Springe direkt zu Inhalt

Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas

Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas

Guido Grunenberg Am 16.11.2006 wurde auf der Europäischen Ministerkonferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Istanbul die Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas im Namen aller Mitgliedstaaten der Europäischen Region unterzeichnet. Die Ziele der Konferenz waren eine Aufwertung der Adipositas-Problematik in der Gesundheitspolitik und in anderen Politikbereichen, verstärkte Sensibilisierung für das Thema und Sicherung eines entschlossenen Engagements der Politik sowie die Förderung internationaler und sektorübergreifender Partnerschaften.

Die Charta ist das Ergebnis eines offenen Kon­sultationsprozesses, der von den Mitgliedsta­aten gesteu­ert wurde und in den verschiedene Regierungsressorts, internationale Organisati­onen und Experten sowie Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft einbezogen wurden. In der Char­ta verpflichten sich die Mitgliedstaaten, dem Thema Adipositas auf der gesundheitspolitischen Agenda einen hohen Stellenwert einzuräumen. Die Charta wurde bereits von über 50 Staaten, darunter Deutschland, angenommen.

Übergewicht und lebensbedrohliche Fettleibigkeit sind nach Angaben der WHO zu einer weltweiten Epidemie geworden. In den meisten Län­dern der Europäischen Region der WHO sind zwischen 30 und 80 Prozent der Erwachsenen übergewichtig. Nur in wenigen Ländern erreiche der Verzehr von Obst und Gemüse das empfohlene Niveau. Besonders bei Kindern und Jugendlichen sei der Trend alarmierend, so die WHO.

Derzeit sind nach Erkenntnissen der WHO ungefähr 20 Prozent der Kinder in Europa übergewichtig und von diesen wiederum ein Drittel fettleibig. Dies bedeutet ein stark erhöhtes Risiko, Diabetes zu entwickeln, an Bluthochdruck zu erkranken, an Schlafstörungen zu leiden sowie psychosoziale Probleme zu bekommen.

Adipositas und Übergewicht haben auch wirtschaftlich und sozial bedeutende Komponenten. 6% der Ausgaben im Gesundheitswesen sind in der Europäischen Region auf Adipositas und Übergewicht zurückzuführen. Am stärksten betroffen sind dabei sozial benachteiligte Gruppen.

Um den gefährlichen Trend einer europäischen Adipositas-Epidemie zu stoppen, wird in der Char­ta das optimistische Ziel ausgegeben, "Ge­sell­schaften zu schaffen, in denen eine durch gesunde Ernährung und Bewegung geprägte Lebensweise die Norm ist". Weiter sollen bei der Bekämpfung der Epidemie in den nächsten 4-5 Jahren in den meisten Ländern sichtbare Fort­schrit­te erzielt und bis spätestens 2015 eine Trendumkehr erreicht werden. Ein besonderer Fokus soll dabei auf die Situation von Kindern und Jugendlichen gerichtet werden.

An umfangreichen Forderungen und Hanlungsmöglichkeiten mangelt es in der Charta nicht.

Wesentliche Bedeutung wird z.B. dem Auf- und Ausbau von Kooperationen zwischen den beteiligten Akteuren wie Staat, Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft, Berufsverbänden, Medien und internationalen Organisationen beigemessen. Insbesondere die Privatwirtschaft (Unternehmen in der gesamten Nahrungskette vom Primärerzeuger bis zum Einzelhandel, Freizeitanbieter, Bauunternehmen, Werbewirtschaft und die Medien) gerät in den Fokus der Forderungen. Allgemein sollen die Auswirkungen auf gesundheitspolitische Ziele in der Wirtschaftspolitik vorrangig berücksichtigt werden. Gleiches gilt für die Bereiche Handels-, Landwirtschafts- und Verkehrspolitik sowie Städteplanung.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang die fast schon offene Androhung an die Privatwirtschaft, Regulierungsmaßnahmen zu ergreifen, die z.B. das Ausmaß und die Auswirkungen der Werbung für energiereiche Lebensmittel und Getränke erheblich verringern, um Kinder und Jugendliche vor kommerziellen Einflüssen zu schützen.

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL), dem Verbände und Unternehmen der gesamten Lebensmittelkette – In­dus­trie, Handel, Handwerk, Landwirtschaft und angrenzende Gebiete – angehören, nahm so­gleich Stellung. Selbstverständlich begrüße man die Charta. Mit Zurückhaltung wurde allerdings aufgenommen, dass die Lösung des Problems schwerpunktmäßig im Bereich der Produktzusammensetzung und Vermarktung gesucht würde. Auch drohende staatliche Regulierungsmaßnahmen sorgten eher für Irritationen.

