Gesundes Wohnumfeld – health and housing

Gesundes Wohnumfeld  - health and housing

Burkhard Gusy Angebote zum gesunden Wohnen im Internet adressieren hierzulande die Beseitigung von Fehlerquellen wie z.B. der Raumluft (Temperatur, Luftqualität), Elektrosmog oder aber von Wohnanpassungsmaßnahmen bei körperlich beeinträchtigten Personen. Die internationale Diskussion zu diesem Thema wird selten rezipiert.

„Licht und Luft in die Wohnung“ ist ein Plakat aus der Weimarer Zeit, in der die Schaffung gesunden Wohnraums zum gesellschaftlichen Ziel erklärt wurde. Der Artikel 155 der Weimarer Ver­fassung sah vor, dass „die Verteilung und Nutzung des Bodens vom Staat wegen in einer Weise überwacht wird, die Missbrauch verhütet und dem Ziel zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Wohnung und allen deutschen Famili­en, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern“. Die Gesundheitslehre zu dieser Zeit hatte die Beziehung zwischen Wohnung und Gesundheit bereits erkannt, Max von Pettenkofer (1818-1901) wies auf die Bedeutung sauberer Luft und Luftaustausch sowie Lichtmangel in vielen Wohnungen hin, um Krankheiten vorzubeugen. Einen ähnli­chen Gesetzestext suchen wir im Grundgesetz vergebens. Insofern verweisen auch die meisten Autoren dieses Themas auf die Universalerklä­rung der Menschenrechte (1949), in der Woh­nen als fundamentales Recht für einen ange­mes­senen Lebensstandard anerkannt ist.

Im Jahre 2001 gab es ein Symposium der Weltgesundheitsorganisation zum Thema ‚housing and health in Bonn, in dem die Wichtigkeit an­gemessener Wohnverhältnisse und die verschie­denen Funktionen des Wohnens erörtert wur­den. Veränderte Wohn- und Sanitärstandards wurden als relevante Faktoren benannt für die Steigerung der Lebenserwartung im 20ten Jahr­hundert. Zu den Aspekten und Wohnbedin­gun­gen gesunden Wohnens zählen: die Qualität der Innenraumluft, Heimsicherheit, Lärm, Feuchte und Schimmelbefall, Innenraumtempe­ra­turen, Asbest, Blei, Radon, flüchtige orga­nische Ver­bindungen (VOC), mangelnde Hygi­ene- und Sanitäreinrichtungen. Überbelegung ist ein weiteres wohnbedingtes Gesundheits­risiko. Ebenso wird die physische, psychische und soziale Gesundheit von den Wohnverhält­nis­sen beeinflusst. Dies gilt umso mehr, je stär­ker die Wohnung den Lebensmittelpunkt dar­stellt wie z.B. bei Familien, alten oder kranken Personen. Da die Einflussmechanismen von As­pekten des Wohnumfeldes und dem Gesund­heits­zustand noch nicht genügend geklärt sind, hat das Regionalbüro der Weltgesundheitsor­gani­sa­tion eine Analyse zum Zusammenhang von Wohn­umfeldfaktoren und Gesundheitszu­stand durchgeführt (Large Analysis and Review of Euopean housing and health Status; kurz LARES genannt).

Es wurde ein Haushaltsfragebogen entwickelt, den trainierte Interviewer in einem face-to-face Interview einsetzten um die Wohnbedingungen zu erfassen. Ferner wurden Beobachtungsdaten gewonnen, die das Wohnumfeld abbilden (Art und Qualität der Bebauung, infrastruk­turel­le Bedingungen etc.) und ein weiterer Fragebo­gen eingesetzt, der den subjektiven Gesund­heits­zustand aller Bewohner einschließlich der Kin­der beschreibt. Diese multizentrische Studie, an der sich acht Länder beteiligten, schloss 400 Wohnungen mit 1.000 Bewohnern ein, die Er­gebnisse wurden den regionalen Stellen über­geben, die im Planungs- und Durchführungs­pro­zess ebenso beteiligt waren. Während in einer früheren Erhebung als deutsche Stadt Schwedt beteiligt wurde, war es in dieser Phase Bonn.

Zwanzig bis vierzig Prozent des Haushaltsein­kommens werden für eine Wohnung ausge­geben. Im Durchschnitt verbringen Menschen den größten Anteil ihrer Lebenszeit zu Hause. Dies sind 8,1 Stunden pro Tag in der Woche und 7,1 Stunden pro Tag am Wochenende. Junge Menschen verbringen am wenigsten Zeit in der häuslichen Wohnung. Ein Viertel ist (ak­tuell) sportlich aktiv, der Anteil an Rauchern liegt bei knapp über 30%. Nur 10% beschrei­ben sich als gesundheitlich beeinträchtigt, 22% hingegen berichten von körperlichen Beschwer­den, beschreiben sich aber nicht als behindert.

50% der Wohnungen sind Eigentum der Be­woh­­ner mit deutlichen Unterschieden zwischen den beteiligten Ländern. Der Anteil an Wohnei­gen­­tum in Bonn liegt um die 40%, in Genf hin­gegen sind es nur knapp 10%. In Ferreira waren in der befragten Stichprobe 90% die in Ein- und Mehrfami­lien­häu­sern wohnen.

Die Zufriedenheit der Bewohner mit ihrem Wohn­umfeld war in Regionen mit gemischter Bebauung und Einfamilienhäusern am größten, am schlechtesten wurden Quartiere mit Block­bebauung evaluiert.

Der psychosoziale Gewinn einer qualitativ gut bewerteten Wohnung liegt in der Privatheit, der Möglichkeit, dass zu tun, was man möchte oh­ne besondere Rücksichten nehmen zu müs­sen, der Selbstbestimmtheit sowie des subjektiven Sicherheitsge­fühls. Zusammen­hänge zwischen der Wohnqualität und Fak­toren wie z.B. fehlen­des Tageslicht, schle­chte Sicht aus dem Fenster, Einschränkun­gen durch Lärm auch im Schlaf min­dern unisono das Wohlbefinden. Auf Aspek­te wie Wohnraumklima, Beleuchtung und Luft­qualität sowie sanitäre Ausstattung wird hier nicht gesondert eingegangen, da diese bereits zum „etablierten Kanon“ gesunden Wohnens zählen.

Als relevante Merkmale der Wohnum­gebung wurde die Anwesenheit von Spielplätzen, Grün­flächen mit Sitz- und Ruhemöglichkeiten sowie das Ge­fühl subjektiver Sicherheit ebenso be­rück­sichtigt wie Verunreinigungen durch Graffi­tis und die Sauberkeit der Umgebung. Zusam­men­hänge zwischen einem geringen Gesund­heitszustand und folgenden Umgebungsbe­din­gungen konnten bestätigt werden: Verkehrs­lärm, Verunreinigungen durch herumliegenden Müll sowie ein Gefühl von geringer Sicherheit in den Nachtstunden.

Es sind demzufolge nicht nur die technischen Ge­gebenheiten, die die Wohnqualität und die Gesundheit beeinträchtigen, sondern ebenso Wohnumfeldbedingungen, denen bislang zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Die Ergeb­nis­se von LARES sind zum einen wichtig für wohn­­umfeldbezogene Interventionen, ferner werden Instrumente zur Verfügung gestellt, mit denen die Gesundheit von Bewohnern verschie­dener Wohnumwelten abbildbar wird.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 04/06 (18. Dez. 06)