Stärkung interkultureller Kompetenz in der ärztlichen Versorgung HIV-positiver Migranten

Stärkung interkultureller Kompetenz in der ärztlichen Versorgung HIV-positiver Migranten)/
Projekt am Arbeitsbereich

  • Förderer: Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung
  • Laufzeit: August 2003 - April 2005
  • Projektleitung: Prof. Dr. Dieter Kleiber
  • Mitarbeiter: Dipl. Psych. Klaus Jansen

1. Zielsetzung des Projekts:

Im Rahmen eines drittmittelgeförderten Forschungsvorhaben untersuchen wir die Versorgungssituation und -verläufe von an HIV/AIDS erkrankten Migranten in der allgemeinärztlichen wie schwerpunktärztlichen Versorgung in Berlin, um zur Verbesserung der medizinischen Versorgung dieser Personengruppe beizutragen.

Dabei stehen folgende Forschungsfragen im Vordergrund:

  • Wie stellen sich Versorgungsverläufe von an HIV/AIDS erkrankten Migranten dar, an welchen Stellen der ärztlichen Versorgung werden sie präsent?
  • Welche Merkmale der an HIV/AIDS erkrankten Migranten spielen für deren medizinische Versorgung eine entscheidende Rolle (z.B. Geschlecht, sozialer Status, kultureller Hintergrund bzw. interkulturelle Kompetenz, Aufenthaltsstatus etc.), welche Zugangsbarrieren bestehen gegenüber dem System der Gesundheitsversorgung in Deutschland?
  • Welche Krankheitsvorstellungen jenseits des westlich-schulmedizinischen Verständnisses existieren zur HIV/AIDS-Erkrankung?
  • Welche interkulturellen Kompetenzen, welches Wissen um kulturelle Hintergründe sind auf Seite der Praxen für eine adäquate Versorgung dieser Klientel nötig? Welche "models of good practice" existieren?
  • Wie stark sind interkulturelle Kompetenzen in diesem Bereich momentan ausgeprägt?
  • Welche Weiterbildungsbedarfe bestehen und welche Kompetenzen müssen vermittelt werden?

Um die angesprochenen Fragen beantworten zu können, soll eine Befragung von Ärzten in drei ausgewählten Berliner Bezirken durchgeführt werden. Im Rahmen einer standardisiert durchzuführenden Fragebogenerhebung sollen Erfahrungen in der Versorgung HIV-positiver und an AIDS erkrankter Migranten, mögliche Versorgungsprobleme und praktizierte Lösungsansätze erfasst werden. Die Auswertung der erhobenen Daten geschieht unter dem Gesichtpunkt, Hinweise darauf zu bekommen, wie interkulturelle Kompetenz gestärkt und die HIV-bezogene medizinische Versorgung von Migranten verbessert werden kann.

Die Ergebnisse der Untersuchung sollen in einem Bericht zusammengefasst und interessierten Ärzten und Institutionen zur Verfügung gestellt werden.

2. Zur Bedeutung der Thematik:

Menschen aus Staaten mit hoher HIV-Prävalenz stellten im letzten Jahr nach der Gruppe der schwulen und bisexuellen Männer den mit Abstand größten Anteil an den HIV-Erstdiagnosen von 21,0% (Robert-Koch-Institut, 2003). Primär- und sekundärpräventiven Maßnahmen, die sich an Migranten richten, kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu (Bundesarbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit, 2000; Narimani, 1997; van den Brink-Muinen et al., 2000). Kulturelle Differenzen, Sprachbarrieren, kulturell differente Deutungen von Krankheitssymptomen, kulturell differente subjektive Krankheitstheorien, materielle oder rechtliche Restriktionen (illegaler Aufenthaltsstatus) wirken aber als Barrieren, die den Zugang zum Versorgungssystem ebenso erschweren wie die Diagnostik und Behandlung (Bade & Münz, 2002; Bommes, 1999; Brünner & Gülich, 2002; Bundesausländerbeauftragte, 2002; David, Borde & Kentenich, 1999). Im Ergebnis zeigen verschiedene Studien, dass Migranten im Vergleich zu deutschen StaatsbürgerInnen häufiger unter- bzw. fehlversorgt werden und ihre Behandlungscompliance suboptimal ist. (Bode & David, 2003; Flubacher,1997; Hegemann & Salman, 2001; Marschalk & Wiedl, 2001; Salis Gross, Blöchliger, Moser & Zuppinger, 1997; Salis Gross, Moser, Zuppinger & Hatz, 1997) Zur Verbesserung der Situation werden neben zielgruppenspezifische Ansätze gefordert, die zur "interkulturellen Öffnung" des Gesundheitssystems beitragen (Kim 2001; Koray, 2000; Thomas, 1996).

