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Krank durch Migration? - Die Gesundheitssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Krank durch Migration? - Die Gesundheitssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Guido Grunenberg Im Juli 2008 sind zwei Publikationen des Robert-Koch Instituts (RKI) aus der Reihe der Gesundheitsberichterstattung (GBE) erschienen, die sich mit der bis dahin vergleichsweise wenig untersuchten gesundheitlichen Situationen von Migranten in Deutschland beschäftigen: der Schwerpunktbericht "Migration und Gesundheit" und der Beitrag "Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland".

Der Schwerpunktbericht wurde im Auftrag des RKI von der Fakultät Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld erstellt und basiert im Wesentlichen auf den Auswertungen der amtlichen Statistik sowie Daten der Sozial- und Gesundheitsberichterstattung.

Zusammenfassend weisen die Ergebnisse tendenziell auf erhöhte gesundheitliche Risiken für Menschen mit Migrationshintergrund in bestimmten Bereichen wie Säuglingssterblichkeit, Tuberkulose, Übergewicht, Mundgesundheit sowie Erkrankungen durch psychosoziale Belastung hin. Andererseits wirken sich kulturell bedingte Faktoren (Aufbau sozialer Netzwerke, geringerer Alkohohlkonsum) positiv auf die Gesundheit aus. Bärbel-Maria Kurth, Leiterin der Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung im RKI, sieht insgesamt keine grundsätzliche Benachteiligung für Menschen mit Migrationshintergrund, Ursachen für die Risikofaktoren innerhalb der Migrantenpopulation seien neben einer überproportional häufigen Zugehörigkeit zu sozial benachteiligten Schichten (in der auch der Gesundheitszustand von Nicht-Migranten schlechter ist) in unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten, Lebensstile und Wertmaßstäbe.

Der GBE- Beitrag "Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland" ist eine migrationsspezifische Auswertung des Kinder- und Jugendsurveys KiGGS (vgl. Newsletter 02/07) und enthält im Gegensatz zum Schwerpunktbericht weitaus differenziertere Analysen und Informationen zum Gesundheitsverhalten, –empfinden und -zustand der untersuchten Zielgruppe der jungen Migranten.

Laut Mikrozensus (2005) haben 28,6 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland bis 18 Jahren einen Migrationshintergrund, viele von ihnen sind in der zweiten bzw. dritten Einwanderergeneration geboren und ohne eigene Migrationserfahrung. In der KiGGS-Studie ist es gelungen, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in etwa entsprechend ihres Anteils in der Bevölkerung einzubinden (24,4% der Gesamtheit). Insgesamt haben sich 2.590 Kinder und Jugendliche mit einseitigem (8,3%) oder beidseitigem (17,1%) Migrationshintergrund an der Studie beteiligt. [1]

Ähnlich wie im Schwerpunktbericht weisen die KiGGS-Ergebnisse höhere Risiken für Migrantenkinder in bestimmten gesundheitlichen Bereichen aus, während in anderen Bereichen kaum nennenswerte Unterschiede oder sogar Vorteile je nach Art des Migrationshintergrunds bestehen. Hier verfestigt sich die These, dass migrationsbedingte und kulturspezifische Faktoren Krankheitsrisiken verstärken oder auch kompensieren können. So konnten kulturell bedingte Gesundheitsressourcen nachgewiesen werden, die sich bspw. in einem günstigeren Stillverhalten von Müttern, einer geringeren Prävalenz allergischer Krankheiten oder einem niedrigeren Tabak- und Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zeigen, hier insbesondere unter jenen mit beidseitigem Migrationshintergrund.

Gesundheitliche Gefährdungen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund manifestieren sich hingegen in den Bereichen Infektionskrankheiten, Übergewicht/Adipositas, Ernährungs- und Mundgesundheitsverhalten sowie Impfungen und der Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen. Allerdings ergeben die differenzierten Analysen, dass Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken innerhalb der Migrantenpopulation sehr ungleich verteilt sind, wobei Kinder und Jugendliche mit beidseitigem Migrationshintergrund überproportional häufig von Risiken betroffen sind (im Gegenzug sind die gesundheitlichen Lebenslagen sowie das Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen mit einseitigem Migrationshintergrund mit jenen ohne Migrationshintergrund vergleichbar). Deutliche Unterschiede lassen sich vor allem nach Herkunftsland, Geschlecht, Alter, Sozialstatus und Aufenthaltsdauer bzw. Einwanderergeneration konstatieren. So gehören Kinder und Jugendliche aus der Türkei und den arabisch-islamischen Ländern mit Abstand am häufigsten der untersten Sozialschicht an und weisen den geringsten Grad an sozialer Integration (Deutschkenntnisse, schulische und berufliche Integration,  sozialer Einbindung, aufenthaltsrechtliche Situation etc.) auf. Insbesondere ein niedriger soziökonomischer Status korreliert hier mit einem erhöhten Krankheitsrisiko.

