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Neue Ergebnisse der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie (KiGGS) – Auswertung der Ernährungsstudie (EsKiMo)

Neue Ergebnisse der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie (KiGGS) – Auswertung der Ernährungsstudie (EsKiMo)

Guido Grunenberg Im Mai 2007 wurden die ersten umfassenden Ergebnisse der Kinder- und Jugendstudie (KiGGS) veröffentlicht (vgl. Newsletter 02/2007). Diese sollten den Auftakt zu weiteren, tiefer gehenden Auswertungen darstellen. KiGGS ist eine vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam initiierte und finanzierte Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Im Oktober 2007 präsentierte der Leiter der Eskimo-Studie , Dr. Gerd Mensink(RKI) im Rahmen einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Ernährungsverhalten (AGEV) in Köln die ersten Auswertungen der Ernährungsstudie EsKiMo, einer Teilstudie der bundesweiten KiGGS-Untersuchung zur Kinder- und Jugendgesundheit.

Der veröffentliche Forschungsbericht des RKI und der Universität Paderborn im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) ist eine erste umfassende Darstellung des Lebensmittelverzehrs und der Nährstoffzufuhr von Kindern und Jugendlichen.

Im Zeitraum von Januar bis Dezember 2006 wurden 2.506 Mädchen und Jungen im Alter von 6 bis 17 Jahren befragt, die bereits an der KiGGS-Studie teilgenommen hatten. Die Befragung erfolgte dabei insbesondere unter Berücksichtigung einer möglichst gleichmäßigen Streuung der jeweiligen Region über die Jahreszeiten.

Durch die Anbindung an die KiGGS-Studie (und die hier erhobenen Gesundheitsdaten und -parameter) sollen die Ergebnisse der EsKiMo-Modulstudie außerdem umfangreiche Analysen zum Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit ermöglichen.

Je nach Alter wurden unterschiedliche Erhebungsmethoden angewendet. Die Eltern der 6- bis 11-Jährigen führten über einen Zeitraum von 3 Tagen ein Ernährungstagebuch (im Vordergrund stehen hier Angaben zu Lebensmittelbezeichnung, Menge, Ort und Zeitpunkt des Verzehrs sowie die Zubereitung) und wurden dabei telefonisch von der Universität Paderborn betreut. Die 12- bis 17-jährigen Teilnehmer wurden über ein standardisiertes Ernährungsinterview (auf der Grundlage des RKI-Ernährungserhebungsprogramms DISHES) persönlich zu ihren Ernährungsgewohnheiten in den letzten vier Wochen befragt. Zusätzlich wurden in einer weiteren Befragung soziodemographische Daten, Aspekte der Freizeitgestaltung, Supplementeinnahme, Verpflegung in der Schule sowie Körpergröße und -gewicht erhoben.

Bei der Auswertung wurden die Ergebnisse über die Ernährungsgewohnheiten der Kinder und Jugendlichen mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) – hier z.B. mit den Empfehlungen für eine optimierte Mischkost (optimiX) - ins Verhältnis gesetzt. Auf Grund der Verwendung der gleichen Erhebungsmethodik wie bei der Nationalen Verzehrsstudie II des BMELV erhofft man sich zudem Vergleiche der Ernährungssituation zwischen Kindern und Erwachsenen.

Die Autoren des Forschungsberichts weisen jedoch im Vorfeld bereits darauf hin, dass durch die unterschiedlichen Erhebungsmethoden bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen der EsKiMo-Studie, Vergleiche zwischen diesen beiden Gruppen nur mit Vorsicht gezogen werden können.

Die Ergebnisse des Forschungsberichts ermöglichen einen detaillierten und differenzierten Einblick in die Ernährungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland und bestätigen viele der schon bekannten Ernährungsprobleme.

Deutsche Kinder und Jugendliche essen viel zu wenig pflanzliche und viel zu viele fettreiche, tierische Lebensmittel. Insgesamt werden zu viele energiedichte und proteinhaltige und zu wenig ballaststoffreiche Lebensmittel konsumiert. Nur wenige Kinder und Jugendliche erreichen die empfohlenen Verzehrmengen von Obst und Gemüse. So verzehren z.B. nur 6% der Jungen und 7% der Mädchen ausreichend Gemüse. Nicht einmal 50% der Kinder erreichen die Hälfte der empfohlenen Obstmenge. Problematische Ernährungsgewohnheiten wie z.B. ein hoher Verzehr von Fastfood sind vor allem bei den Jugendlichen zu beobachten. So nehmen 16- bis 17-jährige Jungen im Mittel 8% ihrer täglichen Energiezufuhr über Fastfood-Produkte auf.

