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EHCI: Das europäische Ranking der Gesundheitssysteme (2005-2008)

EHCI: Das europäische Ranking der Gesundheitssysteme (2005-2008)

Burkhard Gusy Seit 2005 gibt es jährlich ein Ranking der europäischen Gesundheitssysteme. In diesem Jahr belegt die Niederlande den ersten Platz (839 Punkte) und wird als „model of good practice“ empfohlen. „Obama – take a look at the Netherlands if you want to reform the US healthcare system in a good way!” lautet die begleitende Webseite. Die Bundesrepublik Deutschland belegt in diesem Ranking mit 740 Punkten einen beachtlichen sechsten Rang.

Die Absicht des Consumer Health Report ist es, in einem zusammen wachsenden Europa mit grenzüberscheitender Mobilität eine Orientierung in den Gesundheitssystemen zu erleichtern. Wie leicht ist es, in einem Land Zugang zu Gesundheitsdiensten zu bekommen, ist z.B. eine der interessierenden Fragestellungen. Analysiert werden die jeweiligen Wartezeiten auf eine bestimmte Behandlung. Wie ist die Qualität der gesundheitsbezogenen Angebote (Versorgungsqualität, –ergebnis und –zufriedenheit) ist eine weitere Frage, zu denen die periodischen Berichte Auskunft geben sollen. In 2005 wurden Daten aus zwölf europäischen Ländern berücksichtigt. Bestnoten erhielten die Niederlande, Schweiz und Deutschland mit 46 bis 48 von 60 möglichen Punkten.

Die Punktewertung basiert auf einem Kriterienraster in fünf Bereichen mit zwanzig Indikatoren, für die jeweils das Urteil gut, mittel oder schlecht abgegeben wird. Die Bereiche und Indikatoren sind:

»  Patienteninformation / Patientenrechte: juristische Regelungen zu Patientenrechten, Anbieterkataloge mit Qualitätsbeurteilungen, direkter Zugang zu Fachärzten, Entschädigungsregelungen bei Kunstfehlern, das Recht zur medizinischen Zweitmeinung, Zugang zu den eigenen Behandlungsdaten, Umsetzung der EU-Dienstleistungsrichtlinie.

»  Wartezeiten auf notwendige Behandlungen: Karenzen bei Akutbehandlungen, Knieoperationen, Krebstherapien oder Herzoperationen.

»  Effizienz des Gesundheitssystems: Mortalitätsrisiko nach einem Herzinfarkt (nach 28-tägigem stationären Aufenthalt), Müttersterblichkeit, Mortalitätsrate bei Brust- oder Darmkrebs sowie das Risiko einer MSRA-Infektion (Staphylokokken-Infektion).

»  Patientenfreundlichkeit: Zahlungsmodalitäten / Zahlungsaufschub bei freiwilligen Leistungen, die fortgesetzte Verschreibung von Leistungen ohne erneute Vorstellung beim Arzt sowie einen 24-Stunden erreichbaren Gesundheitsinformationsdienst.

»  Arzneimittelversorgung: subventionierte Medikamente und Zugang zu Arzneimitteln.

Die Datenbasis für die einzelnen Bewertungen ist heterogen. So teilen die Autoren des EHCI 2005 mit, dass z.B. die Einstufung eines Landes bzgl. der Umsetzung der EU-Dienstleistungsrichtlinie global auf der Grundlage offizieller Verlautbarungen, Presseberichten sowie Interviews vorgenommen wird. Die jeweiligen Schwellenwerte für die Zuordnung von Antworten zu den einzelnen Abstufungen (gut, mittel, schlecht) wurden erst retrospektiv vorgenommen, mit der Zielstellung zwischen Ländern differenzieren zu können, teilen die Autoren mit.

Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen sollen, so die Autoren des EHCI 2005, „mit größter Vorsicht“ gezogen werden, da die Datenlage fehlerbehaftet sei. Trotz dieser Mängel sei eine Diskussion auf dieser Grundlage besser als gar keine diesbezügliche Auseinandersetzung, argumentierten die Autoren provozierend.

Die Diskussion ließ nicht lange auf sich warten und führte auch zu Änderungen des bewertenden Instrumentariums. Im EHCI 2006 sind nur vier der ursprünglich fünf Bereiche aus dem Jahr 2005 enthalten, Patientenfreundlichkeit wurde durch den Bereich Versorgungsniveau ersetzt, letztgenannter korreliert stark mit dem nationalen Wohlstand. Auch die Indexbildung wurde verändert. Statt einer Punktesumme werden nun zukünftig Prozentwerte bestimmt, die Bereiche werden bei der Indexbildung unterschiedlich gewichtet.

