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Das Gesundheitssys-tem in Deutschland: Die Perspektive der Versicherten

Das Gesundheitssystem in Deutschland: Die Perspektive der Versicherten

Burkhard Gusy Ende des Jahres 2004 standen die Krankenkassen unter Druck. Sie sperrten sich gegen die im Zuge des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes von der Bundesministerin für Gesundheit versprochenen Beitragssenkungen, Überschüsse sollten zum Abbau von Verpflichtungen genutzt werden und nicht an die Versicherten zurückgezahlt werden. In dieser Situation realisierte die Stiftung Bertelsmann eine Versichertenbefragung im Rahmen des jährlichen Gesundheitsmonitors.

1.436 Versicherten wurden in den Monaten Oktober und November 2004 befragt. Der Versprechung der Bundesministerin für Gesund-heit, dass die Beiträge zur Krankenversicherung im Laufe des Jahres 2004 sinken würden, schenkten nur knapp 5% glauben. Die Mehrzahl (70%) prognostizierte hingegen einen wei-teren Anstieg der Versicherungsbeiträge. Über die Hälfte der Versicherten (58%) rechneten mit weiteren Einschränkungen des Leistungskatalogs. Aus Kostengründen verweigert wurden 16% der befragten Versicherten ärztliche Leistungen. In einer Studie der Continentale Kran-kenversicherung aus dem Jahre 2004, in der 1.255 Versicherte befragt wurden, berichteten ungleich mehr (30% der Befragten), dass Ärzte bei Behandlungen oder Rezepten Einschränkungen vornehmen oder sie in Rechnung stel-len wollten.

Über die Perspektiven der Finanzierung herrscht Ratlosigkeit. Während 44% der Befragten nicht glauben, dass die gesetzlichen Krankenkassen für die nachgefragten Leistungen aufkommen können, drückten 31% ihre Ratlosigkeit darin aus, dass sie die Frage nicht beantworteten.

Finanzielle Zuzahlungen für Gesundheitsleistungen belasten die privaten Haushalte im Jahre 2004 mit durchschnittlich 770 Euro pro Versicherten und liegen damit 220 Euro über der für das Jahr 2003 ermittelten Summe. Die durchschnittlichen Aufwendungen sind mit 300 Euro pro Jahr und Versicherten für den Zahnersatz am höchsten. Deutlich niedriger fallen die Zuzahlungen für rezeptpflichtige Mittel aus (mit ca. 180 Euro), den dritten Rang belegen freiverkäufliche Mittel und Medikamente (140 Euro pro Jahr und Versicherten). Für Praxisgebühren werden jährlich im Durchschnitt 80 Euro aufgewendet.

In der Gruppe der 70-79 Jährigen werden die größten Beträge für Zuzahlungen zu Arzneimitteln aufgewendet, durchschnittlich 360 Euro pro Versichertem und Jahr. Dies kann als Indiz für eine soziale Schieflage der Gesundheitsreform gewertet werden.

Über die Leistungsverteilung sollen in absteigender Reihenfolge die Versicherten (39%), Patientenverbünde (34%), Ärzte (30%), Krankenkassen (26 %), Ärzteverbände (19%) underst an letzter Stelle das zuständige Gesundheitsministerium (16%) entscheiden. Diese Rangreihe verdeutlicht, dass den Politikern eine geringe Steuerungskompetenz zugetraut wird und die Versicherten sich mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten wünschen.

Das Fazit der Autoren des Gesundheitsmonitors war überraschend positiv. Einige Instrumente wie z.B. die Praxisgebühr funktionieren gut, die Facharztkontakte ohne Überweisungen hätten seit Anfang des Jahres 2004 deutlich abgenom-men, eine systematische Benachteiligung einkommensschwacher Haushalte oder schwer kranker Menschen durch die Praxisgebühr sei nicht zu erkennen, resümierten die Autoren des Gesundheitsmonitors. Diese Zusammenfassung ist keineswegs deckungsgleich mit der Beurteilung der Gesundheitsreform durch die Versi-cherten. Direkt befragt wurden hierzu die Teilnehmenden der Continentale-Studie 2004, 87% bewerten die Gesundheitsreform als „schlecht“.

In einer Pressemitteilung vom September 2005 korrigierten die Autoren des Gesundheitsmonitors ihre Bewertung. Befragte, die ihren Ge-sundheitszustand als »schlecht« bezeichneten, gehen seit Einführung der Praxisgebühr seltener zum Arzt, sie reduzierten ihre Arztbesuche in den letzten zwei Jahren um ein Drittel (von 22 auf 16 Besuchen).

Die Gefahr, dass auf notwendige Besuche im Rahmen der Früherkennung und -behandlung verzichtet wird, könnte sich als Bumerang für das Versorgungssystem erweisen. Ebenso nicht intendiert ist die zweite berichtete Entwicklung, dass vor allen Dingen auf Grund der Praxisgebühr einkommensschwache Personen auf einen Arztbesuch verzichten. Das Ziel – so der Autor Jan Böcken – die Wirkung der Praxisgebühr durch Härtefallregelungen weitgehend vom Einkommen unabhängig zu gestalten, scheint nicht vollständig erreicht worden zu sein“. Dieses ist eine diplomatische Formulierung angesichts der Tatsache, dass die soziale Schieflage in der Gesundheitsversorgung erst durch die neuen Steuerungsmechanismen im Gesundheitsmodernisierungsgesetz (Zuzahlungen, Praxisgebühr) entstanden ist. Mit Korrekturen rechnet derzeit niemand ernsthaft.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 03/05 (15. Sept. 05)