Die Getränkemenge bei den Jungendlichen wurde zwar als ausreichend bewertet (die empfohlene Menge wird sogar zumeist überschritten), weist jedoch mit ca. 25% einen relativ hohen Anteil an limonadehaltigen Getränken auf. Bei den 6- bis 11-Jährigen trinkt etwa jedes zweite Kind zu wenig.

Die Hauptquellen für Energie- und Fettzufuhr sind – neben Brot und Milch - Süßigkeiten. Auch wenn die Energiezufuhr im Mittel den Empfehlungen entspricht, weisen die Autoren kritisch auf eine zu hohe Zufuhr an ungünstigen gesättigten Fettsäuren sowie Zucker hin. Ca. 10% der Kinder und Jugendlichen nehmen mehr als 40% der täglich zugeführten Kalorien über Fett auf. Dabei macht z.B. ein überall verfügbares Angebot an energiereichen (und schmackhaften) Fastfood-Produkten es vielen Kindern und Jugendlichen offensichtlich zunehmend schwerer, dauerhaft eine ausgeglichene Energiebilanz und eine normale Entwicklung des Körpergewichts zu erreichen.

Die Zufuhr der meisten Vitamine und Mineralstoffe liegt oberhalb der Empfehlungen. Ausnahmen sind Folat und Vitamin D bei Kindern und Jugendlichen, Calcium und Vitamin A bei den Kindern sowie Eisen bei den Mädchen.

Die aus den Ergebnissen des Forschungsberichts resultierenden Empfehlungen fallen vergleichsweise bescheiden aus. Aus präventivmedizinischer Sicht sprechen sich die Autoren für eine ausgewogene, auf Obst, Gemüse und weiteren pflanzlichen Lebensmitteln basierende, weniger energiereiche Kost und Bewegung schon im frühen Kindesalter aus und greifen hier im Wesentlichen die Empfehlungen der DGE und des FKE auf.

Dabei liefern die vorliegenden Daten und Ergebnisse eine aktuelle und ausführliche Bestandsaufnahme der Ernährungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland und würden somit eine wichtige Grundlage für zielgruppen- und geschlechterspezifische Interventionen, insbesondere in lebensweltorientierten Bereichen (Kindertagesstätten, Schulen, Gemeinden etc.) bilden.

Gesundheitspolitisch relevant ist jedoch lediglich der Hinweis, die Empfehlungen bei der Einführung von Gemeinschaftsverpflegung in Ganztagsschulen zu nutzen. Dabei hätten gerade an dieser Steller, z.B. im Hinblick auf ein Präventionsgesetz, das ja noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden und den qualitativen und quantitativen Ausbau von Interventionen im Setting fokussieren soll, durch konkrete Handlungs- und Umsetzungsempfehlungen weitere Akzente gesetzt werden können.

Enttäuschend sind auch die defensive Ausrichtung bei der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse und die bisher verhaltenen Reaktionen auf diese. Das BMELV, immerhin Auftraggeber der Studie, verweist auf seiner Homepage lediglich auf selbige. Konkrete Handlungsempfehlungen sind auch hier bisher Fehlanzeige. Von Seiten des BMG ist ebenso keine offizielle Stellungnahme zu vernehmen.

Von Seiten der Fachverbände greift zumindest die DGE in ihrem Projekt „Qualitätsstandards für die Schulentwicklung“ den in der KiGGS-Studie gezeigten Handlungsbedarf auf und versucht sich an der Etablierung von Qualitätssicherung in der Schulverpflegung.

Zusammenfassend stellt der Forschungsbericht durch seine umfangreiche Beschreibung der Ernährungssituation der Zielgruppe sowie zu Stichprobendesign und Erhebungsmethoden (inklusive einer detaillierten Dokumentation im Anhang) eine solide Grundlage für zukünftige Interventionen in lebensweltorientierten Bereichen dar und ist allein deswegen sehr empfehlenswert für Experten, Netzwerker, Multiplikatoren und Interessierte.

Weitere Informationen:
Forschungsbericht EsKiMo
KiGGS

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 04/07 (17. Dez. 07)