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Public Health bei Katastrophen

Public Health bei Katastrophen

Burkhard Gusy Elbe- und Oder- Hochwas­ser, Erdbeben oder Wirbel­stürme in verschiedenen Teilen der Welt, Flutkatas­trophen wie die in New Orleans oder auch die An­schläge in New York, Ma­drid oder London haben das kollektive Gedächtnis der Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhundert verändert. Allen Geschehnissen ist ge­meinsam, dass sie die Erfahrungen des täglichen Lebens übersteigen, Leben oder Gesundheit vieler Menschen zerstören oder diesen die Lebensgrund­lagen entziehen. Folgen für die psychische Gesundheit bzw. die gesellschaftliche Ordnung können vielfältig und langfristig sein. Dies hat auch die organisierten Reak­tionen auf diese Ereignisse verändert. Nicht nur die Weltgesundheitsorganisa­tion, sondern auch verschie­dene Staaten stellen sich diesen Herausforderungen und haben entsprechende Aktionspläne entwickelt.

Katastrophen können von persönlichen Not­fällen über örtliche Schadensfälle (disaster), großflächige Zerstörung von Leben, Infrastruk­tur oder Hilfsmöglichkeiten eines gesamten Lebensraumes bis hin zum Untergang ganzer Gesellschaften reichen. Juristisch gesehen wird dann von einer Katastrophe gesprochen, wenn das jeweilige Ereignis ein Hinzuziehen von Strukturen des Katastrophenschutzes (Logistik, Personal oder Material) erforderlich macht.

Nach Art der Verursachung werden in einer groben Klassifikation technische und Naturka­tastrophen unterschieden, die sich weiter in nukleare (A), chemische (B), biologische (C), datennetzbezogene (D), elektromagnetische (E) sowie mechanische und thermische Schadens­ereignisse (F) differenzieren lassen. Die Anforde­rungen an das Katastrophenmanagement rich­tet sich primär auf die Akutversorgung der Be­troffenen durch medizinische Behandlung so­wie die Sicherung der Grundversorgung wie z.B. Ernährung, Unterkunft etc.

Psychische Folgen von Katastrophen werden unter dem Stichwort ‚posttraumatische Belas­tungsstörung’ (PTSD) gefasst, verursacht durch ein Ereignis oder eine Situation außergewöhn­licher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, welche/s auch bei anderen Men­schen eine tiefe Verstörung hervorrufen würde. Nach den diagnostischen Leitlinien (ICD-10) für eine posttraumatische Belastungsstörung ist eine unausweichliche Erinnerung oder Wieder­inszenierung des Ereignisses im Gedächtnis, in Tagträumen oder Träumen symptomatisch. Möglich sind aber auch emotionale Stumpfheit, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen sowie Teilnahmslosigkeit gegenüber der Umge­bung. Aktivitäten oder Situationen, die Erinne­rungen an das Trauma wachrufen können, wer­den vermieden. Mit dem Begriff der posttrau­matischen Belastungsstörung wird die individu­elle Reaktion zum Behandlungsanlass. Noch zu wenig verstanden wird der ‚soziale Zustand’ einer Katastrophe, welcher im Beziehungs­geflecht verschiedener Gruppen empfunden und kommuniziert wird. Der ‚soziale Zustand einer Katastrophe’ meint beispielhaft die Ent­wicklung objektiv nachweisbarer Symptome bei vermeintlich ‚Gesunden’(‚mass sociogenic ill­ness’) sowie die Überbeanspruchung begren­zter Versorgungskapazitäten durch besorgte Gesunde. Die Risikokommunikation wird in die­sem Falle zu einem Instrument effizienten Ka­tastrophenmanagements. Die Komplexität aufeinander abzustimmenden Aktivitäten wurde im Falle des Tsunami Frühwarnsystems vor der Küste Indonesiens bereits deutlich. Technische Lösungen sind nur dann wirksame Hilfsmittel, wenn die Warnungen vor Katastrophen auch zeitnah die bedrohten Küstenbewohner erreichen. Die Auswertung der Katastrophen­erfahrungen und darauf basierende Szenarien können dazu genutzt werden, die entsprechen­den Regionen sicherer zu gestalten (z.B. durch die Verbesserung der Gebäudequalität in erd­bebenbedrohten Regionen) oder die Besied­lungspläne risikoträchtiger Regionen zu ändern.

Die Weltgesundheitsorganisation hat in den letzten Jahren ihre strategischen und prakti­schen Aktivitäten zum Katastrophen- und Kri­senmanagement intensiviert unter dem Begriff ‚health action in crisis (HAC)’. Mit dieser Stra­tegie will die Weltgesundheitsorganisation

  • »gesundheitliche Folgen der Ereignisse erfas­sen, Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung zu ergründen und Hauptursachen von Mor­bidität und Mortalität identifizieren.
  • »die Mitgliedstaaten bei der Koordinierung gesundheitsbezogener Aufgaben unterstüt­zen.
  • »Mängel und Lücken in der gesundheitsbezo­genen Krisenbewältigung aufdecken und be­heben helfen.
  • »den Ausbau der regionalen Gesundheitssys­teme unterstützten, um für zukünftige Katas­trophen besser vorbereitet zu sein.

Die Aktionspläne werden für verschiedene Ereignisse je nach Prioritätensetzung spezifiziert.

Tabelle 1: Struktur der HAC Abteilung der Weltgesundheitsorganisation

HAC Einheit

Emergency Preparedness and capacity building

Emergency Responses and Operations

Transition and Recovery Programmes

Aufgaben

Technische und Pro­grammunter­stützung für Mitliedstaaten bzgl. der Katastrophen­bereitschaft des Gesund­heitssektors

Entwickelt HACs; Bereitstellung von Kapazitäten zur Unterstüt­zung von Län­dern in akuten Krisensitua­tionen; entwi­ckelt prozedu­rale Standards für Krisen; evalu­iert die WHO- Funktionalität in Krisensituationen

Entwickelt Ansätze zur Unterstützung der betrof­fenen Länder in der Nach­kriegs­phase; stärkt Partner­schaft und Zusammen­arbeit ver­schiedener Programme

 

Auch die Bundesrepublik Deutschland hat die Katastrophen der letzten zehn Jahre zum Anlass genommen den Katastrophenschutz zu reor­ganisieren. Die strikte Trennung von Zivil- und Katastrophenschutz wurde aufgegeben und darüber hinaus die Aktivitäten von Bund und Ländern enger verzahnt. Eingerichtet wurde für Großschadenslagen ein Zentrum für Katastro­phenmedizin im Bundesamt für Bevölkerungs­schutz und Katastrophenhilfe (BBK), dessen Aufgabe es ist, Selbstschutz und Erste Hilfe, präklinische Behandlung, Patiententransport, bis hin zur ambulanten und klinischen Behandlung zu unterstützen. Eine Konzeption zur Aufstellung sog. Medizinischer Task Forces in den Ländern wird gerade erarbeitet. Auch psychosoziale Notfallversorgung nimmt in der Arbeit des BBK einen breiten Raum ein. Die Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland sieht auch eine Notfallplanung bei Großereignissen vor und konnte z.B. bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland erfolgreich erprobt werden.

Weiterführende Literatur

Public Health bei Katastrophenfällen (2006). Forum Public Health, 14. Jhrg.,Nr. 51

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 03/06 (15. Sept. 06)