-Prävalenz) und der größte Anteil an Rauchern generell (aktueller Konsum) und starken Rauchern (mehr als 10 Zigaretten am Tag) findet sich unter den Hauptschülern.

Auch der Cannabiskonsum ist in allen Bundesländern und über alle Schulformen hinweg deutlich rückläufig. Lebenszeit- (von 31% auf 25%), 12-Monats- (von 25% auf 17%) und 30-Tage-Prävalenz (von 14% auf 8%) sanken dabei gleichermaßen, wobei der Anteil weiblicher Konsumenten stärker zurückging.

Für den Rückgang der Tabak-Konsumprävalenz stellen die Forscher einen plausiblen – wenn auch nicht unmittelbar kausalen - Zusammenhang zum Rauchverbot an Schulen sowie der Einschränkung des Zugangs zu Zigarettenautomaten für Jugendliche her, der sich bei der Betrachtung der Ergebnisse für das Bundesland Berlin noch weiter verfestigt. Denn gerade im Land Berlin, das 2004/2005 als erstes ein vollständiges Rauchverbot an Schulen durchgesetzt hatte, zeigte sich der geringste Anteil an rauchenden Schüler/innen und der stärkste Rückgang der Konsumprävalenz. Die höchsten Raucherquoten finden sich hingegen in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, wo zum Erhebungszeitpunkt noch kein generelles Rauchverbot galt. Die Faktoren, die den Rückgang des Cannabiskonsums positiv beeinflusst haben könnten, bleiben dagegen nach Meinung der Experten unklar, da keine unmittelbar konsumreduzierenden präventiven Maßnahmen im Beobachtungszeitraum erfolgten und ein Zusammenhang zum generell rückläufigen Tabakkonsum nicht evidenzbasiert sei.

Entgegen der Trends beim Tabak- und Cannabiskonsum verläuft die Entwicklung des Alkoholkonsums der deutschen Schüler/innen eher uneinheitlich. Im Vergleich zu 2003 ist die Tendenz insgesamt leicht rückläufig. So sank z.B. die 30-Tage-Prävalenz von 85% auf 80%. Bezogen auf die Schulformen konsumieren Hauptschüler zwar seltener Alkohol als Schüler anderer Schulformen, jedoch in größeren Mengen. Riskantes Trinkverhalten war dagegen bei Gymnasiasten festzustellen. Insgesamt nahm der riskante Alkoholkonsum (Überschreitung der Grenzwerte von 12/24g Reinalkohol pro Tag für Frauen/Männer) im Vergleich zu 2003 jedoch ebenso ab wie der Anteil derer, die in den letzten 30 Tagen einen Vollrausch angaben.

Weiterhin haben sich die Präferenzen alkoholischer Getränke deutlich verändert. Während der Konsum von Alkopops im Zeitraum von 2003 bis 2007 um fast 20 Prozent zurückgegangen ist (was auf die zusätzliche Besteuerung zurückzuführen sein dürfte), erhöhte sich der Anteil der Biertrinker von 56,4% auf 66,8% und der Anteil der Konsumenten harter Spirituosen, der in dieser Altergruppe gemäß dem Jugendschutzgesetz untersagt ist, um 4% auf 56,9%, insbesondere unter Mädchen, die diese nun fast so häufig konsumieren wie Wein und Sekt. Zusätzlich gaben 19,2% der Schüler/innen an, in den letzten 30 Tagen ein- oder mehrmals Spirituosen in einem Geschäft gekauft zu haben. Die Forscher sehen insbesondere hier Hinweise auf eine unzureichende Durchsetzung gesetzlicher Bestimmungen. Auch habe die Besteuerung der Alkopops als Einzelmaßnahme einen Kompensationseffekt (Ausweichen auf andere Getränkearten) bewirkt und nicht zu einer Reduktion des Gesamtalkoholkonsums geführt.

Problematisch erscheinen die Folgen des Alkoholkonsums. So gab z.B. jeder fünfte Junge an, durch Alkoholkonsum in eine gewalttätige Auseinandersetzung verwickelt worden zu sein und 8,4 Prozent der befragten Schüler/innen berichteten über ungeschützten sexuellen Verkehr unter Alkoholeinfluss. Leistungsprobleme in der Schule führten 13% der Befragten auf ihren Alkholkonsum zurück. Insgesamt nannten mehr Jungen als Mädchen mit dem Alkoholkonsum zusammenhängende soziale Probleme.

