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Buchrezension: Schmidt, B. (2008). Eigenverantwortung haben immer die Anderen. Der Verantwortungsdiskurs im Gesundheitswesen. Bern: Huber.

Schmidt, B. (2008). Eigenverantwortung haben immer die Anderen. Der Verantwortungsdiskurs im Gesundheitswesen. Bern: Huber. (ISBN 978-3-456-84552-4) (24,95 Euro)

Das Schlagwort der Eigenverantwortung ist allgegenwärtig in den aktuellen Diskussionen um das Sozial- und Gesundheitswesen. Die Stärkung der Eigenverantwortung erscheint als das Patentrezept schlechthin für gesunde und mündige Bürger und gegen explodierende Kosten und leere Kassen. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff eigentlich? Was genau ist gemeint, wenn mehr Eigenverantwortung eingefordert wird?

Die Gesundheitswissenschaftlerin und Professorin für soziale Arbeit im Gesundheitswesen Bettina Schmidt setzt sich in ihrem Buch mit dem programmatischen Titel „Eigenverantwortung haben immer die Anderen“ kritisch mit dem Begriff der Eigenverantwortung auseinander, analysiert seine Bedeutung, Herkunft, Aufstieg und Verwendung.

Die Autorin arbeitet als Hauptprobleme des Begriffes seine definitorische Unschärfe heraus und kritisiert wie das Konzept im öffentlichen Diskurs verwendet wird. So erscheint Eigenverantwortung als ungebunden an Voraussetzungen, die strukturellen Bedingungen von Verhalten werden vernachlässigt. Eigenveranwtortung wird als Grundbedürfnis konstruiert und seine Alternativlosigkeit herausgestellt, dabei wird der Nutzen überbetont aber mögliche Schäden verschwiegen.

In dieser Verwendung als sozusagen privatisierter Version des Verantwortungskonzeptes erscheint Eigenverantwortung als Baustein eines Gegenkonzeptes zu einer solidarischen Gesellschaftsordnung. Dem stellt Schmidt ihren eigenen Entwurf eines Eigenverantwortungskonzepts entgegen, in dem sie aufzeigt, wie Eigenverantwortung jenseits des Fördern-und-Fordern-Diskurses genutzt werden kann, verfügbare Gesundheitspotenziale zu vermehren.

Bettina Schmidts Buch baut auf einer umfassenden Auswertung der Literatur zur Eigenverantwortung auf, sie unternimmt dazu Ausflüge unter anderem in die Gebiete der Ökonomie, des Rechts, der Psychologie, der Theologie und der Ethik. Die Lektüre ist ein Gewinn für jeden der sich für das Gesundheitswesen und die entsprechenden Diskussionen interessiert. Das Buch regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern ergreift mutig Partei für die Schwächeren, die im Eigenverantwortungsdiskurs nur als Objekt eine Rolle spielen, wie die Autorin darlegt. Im Sinne des von ihr zitierten Publizisten Heribert Prantl: „Es heißt jetzt ‚Eigenverantwortung’, wenn die Schwächeren sich selbst überlassen bleiben.“

IPG-Newsletter Gesundheitsförderung 02/08 [15/06/2008]