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Deutsche verlieren Vertrauen in ihre gesundheitliche Versorgung

Deutsche verlieren Vertrauen in ihre gesundheitliche Versorgung

Siegfried Dierke In den letzten Jahren ist europaweit der Trend festzustellen, dass die Bürgerinnen und Bürger drastisch unzufriedener mit ihrem Gesundheits­system werden. In Deutschland jedoch fällt dieser Vertrauensverlust besonders hoch aus. Diese Ergebnisse einer Studie des Mannheimer Zentrums für Europä­ische Sozialforschung (MZES) wurden Mitte August in den WSI-Mitteilungen der Hans-Böckler-Stiftung vorgestellt.

Der Mannheimer Soziologe Dr. Claus Wendt hat die Eurobarometer-Umfrage der EU-Kommission für ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt ausgewertet. Dabei wurden die momentan aktuellsten Befra­gungsergebnisse aus den 15 Staaten, die bis zu Beginn 2004 Mitglied der EU wa­ren, aus dem Jahr 2002 und die Daten von 1996 einer vergleichenden Analyse unterzogen.

Für fast alle untersuchten Länder ist im Vergleich der beiden Erhebungen ein kräftiger Vertrauensschwund bei der Bewertung der Gesundheitssicherungs­systeme festzustellen. Dazu haben insbesondere die zahlreichen und ein­schneidenden Gesundheitsreformen in vielen europäischen Ländern seit Anfang der 90er Jahre beigetragen, die oft Leis­tungseinschränkungen und eine Erhöhung privater Zuzahlungen für die Versicherten bedeuteten.

War im EU-Durchschnitt Mitte der 90er Jahre noch mehr als die Hälfte der Bevöl­kerung (56%) zufrieden mit ihrem Ge­sundheitswesen, so sank der Anteil im Jahr 2002 auf lediglich 36%. In Deutsch­land fiel dieser Rückgang am drastisch­sten aus: 2002 äußerten sich nur 31% zufrieden, 6 Jahre zuvor waren es mit 64% noch mehr als doppelt soviel. Kranke zeigten sich dabei in Deutschland besonders unzufrieden.

In Österreich hingegen nahm die Zufrie­denheit von 64% auf 69% zu. In unse­rem südlichen Nachbarland ist, anders als hierzulande, die gesamte Bevölkerung (inklusive Selbständigen, Beamten und Besserverdienenden) gesetzlich kranken­versichert. Dieses Ergebnis korreliert auch - ungeachtet der in den Mitglieds­ländern sehr unterschiedlich aufgebauten Gesundheitssystemen - mit der europa­weiten Einschätzung, dass es Aufgabe des Staates sei, für alle Bürgerinnen und Bürger einen Zugang zur Gesundheitsver­sorgung sicherzustellen. 60% (1996: 57%) der beim Europabarometer Befrag­ten vertrauen darauf, dass der Staat bes­ser in der Lage ist, eine Gesundheitsver­sorgung auf hohem Niveau und auch für finanziell schlechter Gestellte organisieren zu können, als ein privatwirtschaftlich or­ganisiertes Krankenversicherungssystem.

Der Sprecher des Bundesgesundheits­ministeriums, Klaus Vater, kommentierte die Studienergebnisse kritisch, da hier Daten von Erhebungen aus den Jahren 1996 und 2002 miteinander verglichen würden, somit die letzten beiden „Ge­sundheitsreformen“ und die darin enthal­tenen „entscheidenden Verbesserungen“ nicht berücksichtigt worden seien. Es wird jedoch das Geheimnis der Bundesregie­rung bleiben, wie sie zu der Einschätzung kommt, dass die Privatisierungstenden­zen, Leistungsausgrenzungen, Praxisge­bühr, Zuzahlungserhöhungen und „kleine Kopfpauschale“ des GMG (2004 ) und des GKV-WSG (2007) die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem hiesigen Gesund­heitssystem erhöhen sollten. Nach den Ergebnissen der Mannheimer Studie ist eher von einer weiteren Abnahme der Zufriedenheit auszugehen.

Weitere Informationen

WSI-Mitteilungen 07/2007 [Mehr]

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 03/07 (19. Sept 07)