Die praktischen Strategien der Charta zielen im wesentlichen auf die allseits bekannten Aspekte der Ernährung und Bewegung in den verschiedenen Lebenswelten ab und reichen von er­schwing­lichen Preisen für gesündere Lebensmittel bis hin zur Förderung des Radfahrens und Gehens durch bessere Städteplanung und Verkehrspolitik. Im Vordergrund stehen dabei Ansätze in lebensweltbezogenen Kontexten, unter Berücksichtigung sozialer, wirtschaftlicher, kultureller und räumlicher Aspekte.

Die WHO selbst sieht ihre Rolle im gesamten Pro­zess eher als Lotse, der mit seinem Regionalbüro die Länder der Europäischen Region unterstützen und das internationale Handeln inspirieren, koordinieren und anführen wird.

Grundsätzlich ist eine europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas zu begrüßen, denn sie will die Maßnahmen gegen Adipositas in der gesamten Europäischen Region der WHO verstärken, zu nationalen Konzepten, gesetzlichen und sonstigen Regulierungsmaßnahmen und Aktionsplänen anregen und diese beeinflussen.

Die Kontrolle der Umsetzung bzw. eine Überwachung der Fortschritte ist jedoch nur begrenzt möglich und somit der schwächste Punkt der Charta. Insbesondere die Sicherung eines entschlossenen Engagements in der jeweiligen nationalen Gesundheitspolitik erscheint schwer zu prüfen oder gar durchzusetzen. Auch was die Forderungen gegen die Privatwirtschaft angeht, darf man auf nationaler Ebene auf die Umsetzung gespannt sein. Im Rahmen der in dreijährigen Abständen stattfindenden so genannten Fortschrittsberichte der WHO (erstmalig 2010) wird sich aller Voraussicht nach auch erstmalig herausstellen, wie Ernst die einzelnen Mitgliedsländer auch die Umsetzungsvorschläge nehmen und auf die nach Aussagen der WHO größte Herausforderung für die Gesundheitspolitik im 21. Jahrhundert reagieren.

Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Marion Caspers-Merk, bezeichnete die Charta nach der Unterzeichnung bereits als wegweisend und verwies dabei auf die aus ihrer Sicht vielen beispielhaften Projekte des BMG. Dabei wird insbesondere die exemplarisch für alle guten Projekte genannte Kampagne „Deutschland wird fit – gehen Sie mit“, ein Programm, das anregt, jeden Tag 3000 Schritte extra zu gehen, den hoch gesteckten Zielen und Forderungen der Charta wohl kaum gerecht. Insgesamt klang das Statement der Staatssekretärin auch eher so, als würde Deutschland bereits eine Vorreiterrolle in Europa einnehmen. Konkreter Handlungsbedarf nach Unterzeichnung der Charta wurde jedenfalls nicht formuliert.

Dabei lieferte der im Auftrag des BMG initiierte und vom Robert Koch Institut (RKI) durchgeführte bundesweite Kinder- und Jugendsurveys (KIGGS) erste Ergebnisse (die ausführliche Dar­stellung erfolgt im Mai 2007) für Maßnahmen, die über die von der Staatssekretärin beschrie­be­nen hinausgehen sollten. Die im Rahmen der Studie erhobenen Daten bieten einen breiten Überblick über den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Man erfährt u.a., dass 15 % der Kinder im Alter zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig sind. Weitere 6 % leiden an Adipositas, wobei Kinder aus sozial benachteiligten Schichten und Kinder mit Migrationshintergrund besonders betroffen sind. Weiter geben die Daten darüber Aufschluss, welche Einflüsse und Faktoren Gesundheit fördern und erhalten und liefern dadurch eine Basis für insbesondere primärpräventiv ausgerichtete Maßnahmen.

Eigentlich Grund genug, um auch – wie in der europäischen Charta gefordert – lebensweltbezogene Ansätze unter Beteiligung sämtlicher Akteure im Gesundheitswesen und darüber hinaus der Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft zu forcieren.

Deutlich wird an dieser Stelle noch einmal die Notwendigkeit eines Präventionsgesetzes, welches insbesondere die Maßnahmen und Aktivitäten in lebensweltbezogenen Settings wie Kindergarten, Schule oder Arbeitsplatz unter Beteiligung sämtlicher Akteure regeln soll. Die Verabschiedung des auf 2007 verschobenen Präventionsgesetztes darf daher weiter mit Spannung erwartet werden.

Weitere Informationen:

http://www.euro.who.int/obesity?language=German
http://www.kiggs.de/

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 04/06 (18. Dez. 06)