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Buchrezension: Lengerke, T. (Hrsg.). (2007). Public Health Psychologie. Individuum und Bevölkerung zwischen Verhältnissen und Verhalten. Juventa: Weinheim. 260 Seiten (19,50 €)

Lengerke, T. (Hrsg.). (2007). Public Health Psychologie. Individuum und Bevölkerung zwischen Verhältnissen und Verhalten. Juventa: Weinheim. 260 Seiten (19,50 €).

Gesundheitspsychologie wird in Anlehnung an Matarazzo (1982) als ein wissenschaftlicher Beitrag der Psychologie zur Förderung und Erhaltung von Gesundheit (1), Verhütung und Behandlung von Krankheiten (2), Bestimmung von Risikoverhaltensweisen (3), Diagnose- und Ursachenbestimmung von gesundheitlichen Störungen (4), Rehabilitation (5) und Verbesserung des Systems gesundheitlicher Versorgung (6) verstanden. In der Praxis fokussiert sich diese Teildisziplin auf das menschliche Verhalten angesichts gesundheitlicher Risiken und Beeinträchtigungen sowie der Optimierung von Gesundheit (im Sinne von Fitness und Wellness). Im Vordergrund steht die Verhaltensmodifikation, auf diesem Gebiet wurden unbestreitbar deutliche Fortschritte erzielt. Dem Herausgeber dieses Bandes geht es darum, diese verhaltenszentrierte um eine bevölkerungsbezogene sowie eine institutionelle Perspektiven zu erweitern und zu einem „public health psychology program“ zusammenzufassen.

In den Grundlagen (Teil 1 dieses Bandes) beschäftigen sich verschiedene Autoren mit Klassifikationen und einer dimensionalen Systematik von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Diese beinhaltet drei Dimensionen (gesund-krank; Population-Individuum und Verhältnisse und Verhalten) und erlaubt verschiedene Kombinationen zur Kennzeichnung von Aktivitäten. Diese können entweder populations- oder individuumszentriert sein, sich an gesunde oder kranke Personen richten und auf deren Verhalten oder ihre Umgebung (Verhältnisse) bezogen sein. Diese Klassifikation trägt der Erkenntnis Rechnung, dass Umgebungsvariablen das Verhalten beeinflussen. Beiträge zur Verhaltensepidemiologie, zu sozialer Ungleichheit und Gesundheit sowie zu Gesundheitsverhaltensweisen im Kontext von Public Health werden damit zu wichtigen Themen, die ebenso in den Grundlagen behandelt werden.

In Teil 2 geht es um die zwei behaviorial (mit-)bedingten Gesundheitsverhaltensbereiche Ernährung und Bewegung sowie um die von diesen Faktoren mit bedingte Adipositas, die gesondert für Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene dargestellt wird. Die Auswahl ebendieser Verhaltensbereiche erscheint künstlich, da Rauchen, Alkohol- und illegaler Substanzkonsum, sexuelles Risikoverhalten, riskantes Verhalten im Straßenverkehr ebenso wichtige Themen sind. Begründet wird diese Auswahl durch den Herausgeber mit persönlichen Präferenzen.

In Teil 3 geht es um den Einfluss und die Beeinflussung von Umgebungsbedingungen. Hierzu zählen in der Arbeitswelt beispielsweise der Arbeitsschutz und die betriebliche Gesundheitsförderung sowie als Gegenstück die Erwerbslosigkeit und damit verbundene gesundheitliche Folgen bzw. deren Vermeidung. Ein weiteres Thema, welches in zwei Beiträgen bearbeitet wird, ist Empowerment, das in der Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung der Weltgesundheitsorganisation (1986) eine zentrale Stellung einnimmt. Gemeint ist damit die Befähigung von Individuen und Gruppen zum selbstbestimmten Handeln sowie dem Erhalt und Ausbau von Kontrolle über Entscheidungen und Handlungen, die die eigene Gesundheit betreffen. Wie unterschiedliche sozio-kulturelle Bedingungen Gesundheit beeinflussen ist Gegenstand der letzten beiden Beiträge dieses Abschnitts, die sich um Gesundheit und Public Health in Ost –und Westdeutschland ranken bzw. die spezifische Situation von Migranten thematisieren.

Im letzten Abschnitt des Buches wird die „Sozialpsychologie der Partizipation und Politik“ beleuchtet. Der Beitrag von Partizipation (sozial und politisch) auf gesunde Lebensstile und im Kontext der AIDS-Hilfe Bewegung wird analysiert. Ferner werden die beiden Aspekte Gerechtigkeit und Gesundheitsverhalten sowie sozialpsychologische Erkenntnisse zur Analyse und Lösung von Problemen im deutschen Gesundheitssystem am Beispiel Leitlinien bearbeitet.

Gemeinsam ist allen Beiträgen, dass Bezüge zwischen individuellen und kollektiven Gegebenheiten skizziert werden, die nicht nur bei der Analyse, sondern auch bei der Bearbeitung gesundheitsbezo­gener Probleme in Prävention und Gesundheitsförderung, von Bedeutung sind. Das Anliegen des Herausgebers, die Fokussierung auf das individuelle Gesundheitsverhalten kritisch zu hinterfragen und für eine Öffnung in Richtung einer Public Health Perspektive zu werben, ist mit den Beiträgen dieses Bandes gelungen. Die Vorteile einer Berücksichtigung überindividueller Lebens- und Verhaltensbedin­gungen bei der Analyse und Bearbeitung gesundheitsbezogener Themen konnten verdeutlicht werden. Dass die Psychologie auch zu diesen Fragen wichtige Beiträge leisten kann, steht außer Frage. Ob dieser Anteil in dem Begriff „Public Health Psychologie“ Ausdruck finden und eine neue Teildisziplin der Psychologie begründen sollte, ist diskutabel. Es gibt ja bereits viele Psychologen, die in Forschung und Lehre gesundheitswissenschaftlicher Fakultäten und Studiengänge mitarbeiten. Deren Beitrag würde an Wert gewinnen, wenn die Schnittstellen der Psychologie zu Public Health breiter gefasst würden, wie es auch das Anliegen des Herausgebers dieses Bandes ist.

Dieser Band bietet insofern eine Orientierung, welche Beiträge die Psychologie neben der Gesund­heitsverhaltensforschung zu Public Health leisten könnte. Das Potenzial ist vorhanden, könnte durch weitere Forschungsbemühungen aber noch optimiert werden. Diejenigen, die ein Lehrbuch zu Public Health Psychologie erwarten, werden eher enttäuscht, da die Beiträge zur Systematisierung einer neuen Teildisziplin nicht ausreichen. Gesundheitswissenschaftlich Interessierten hingegen, die Programme konzipieren, die sowohl auf Änderungen des Verhaltens als auch der Verhältnisse gerichtet sind, sei dieses Buch trotz seiner Mängel empfohlen.