Die Auswertung des IFT verschafft dem Leser einen Überblick über die erhobenen Schwerpunkte zum Tabak-, Alkohol- und Drogenkonsum von Schüler/innen der 9. und 10. Jahrgangsstufen in den untersuchten Bundesländern. Mit der wiederholten Teilnahme nach 2003 werden die Trends im substanzspezifischen Konsumverhalten in der Gesamtheit, nach Geschlecht, Bundesland und Schulform dargestellt und im Hinblick auf Unterschiede und Veränderungen analysiert. Dabei werden Methodik, Population und Stichprobe, die eingesetzten Fragebögen und Instrumente sowie die Durchführung informativ erläutert. Die Autoren empfehlen gezielte Präventionsmaßnahen und bewerten bereits erfolgte gesundheitspolitische Interventionen im Hinblick auf ihre Effektivität. Dabei wird der Ansatz verfolgt, die Ergebnisse vor dem Hintergrund vergleichbarer Studien kritisch zu analysieren und zu diskutieren, um Tendenzen aber auch Grenzen (Verallgemeinerungen im Hinblick auf das Konsumverhalten der Gesamtheit der Jugendlichen/ jungen Menschen) der Auswertung aufzuzeigen.

So wird z.B. auf eine deutliche Zunahme des Rauschkonsums und somit ein gestiegenes Gefahrenpotenzial bei ältern Jugendlichen und jungen Erwachsenen hingewiesen (hier z.B. unter Verweis auf den Epidemiologischen Suchtsurvey 2006).

Eine Entwicklung, die sich u.a. auch im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung, der im Mai 2008 veröffentlicht wurde, niederschlägt. Zwar werden die positiven Trends der ESPAD im Bereich des Tabak- und Cannabiskonsums Jugendlicher weitestgehend bestätigt. Der Alkoholkonsum junger Menschen erscheint hier jedoch weitaus alarmierender. Dem Bericht zufolge hat insbesondere das vorsätzliche, exzessive Betrinken, das sogenannte „Binge-Drinking“ stark zugenommen. Nahmen z.B. die befragten 12- bis 17-jährigen im Jahr 2005 noch durchschnittlich 34 Gramm reinen Alkohol pro Woche zu sich, waren es 2007 bereits 50 Gramm. Auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen von jungen Leuten wegen Alkoholvergiftungen ist stark gestiegen. Während im Jahr 2000 noch 9500 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wegen akuter Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt wurden, waren es 2006 bereits 19.500. Über die Hälfte davon Jungen zwischen 15 und 20 Jahren.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, sieht demzufolge in der Eindämmung des Drogen- und Suchtproblems, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, weiterhin „eine der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland“ und verweist zur Dokumentation der politischen Bemühungen auf diesem Sektor etwas hilflos auf „eine ganze Reihe“ von Projekten und Initiativen des BMG.

Die positiven Entwicklungen im Bereich des Tabakkonsums schreibt sie z.B. - nicht zu Unrecht - den erfolgten politischen Interventionen (Abgabeverbot an unter 16-Jährige, Rauchverbote an Schulen, Tabaksteuererhöhung, Nichtraucherschutzgesetz etc.) zu, kündigt aber weitere Kampagnen und ein nicht näher definiertes nationales Tabakpräventionsprogramm an. Die „Erfolge“ im Bereich des Cannabiskonsums heftet sich die Drogenbeauftragte gleich mit an. Frei nach dem Motto, wer nicht raucht, greift auch nicht zum Joint, sieht sie auch hier in der Tabakprävention die zukünftige Schlüsselfunktion. Große Sorge bereitet Bätzing hingegen der exzessive Alkoholkonsum junger Menschen. Auch hier sollen der verschärften Durchsetzung gesetzlicher Bestimmungen, Aufklärungskampagnen sowie ein (noch zu erarbeitendes) nationales Alkoholpräventionsprogramm folgen. Auch die Wirtschaft solle ihren Teil beitragen und sich bei der Alkoholwerbung einer strengeren Selbstkontrolle unterwerfen, so Bätzing. Man darf jetzt schon gespannt sein, wie sich die Wirtschaft dazu freiwillig (?) bewegen lassen wird.

Offensichtlich scheint aber auch die Erkenntnis gereift zu sein, dass singuläre Verbotsmaßnahmen allein zwar das Konsumverhalten junger Menschen, nicht aber deren grundsätzliche Haltung gegenüber der Wirkung von Suchtstoffen generell beeinflussen können.

Es wird daher interessant zu beobachten sein, ob sich die geplanten Aktionsprogramme über gesetzliche Verbote und Kampagnen hinaus verstärkt an den Bedürfnissen der Zielgruppen und deren Lebensbedingungen ausrichten werden.

Weitere Informationen:

»  Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD)

IPG-Newsletter Gesundheitsförderung 02/08 [15/06/2008]