Wie erfolgreich ist Prävention und Gesundheitsförderung – Ergebnisse einer internationalen Literatursichtung

Wie erfolgreich ist Prävention und Gesundheitsförderung – Ergebnisse einer internationalen Literatursichtung

Burkhard Gusy Die Notwendigkeit der Vermehrung und Verbesserung von Primärprävention begründen unisono Gesundheitswissenschaftler, doch fehlt derzeit noch ein politisch konsensfähiges und konsistentes Begriffsinventar. Unbeschadet der ausstehenden Begriffsklärung besteht Einigkeit darüber, dass für zukünftige Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention ein Wirknachweis zu erbringen ist. Dies ist auch im aktuellen Referentenentwurf für ein Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und gesundheitlichen Prävention aus dem November dieses Jahres zu lesen, die Anforderungen zur Qualitätssicherung soll der Nationale Präventionsrat formulieren und geeignete Methoden und Kriterien entwickeln.

Im Vorfeld dieser Entwicklungen hat das Institut für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie (IGKE) in Köln international erfolgreiche Präventions- und Gesundheitsförde­rungsmaßnahmen gesichtet und deren Übertragbarkeit auf Deutschland geprüft. Eine syste­matische Literaturanalyse in verschiedenen einschlägigen Datenbanken bildete hierfür die Grundlage. Publikationen aus dem Zeitraum von 1990 bis 2006 wurden gesucht, die in den USA Kanada, Australien, Neuseeland, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, den skandinavischen Ländern, Österreich und der Schweiz durchgeführt wurden. Diese Staaten wurden auf Grund des mit Deutschland vergleichbaren sozioökonomischen Status ausgewählt. Die Publikationen mussten ferner die Schlüsselwörter Prävention, Gesundheitsförderung und Risikofaktor beinhalten. Auf Grund der Vielzahl an Treffern wurde die Suche nach Risikofaktoren auf Bewegung, Depression und Ernährung eingeschränkt.

Der zur Systematisierung entwickelte Kriterienkatalog basiert auf den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin, berücksichtigt aber ebenso – nach Auffassung der Autoren – die Besonderheiten von Prävention und Gesundheitsförderung. Potenziellen Geldgebern soll dieses Instrument als Entscheidungshilfe zur Verfügung gestellt werden, um bereits im Antragsstadium um Fördermittel den Nutzen und den Wirkungsgrad präventiver Maßnahmen abschätzen zu können. Bewertungsdimensionen dieses Screening Instrumentes sind der Effekt der Maßnahme, die Studien- wie auch die Interventionsqualität. Als Effekte werden neben der globalen Wirksamkeit auch positive Veränderungen in Teilaspekten berücksichtigt (bei verschiedenen Subgruppen oder einzelnen Parametern). Der Grad der Zuverlässigkeit der Studienergebnisse wie z.B. die Darstellung der Randomisierung, die Vergleichbarkeit von Interventions- und Kontrollgruppe, die Powerberechnung werden als Studienqualität gefasst. Unter der Interventionsqualität ist die Sorgfalt der Maßnahmenplanung subsumiert wie z.B. eine Multiplikatorenschulung, die Berücksichtigung des Kontextes sowie die Kompetenzzuweisung. Der auf der Grundlage bestehender Instrumente weiter entwickelte Dokumentationsbogen bündelt 68 Merkmale.

Einschlusskriterien für eine Studie in die Begutachtung war das Maßnahme sowie Evaluation publiziert wurden, Interventionen bei den entsprechenden Zielgruppen direkt erfolgten und eine Wirkung im Verhalten oder körperlichen bzw. psychischen Faktoren ausgewiesen wurde.

Die Ergebnisdarstellung erfolgt nach Themen getrennt. Zu Bewegung wurden insgesamt vierzig Studien kodiert, 14 zu Bewegung bei Frauen und Mädchen und 26 zu Bewegung im Betrieb. Sechs Studien wurden schlussendlich genauer betrachtet, von denen zwei positive und die anderen vier gemischte bzw. keine Effekte berichteten. Die Besonderheit der als effektiv eingeschätzten Studien lag in einer multistrategischen Ausrichtung und einer Beteiligung der Zielgruppe (Vorabbefragung) sowie verschiedener Settings (Schule, Familie). Ausschließlich verhaltensbezogene Interventionen zeigten geringe bis gar keine Effekte. Im Handlungsfeld Betrieb und Bewegung erwiesen sich Interventionen zum Treppensteigen im Betrieb, durch die mit Plakaten geworben wurden, als ineffektiv und sollten nach Empfehlung der Autoren der Studie nicht mehr gefördert werden.

Im Handlungsfeld Depression wurden insgesamt 18 Studien betrachtet, in denen überwiegend kognitiv verhaltenstherapeutisch interveniert wurde, und die im Vergleich zu den anderen Handlungsfeldern hohen Qualitätsstandards entsprachen. Anhaltspunkte sehen die Autoren dafür, dass Aspekte, die in den von ihnen formulierten Qualitätsscores nicht erfasst werden, die Ergebnisse beeinflussen. Trotz der in dieser Literatursichtung sichtbaren Tendenz für einen kognitiv- verhaltenstherapeutischen Ansatz, wird keine Empfehlung zu Gunsten dieser Interventionsstrategie formuliert, sondern weiterer Forschungsbedarf gesehen.

Im Bereich Ernährung wurden 24 Studien betrachtet, die einen homogenen Trend zeigen. Bei Maßnahmen, die auf die Modifikation von Ernährung und Bewegung zielen, zeigte sich ein positiver Effekt in Bezug auf Ernährung, ein negativer hingegen in punkto Bewegung.

Zusammenfassend stellen die Autoren fest, dass ein „gold standard“ für die Konzeption von Präventionsmaßnahmen nicht erkennbar sei. Evaluationen werden zu selten durchgeführt, insofern ist auch die Zahl an Studien, die hohen Qualitätsstandards genügen, klein. Hinzu kommt, dass Ergebnisse nicht verlässlich reproduzierbar seien. Interessant ist ferner die Information, dass es keinen bedeutsamen Zusammenhang zwischen den Effekten und der Qualität von Studien gab.

Dies führt zu der Empfehlung in Deutschland eine verbindliche Evaluation zu fördernder Interventionen mit einheitlichen Evaluationsstandards vorzuschreiben. Der vom IGKE entwickelte Kriterienkatalog wird von den Autoren für diesen Prozess empfohlen. Gerade aber dies, so darf bereits jetzt schon spekuliert werden, dürfte eine Kontroverse hervorrufen, ob die Autoren tatsächlich wie behauptet die Besonderheiten von Prävention und Gesundheitsförderung ausreichend berücksichtigt haben.

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 04/07 (17. Dez. 07)