Frankreich belegte im EHCI 2006 knapp den ersten Platz (576 von 750 Punkten), dicht gefolgt von den Niederlanden, Schweden, Schweiz, Deutschland und Luxemburg. Der zusammenfassende Kommentar zum deutschen Gesundheitssystem lautete „The customer rules! Would be really great, but lacks of cutting edge for quality. You want healthcare information – ask your doctor”. Der Unterschied zum französischen Gesundheitssystem in den Wertungen der einzelnen Bereiche ist in 2006 ausschließlich auf bessere Patientenrechte und –information und ein etwas besseres Versorgungsniveau zurückzuführen. Im Ausblick raten die Autoren des EHCI 2006 wiederum zu großer Vorsicht bei Schlussfolgerungen.

21 der 27 Indikatoren aus den fünf Bereichen blieben im EHCI 2007 unverändert, zwei wurden verändert und vier neue Indikatoren aufgenommen. Die Erweiterung betraf die Einführung der elektronischen Patientenakte in der Primärversorgung, eine der Öffentlichkeit zugängliche Registrierungsverpflichtung für Ärzte, die Wartezeit auf eine Magnetresonanztomografie sowie die Bereitschaft in der Bevölkerung zur Nierenspende. In diesem Bericht sind Gewichtungsfaktoren genannt, die Wartezeit auf eine erforderliche Behandlung und die Effizienz im Gesundheitssystem gehen mit einem doppelten, die Patientenrechte und –information mit einem eineinhalbfachen und die Arzneimittelversorgung und das Versorgungsniveau mit einfachem Gewicht in die Gesamtsumme ein. 29 Länder wurden 2007 verglichen, Österreich ist bestplatziert mit 806 von 1000 möglichen Punkten. In der verbalen Zusammenfassung des Urteils erhält Deutschland die gleiche Bewertung wie bereits 2006, die Wertungen in den einzelnen Bereichen sind vergleichbar zu denen in 2006; Deutschlang liegt in der Kategorie Patientenrechte und –information sowie bei den Effizienz zwei Punkte (ungewichtet) hinter Österreich bei ansonsten gleichen Wertungen.

Im EHCI 2008 wurden 31 Länder auf der Basis von nunmehr 34 Indikatoren bewertet, eHealth wurde als neues Kriterium mit vier Indikatoren aufgenommen. Wie eingangs erwähnt belegt die Niederlande mit 839 von 1.000 möglichen Punkten den ersten Platz, Deutschland rangiert hier mit 740 Punkten auf Rang 6. In den Einzelwertungen der verschiedenen Bereiche ist Deutschland beim Zugang zum Versorgungssystem Spitzenreiter. Kritisch angemerkt wird, dass in Deutschland Frauen nicht aktiv zur Mammographie eingeladen werden und dass die Flächendeckung des Angebots eingeschränkt ist. Der Arzt ist hier nach wie vor medizinischer Ratgeber Nummer eins.

War in den vorhergehenden Berichten Deutschland nur in zwei von fünf Bereiche im Rückstand, hat sich der Abstand zu den Erstplatzierten in den Bereichen Patientenrechte und –information sowie der Effizienz des Versorgungssystems vergrößert aber auch das Versorgungsniveau, eHealth, der Umfang und die Erreichbarkeit des Versorgungsangebots sowie die Arzneimittelversorgung, die ansonsten gleichauf lagen, fallen zurück.

Aus den Ergebnissen dieser periodischen Berichte lässt sich folgern, dass in den letzten Jahren in vielen EU-Mitgliedstaaten das Gesundheitssystem stärker ausgebaut wurde als hierzulande. Will Deutschland eine Spitzenposition behaupten, sind in den nächsten Jahren deutliche Anstrengungen erforderlich.

Die Qualität des EHCI ist ein strittiger Punkt. Nigel Edwards, der Chef des britischen Gesundheitssystems karikiert den EHCI mit den Worten. Dieser Index sollte eine Gesundheitswarnung tragen, da Vergleiche und Grafiken unsinnig sind. Die willkürliche Wahl an Indikatoren und zu evaluierenden Bereichen sowie die geringe Datenqualität sind Hauptkritikpunkte. Wenig diskutiert wird, inwiefern die hier betrachteten Kriterien und Indikatoren tatsächlich einer Nutzer-/Konsumentenperspektive entsprechen. Hinzu kommt, dass die Rezeption des EHCI in der deutschen (Fach-) Öffentlichkeit nicht besonders groß ist. Eine Internetrecherche deutschsprachiger Seiten ergab hier kaum einschlägige Treffer.

 

IPG-Newsletter Gesundheitsfoerderung 04/08 (17. Dez. 08)