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Gesundheitsförderung und Prävention – zwei Seiten einer Medaille?

Gesundheitsförderung und Prävention – zwei Seiten einer Medaille?

Burkhard Gusy Sind Stressmanage­mentprogramme für angehende Eltern prä­ventiv oder gesundheits­fördernd? Wie verhält es sich mit einem Pro­gramm zur Förderung allgemeiner Lebenskom­pe­tenz und –fertigkeiten für Kinder und Jugend­liche? In der Praxis wird kaum differenziert zwischen beiden Begriffen, in der Theorie aber schon. An einer Klärung  der Begriffe sowie deren Verhältnis zueinander wird derzeit gearbeitet.

Prävention zielt auf Minimierung von Krankheitsrisiken, Gesundheitsförderung auf den Ausbau bzw. den Erhalt der Ge­sundheit. Da Prävention und Gesund­heitsförderung Interventionsstrategien zur Reduktion von Krankheiten oder zur Förderung von Gesundheit sind, ist zu­nächst von Bedeutung wie das Verhältnis dieser beiden Begriffe zueinander defi­niert wird. Hier gibt es verschiedene Standpunkte. Gesundheit ist bzw. sollte dem alltags­sprachlichen Gebrauch wieder ange­glichen und als Gegensatz von Krankheit gefasst werden. Weitkunat (2004) der diese Position vertritt, argumentiert sowohl

»  konzeptuell: der Begriff sei mystisch und unklar,

»  historisch: die größten Erfolge der Gesundheitswissenschaften bzw. deren Vorläufer basieren auf gravierenden Krankheiten und deren Bekämpfung

»  pragmatisch: die Gesundheitswissen­schaften sollten ihre Ressourcen bün­deln, um Krankheiten effektiver bekäm­pfen zu können. Sollten Sie sich nicht darauf besinnen, befürchtet Weitkunat einen fortschreitenden Bedeutungs­verlust dieser noch jungen Disziplin.

Im Kern läuft diese Argumentation darauf hinaus, dass ein positiver Gesundheitsbe­griff keinen Zugewinn verspricht.

Gesundheit sei tatsächlich eine „begriff­liche Leerstelle ohne diskriminatives Ni­veau und Objektrepräsentanz“ bekennen auch die Befürworter eines positiven Ge­sundheitsbegriffs (Bauch & Franz­kowiak, 2004; Kuhn, 2005) und fordern verstärk­tes Engagement bei der Bestimmung des Begriffs. Sie empfehlen das Wortgespenst Gesundheit in operatio­nale Bestandteile zu zerlegen z.B. durch die Einführung eines Begriffs wie Gesund­heitsressourcen. Bezeichnet werden da­mit psy­chische, physische und soziale Faktoren, die vor Krankheit schützen. Diese zu erforschen, sollten sich die Ge­sundheitswissenschaf­ten zur Aufgabe machen. Den Begriff der Gesundheitsres­sourcen finden wir auch bei Waller (2006), Laaser & Hurrelmann (2006). Weitkunat sowie Rosenbrock & Gerlinger (2006) sprechen von „Gesundheits­chan­cen“. Was aber ist der Wert neuer zusam­mengesetzter Begriffe, in denen die eine Komponente (Gesundheit) eine Leerstelle bleibt?

Die Vertreter eines positiven Gesund­heitsbegriffs verstehen diese als mehr­dimensional. In der Definition der Welt­gesundheitsorganisation z.B. wird neben Krankheit Wohlbefinden als definito­risches Merkmal geführt. Verschiedene Forschergruppen haben in den letzten zwanzig Jahren daran gearbeitet, dieses Konzept (Wohlbefinden) messbar zu machen. Gesundheit wird dann über die Abwe­senheit von Krankheiten bei gleichzeitig hohem Wohlbefinden bestimmt.

