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Ernährung und Gesundheit

Ernährung und Gesundheit

Burkhard Gusy Essen müssen wir alle - nur sollen/ dürfen wir auch alles essen? Das Ernährungsverhalten der Bevölkerung drängt sich als Gegenstand präventiver Interventionen geradezu auf. Würde es gelingen, dieses dem derzeiti­gen Kenntnisstand der Ernäh­rungsmedizin anzupassen, wäre dies der größte Schritt zu mehr Gesundheit, der durch Verhaltensänderun­gen derzeit überhaupt mög­lich ist.

Eine vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebene Studie beziffert die jährlichen Ausgaben für ernährungsabhängige Krankhei­ten im Jahr 1990 mit 42.698 Millionen Euro. Die direkten Kosten wie ambulante und statio­näre Behand­lung, Arzneimittel und Kuren wer­den mit 24.116 Millionen und die indirekten Kosten wie Mortalität, Arbeitsunfähigkeit und Invalidität mit 18.532 Millionen Euro beziffert.

Diese Hochrechnung überschätzt den der Er­nährung zuschreibbaren Anteil an der Gesund­erhaltung, da hier alle Krankheiten berück­sich­tigt werden, bei denen Ernährungsgewohn­heiten als (Mit-)Verursacher gelten, der prozentuale Anteil aber nicht näher bestimmt werden kann. Mittels Prävention könnte aber auch dann noch ein erheblicher Anteil der derzeitigen Ausgaben eingespart werden.

Die Ernährungs-"fehler" können ebenso als bekannt vorausgesetzt werden. So essen "die Deutschen zu fett, zu süß, zu salzig, zu einseitig" und nehmen zu wenig Ballaststoffe zu sich.

Die sich daraus ableitenden Zielsetzungen prä­ventiver Bemühungen sind häufig ähnlich at­traktiv formuliert: weniger Nahrung über­haupt, weniger Fett, weniger Süsses, weniger Salz, aus­gewogenere Mahlzeiten, mehr Ballast­stoffe. Ver­zicht auf verschiedene Inhaltsstoffe und (normative) Handlungsempfehlungen sind  ebenfalls in zehn Regeln der Deutschen Gesell­schaft für Ernährung zu finden:

  • §    Vielseitig essen
  • §    Getreideprodukte - mehrmals am Tag und reichlich Kartoffeln
  • §    Gemüse und Obst - Nimm "5" am Tag...
  • §    Täglich Milch und Milchprodukte, einmal in der Woche Fisch; Fleisch, Wurstwaren sowie Eier in Maßen
  • §    Reichlich Flüssigkeit
  • §    Schmackhaft und schonend zubereiten
  • §    Nehmen Sie sich Zeit, genießen Sie Ihr Essen
  • §    Achten Sie auf Ihr Wunschgewicht und bleiben Sie in Bewegung.

Offen bleibt die Frage, ob und in wieweit Ge­sundheitsaspekten bei der Ernährung verhal­tenssteuernde Bedeutung zugemessen wird. So stellt die Deutsche Gesellschaft für Ernäh­rung bereits 1988 kritisch fest: "es wird  häufig ange­nommen, der Verbraucher akzep­tiere dieses Ziel [sich gesundheitsgerecht zu er­nähren; An­merkung der Redaktion] im Grund­satz, wolle sich also gesund ernähren und sei nur z.B. durch Wissenslücken daran gehindert, es zu realisieren. […] Er kann nicht nur daran ge­hindert sein, sich gesundheitsgerecht zu ernäh­ren, sondern er hat auch die Freiheit, an­dere  als die Gesundheitsaspekte seines Ernäh­rungs­verhaltens nützlich zu finden und sich zur Grundlage seiner Ernährungsent­schei­dung zu machen.

Die EU formuliert als ernährungsbezogenes Ge­sundheitsziel im Jahre 2000 …"allen Bürgern der Gemeinschaft verstärkt die Informationen und die Bildung zu vermitteln, die notwendig sind, damit sie in ihrer Lebensführung die not­wendigen Entscheidungen für eine angemes­sene und bedarfsgerechte Ernährung treffen können".

Auch in dieser Formulierung klingt an, dass der Aspekt der Gesundheit für das Ernährungsver­halten hohe Priorität hat und durch Abbau von Informationsdefiziten eine gesündere Ernährung möglich sei.

Erkenntnisse der Gesundheitspsycho­logie stel­len diese Sichtweise in Frage. Ernährungs­verhal­ten ist nach Ansicht von Pudel & Westenhöfer (1998) durch folgende Besonderheiten gekenn­zeichnet:

  • §    Essen und Trinken ist lebensnotwendig, das Verhalten kann also nicht ersetzt (wie z.B. beim Rauchen) sondern ausschließlich geändert werden
  • §    Essensgewohnheiten gelten wegen ihres sozialen Bezugs und der hohen Frequenz als verhaltensstabil.
  • §    die Aufrechterhaltung des mit dem Essen ver­bundene Genuss unterstützt die Resistenz gegenüber Verhaltensänderungen
  • §    der Zusammenhang zwischen Ernährung und gesundheitlichen Konsequenzen ist kaum direkt erfahrbar (wie z.B. beim morgend­lichen Kater nach exzessivem Alkoholkonsum)
  • §    eine Einteilung von Nahrungsmitteln in gesund und ungesund ist nicht möglich.

Die vorstehende Auflistung macht deutlich, dass Ernährungsverhalten nicht primär kognitiv son­dern emotional, auf Erfahrungen (und bio­logischen Dispositionen) aufbauend gesteuert wird. Erfolgreiche Interventionen sollten inso­fern nicht die Nahrungsaufnahme fokussieren, sondern diese als in das Ernährungsverhalten eingebetteten Prozess betrachten.

Präventionskonzepte sollten nach diesen Erkenntnissen

  • §     an den konkreten Ernährungsgewohnheiten der Personen anknüpfen, die sie ansprechen wollen
  • §    den/die konkreten  Ernähungskontexte stär­ker berücksichtigen (wo, wann, wie wird gegessen)
  • §    den Gesundheitsaspekt mit anderen "attrak­tiveren" Themen im Umfeld der Ernährung verknüpfen
  • §    weniger die informationale sondern stärker die emotionale ("lustbetonte") Seite von Es­sen und Trinken zu    fokussieren
  • §    nicht den Verzicht lieb gewordener Ernäh­rungsgewohnheiten zu betonen sondern gleich- oder höherwertige
    Alternativen anzubieten und deren Einfüh­rung und Habituierung zu begleiten.

Der Interventionsbedarf ist gegeben, allein fehlt es noch an breitenwirksamen sowie zielgrup­pen­spezifischen  Interventionskonzepte, die diesen Erkenntnisse folgen.

Weiterführende Literatur

Pudel, V. & Westenhöfer, J. (1998). Ernährungs­psychologie. Eine Einführung. (2. Aufl.). Göttin­gen: Hogrefe

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 03/03 (22. Aug. 03)