Priorität sollte nach Ansicht der Forscher daher der Erhaltung der gesundheitsfördernden (kulturellen) Ressourcen beigemessen werden. So geht z.B. eine längere Aufenthaltsdauer bzw. die Zugehörigkeit zur zweiten oder dritten Einwanderergeneration offensichtlich mit einer Veränderung des Lebensstils einher, der durch zunehmend ungünstigere (und vor allem ungesündere) Verhaltensmuster geprägt ist. Beispielhaft werden in diesem Zusammenhang der zunehmende Konsum von Fast Food Produkten und eine abnehmende Stillbereitschaft und -dauer aufgeführt. Daher gelte es, eine zielgenaue Planung unter Berücksichtigung der Verknüpfung von gesundheits- und sozialpolitischen Interventionen zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage in der Bevölkerung unbedingt zu beachten, so die Autoren der Studie.

Weitere politische Forderungen zielen auf eine migrantensensible Ausgestaltung präventiver Angebote ab, die – zielgruppendifferenziert - Herkunftsland, Altersgruppe, Einwanderergeneration etc. berücksichtigt.

Vor allem die Veränderung ungünstiger Verhaltensmuster (Ernährungs-, Bewegungs-, Inanspruchnahmeverhalten von Impfungen etc.) erfordert nach Ansicht der Forscher eine Initiierung bzw. Intensivierung von Aktivitäten in den Bereichen Gesundheitserziehung und Wissensvermittlung über bestehende Angebote der gesundheitlichen Versorgung. Denn eine der Hauptursachen für Benachteiligungen in Folge von Migration, insbesondere für neu bzw. selbst zugewanderte Kinder und Jugendliche, wird in Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem gesehen, die hauptsächlich durch Sprach- und Verständigungsprobleme sowie Informationsdefizite bedingt sind.

Ein vorbildliches Projekt, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden sollte, ist das Projekt „Mit Migranten für Migranten – MiMi“ des Ethno-Medizinischen Zentrums in Hannover (EMZ) und des BKK Bundesverbands. Bereits seit 2003 werden in mittlerweile neun Bundesländern Angebote des deutschen Gesundheitssystems für Menschen mit Migrationshintergrund verständlich aufbereitet zur Verfügung gestellt. Dabei helfen speziell als Multiplikatoren ausgebildete Gesundheitslotsen und ein in 15 Sprachen erschienener „Gesundheitswegweiser“.

Generell wird das Thema Migration gesundheitspolitisch zunehmend aufgegriffen. Die Strategie der Bundesregierung zur Förderung der Kindergesundheit vom Mai diesen Jahres akzentuiert die Situation von Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien und aus Familien mit Migrationshintergrund. Die wichtigsten Handlungsfelder sind demzufolge der Ausbau von Prävention und Gesundheitsförderung, die Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit und die Minderung gesundheitlicher Risiken. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat in Ihrer Praxisdatenbank „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ bereits präventive Angebote speziell für die Zielgruppe der Migranten bereit gestellt.

Folgeuntersuchungen werden jedoch erst belegen können, inwieweit die (geplante) Fokussierung auf die Bedürfnisse der Migrantenpopulation - durch entsprechende Interventionen - eine Veränderung bzw. Verbesserung deren Gesundheitssituation bewirken wird.

IPG-Newsletter Gesundheitsförderung 03/08 [30/08/2008]

[1] Zur differenzierten Betrachtung der Studienergebnisse wird methodisch grundsätzlich in ein- und beidseitigen Migrationshintergrund unterschieden. Über einen beidseitigen Migrationshintergrund verfügen Kinder und Jugendliche, die selbst aus einem anderen Land zugewandert sind und von denen mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist oder von denen beide Eltern zugewandert und/ oder nichtdeutscher Staatsangehörigkeit sind. Sind sie in Deutschland geboren und ist ein Elternteil aus einem anderen Land zugewandert und/oder nichtdeutscher Staatangehörigkeit, spricht man von einem einseitigen Migrationshintergrund.