Für Prävention und Gesundheitsförderung ist diese Diskussion essentiell, da es um nicht weniger als die anzustrebenden Zielzustände geht. Dass hier erhebliche Dif­ferenzen bestehen, zeigt sich in der aktuellen Literatur. Rosenbrock & Ger­linger (2006) beschreiben die Aufgaben von Primärprävention in der Reduktion von Belastungen/Expositionen einerseits und dem Ausbau an perso­nalen, sozialen, materiellen Ressourcen andererseits. Dem Ressourcenausbau unterliege die Perspektive der Gesund­heitsförderung, schreiben Rosenbrock & Michel (2006).

Wäre dieses zutreffend, unterläge diesem Interventionstypus ein Verständnis von Gesundheit im Sinne der Abwesenheit von Krankheit, da als Ziel der Primär­prävention die „Senkung der Eintretens­wahrscheinlichkeit von Krankheiten und Unfällen“ postuliert wurde.

Hurrelmann & Laaser (2006) wählen ei­nen andere Zugang und differenzieren auf Grund der angestrebten Zielzustände zwischen Gesundheitsförderung und „Krankheits-“ prävention. Letztgenannte zielt auf Vermeidung des Auftretens von Krankheiten, Gesundheitsförderung hin­gegen auf die Stärkung gesundheitlicher Entfaltungsmöglichkeiten. Die darauf fußende Klassifikation unterscheidet sich deutlich von der bei Rosenbrock & Gerlinger (2006).

Gesundheitsförderung ist an Personen im Gesundheitszustand adressiert und will Verhältnisse und Lebensweisen beein­flussen. Primäre Interventionen[1] richten sich an Personen oder Gruppen mit er­kennbaren Risikofaktoren für eine Krank­heit und beeinflussen die risikobezogenen Parameter. Sekundäre Interventionen erfolgen im Frühstadium einer Krankheit, richten sich an (potenzielle) Patienten und wollen Krankheitsauslöser und –fol­gen modifizieren, tertiäre Interventionen setzen eine akute Krankheitsbehandlung voraus, richten sich an Rehabilitanden und wollen das Risiko von Folgestörungen bzw. -erkrankungen mindern.

Die Zielgröße von Gesundheitsförderung ist ebenso wie bei Rosenbrock & Gerlinger (2006) die Ressourcenförderung, jedoch werden die Ressourcen hier nicht aus­schließlich unter ihrem funktionalen Wert – zur Minderung gesundheitsbezogener Risiken betrachtet, sondern ihr Wert liegt in ihrem Beitrag zur Entfaltung von Gesundheitspotenzialen.

Dass der Gesundheitsbegriff auch nach dieser Kritik von Weitkunat nicht schärfer konturiert wurde, zeigt diese Bestands­aufnahme. Die auf der Differenzierung in Gesundheit und Krankheit fußenden Interventionsstrategien Prävention und Gesundheitsförderung offenbaren diesen Misstand. Interventionen setzen voraus, dass ich die zu erreichenden Zielzustände beschreiben kann und Wege kenne sich diesen anzunähern. Hier sind die Gesund­heitswissenschaften gefordert für mehr Klarheit zu sorgen.

In der Diskussion um ein Präventions­gesetz wird zwar nicht mehr „Gesund­heitsförderung“ behandelt aber auf jeden Fall die Ressourcenförderung zur Mini­mierung von Krankheitsrisiken. Da Ressourcen selten spezifisch wirken, bietet sich hier eine erneute Gelegenheit Optionen zur Förderung der Gesundheit mitzudenken und mitzuverhandeln.

Literatur

Rosenbrock, R. & Michel, C. (2006). Primäre Prävention. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
Rosenbrock, R. & Gerlinger, T. (2006). Gesundheitspolitik (2. vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage). Bern: Huber.
Laaser, U. & Hurrelmann, K. (2006). Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention. In:  K. Hurrelmann, U. Laaser & O. Razum (Hrsg.) Handbuch Gesundheitswissenschaften  (4. vollständig überarbeitete Auflage) (S.749-780). Weinheim: Juventa.


[1] Laaser & Hurrelmann differenzieren auf einer Zeitachse in primordiale, primäre, sekundäre und tertiäre Interventionen

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 03/07 (19. Sept. 07)