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Geringere Kosten – gleich bleibende Leistungen? Die Modernisierung des Gesundheitssystems

Geringere Kosten – gleich bleibende Leistungen? Die Modernisierung des Gesundheitssystems

Burkhard Gusy "Seit dem 01. Januar 2004 ist die Gesundheitsreform (GKV-Reform) in Kraft. Mit ihr wurden die Weichen gestellt, unser Gesundheitssystem zukunftsfähig zu machen und seine drängends-ten Probleme zu lösen, die Beiträge zu senken und die Ausgaben zu begrenzen" ist auf den Webseiten des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung zu lesen. Bereits im letzten Newsletter (03/05) wurde die Sicht der Versicherten auf das Reformpaket thematisiert. Grund für das erneute Aufgreifen dieses Themas ist der im Oktober 2005 erschienene "Gesundheitsmonitor 2005" zum Thema "Ambulante Versorgung aus Sicht der Bevölkerung und Ärzteschaft", in der eine erste Bilanz gezogen wird.

Zur Erinnerung: Kostendämpfung und Strukturveränderungen waren ein wesentliches Ziel des im Jahre 2004 in Kraft getretenen Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenver-sicherung. Durch neue Steuerungsinstrumente wie die Einführung der Praxisgebühr sollten die Aufwendungen für die ambulante Versorgung gesenkt werden, die Einsparungen - so der Plan der Gesundheitsministerin Schmidt – den Versicherten durch sinkende Beiträge zur gesetz-lichen Krankenversicherung wieder zu Gute kommen. Beitragssenkungen von bis zu einem Prozentpunkt wurden für möglich gehalten. Im ausklingenden Jahr 2005 kündigten mehrere Krankenversicherungen an, ihre Beitragssätze im Jahre 2006 nicht zu senken, sondern erheblich zu erhöhen, um mindestens 0.5 Prozent-punkte. Das Bundesministerium für Gesundheit reagiert laut einer Meldung der Süddeutschen Zeitung vom 16. Dezember mit Unverständnis. Vom ursprünglichen Versprechen, die privaten Aufwendungen für die ambulante Versorgung durch Beitragssenkungen abzufedern, ist nicht viel geblieben.

Wenn schon der Nutzen der Versicherten nicht in sinkenden Kosten sichtbar wird, stellt sich die Frage, wie denn die neuen Steuerungsinstrumente greifen. Erste empirische Daten liegen vor, die eine Bewertung ermöglichen.

Die gute Nachricht vorweg: Mit den Daten des Gesundheitsmonitors 2005 lässt sich zeigen, dass die Praxisgebühr zu sinkenden Praxiskontakten geführt hat. In Allgemeinarztpraxen wurde eine Minderung um 1% von 2004 zu 2005 belegt. Die Fahlzahlquote hat, bereinigt um jahreszeitbedingte Schwankungen, über fast alle Arztgruppen hinweg abgenommen (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Entwicklung der Zahl der Praxiskontakte im Zeitverlauf (Quelle: Böcken, Braun, Schnee & Amhof, 2005, S. 15)

Eine Ausnahme bilden hier nur die Praxiskontakte zur Gruppe 'anderer Fachärzte', die deutlich zunahmen.

Ist das Reformziel damit erreicht? Der Steuerungsmechanismus war differenzierter ange-legt. Der Patient sollte vor dem Hintergrund einer möglichen Selbstbeteiligung die Entscheidung treffen, ob ein Arztbesuch erforderlich sei oder nicht. Unnötige Arztbesuche galt es zu vermeiden. Die Daten zeigen aber auch, dass über alle Bevölkerungsschichten hinweg die Praxiskontakte abnehmen. Versicherte umgehen Arztbesuche, um Kosten zu vermeiden. Auch Personen mit hohen Arztbesuchsfrequenzen reduzierten ihre Praxiskontakte. Durch Ein-spareffekte (an Praxisgebühren) lässt sich deren Verhalten nicht erklären, da diese ja nur einmal im Quartal entrichtet wird. Personen, die ihren Gesundheitszustand selbst als "schlecht" beschreiben, haben ihre Praxiskontakte am deut-lichsten gesenkt (von 23 auf 16 Arztbesuche). Diese Tendenz bleibt auch in der Frühjahrs-erhebung stabil, in der die Praxiskontakte der anderen Gruppen wieder leicht zunehmen (vgl. Abbildung 2).

Gerade bei Personen mit schlechtem Gesundheitszustand besteht damit die Gefahr, dass auch auf wichtige Arztbesuche verzichtet wird.

Abbildung 2: Vermeiden von Arztbesuchen nach Gesundheitszustand im Zeitverlauf (Quelle: Böcken, Braun, Schnee & Amhof, 2005,  S. 20)

Verschleppte Krankheiten in dieser Personengruppe können sich langfristig als Bumerang erweisen, da die Kuration leichter Krankheiten bzw. vorbeugender Interventionen unter ärztlicher Anleitung nicht mehr stattfindet. Vor allem in den untersten Einkommensgruppen werden Arztbesuche am ehesten aufgeschoben. Damit offenbart die Reform eine soziale Schieflage, die durch die Härtefallregelungen dieses Gesetzespakets nicht kompensiert wird. Berücksichtigt man ferner die Schätzungen von 180.000 – 300.000 Personen, die derzeit ohne Krankenversicherungsschutz leben (Tendenz steigend), droht der gesetzlich verankerte Anspruch auf eine gleichwertige notwendige medizinische Versorgung unabhängig von Alter, Geschlecht und Einkommen zur Makulatur zu werden.

Um diesen Anspruch einzulösen sind Reformen notwendig, die nicht nur auf Einnahmenverbes-serung und Ausgabenminderung zielen, sondern auch die Verteilung von Gesundheitsleistungen ins Visier nehmen. Die mit dem GKV-Reformgesetz verabschiedeten Härtefallregelungen sind nicht ausreichend, um einen glei-chen Zugang für alle Bevölkerungsgruppen zur ambulanten Versorgung sicherzustellen. 84% der Bundesbürger wünschen den Erhalt einer solidarisch finanzierten Gesundheitsversorgung, intelligente Lösungen sind weiterhin gefragt.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 03/05 (19. Dez. 05)