Da Migranten wegen sprachlicher und kultureller Barrieren durch massenmedial verbreitete (Präventions-)Botschaften schwerer zu erreichen sind, werden der öffentliche Gesundheitsdienst und ärztliche Praxen zu den zentralen Orten, an denen primärpräventive Botschaften und krankheitsbezogene Informationen an HIV-infektionsgefährdete, HIV-infizierte und an AIDS erkrankte Migranten vermittelt werden können (AIDS & Mobility, 2000; Deutsche AIDS-Hilfe, 2000; Haour-Knipe, 1993b; Haour-Knipe, Fleury & Dubois-Arber, 1999;. Soskolne & Shtarkshall, 2002).

Die aufgezeigten Barrieren führen dazu, dass Personen mit Migrationshintergrund in den HIV-Schwerpunktpraxen weiterhin stark unterrepräsentiert sind (Mohamadzadeh, 2001; eigene Daten).

Ansätze zur interkulturellen Öffnung, die dazu beitragen, die beschriebenen Barrieren zu überwinden und die vor allem in Großstädten zunehmend unverzichtbar werden, werden auf dem Gebiet der psychosozialen HIV/AIDS-Versorgung seit einigen Jahren propagiert und pilotiert (Deutsche AIDS-Hilfe, 2000; VIA Berlin/Brandenburg e.V., 2000). Für den Bereich der medizinischen Versorgung trifft dies vergleichsweise noch weniger zu (Blöchliger, Junghanss, Weiss, Herzog, Raeber & Tanner, 1998; Stuker, Salis Gross & Sabbioni, 1998; Sullivan, 2003). Dennoch ist anzunehmen, dass sich dort durch die Beschäftigung mit an HIV/AIDS erkrankten Migranten bedeutsame interkulturelle Kompetenzen entwickelt haben, die den jeweiligen Spezifika dieses Feldes Rechnung zu tragen versuchen.

Eine Bestandsanalyse vorhandener Ansätze in medizinischen Betreuungseinrichtungen liegt bisher nicht vor, könnte aber im Sinne der Förderung von "best-practice"-Ansätzen eine wichtige Grundlage für gezielte Weiterbildungs- und Trainingsprogramme bilden.

Auf einer solchen Basis ließen sich HIV/AIDS-spezifische Präventionsbotschaften für die verschiedenen Migranten-Communities wie auch ein besserer Zugang zu und eine bessere Versorgung von Migranten im medizinischen Versorgungssystem etablieren.

3. Methoden:

Für die Erhebung wurde ein standardisierter Fragebogen entwickelt, mit dem Daten zu Praxis- und Patientenstruktur, zu Versorgungsverläufen HIV-positiver und an AIDS erkrankter Migranten, zur ärztlichen Kommunikation mit dieser Personengruppe, zu Übersetzungsgepflogenheiten sowie zu interkulturellen Kompetenzen in den befragten Praxen erfasst werden können.

Befragt werden sollen alle Arztpraxen in den Berliner Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Wedding (N=1100) sowie weitere relevante Institutionen wie Gesundheitsämter, medizinische Hilfen in Hafteinrichtungen etc.. Die Bezirke wurden unter dem Gesichtspunkt ausgewählt, einen möglichst hohen Ausländeranteil aufzuweisen. Im Juni 2003 wiesen sie sowohl absolut wie auch relativ den höchsten Anteil nicht-deutscher Einwohner auf (Statistisches Landesamt Berlin, 2003).

4. Auswertungsschritte:

Im Rahmen der Auswertung sollen neben deskriptiven und interferenzstatistischen Methoden, die zur Patientenstruktur, zur Darstellung epidemiologischer Kennziffern der untersuchten Population, zur Analyse der Prävalenz von Kommunikationsbarrieren eingesetzt werden auch qualitative Daten zur Beschreibung von Verweisungskontexten, Networking, Übersetzung und Kommunikationsbarrieren, zu Stigmatisierungspotentialen von HIV/AIDS, zum Umgang mit kulturspezifischen Krankheitskonzepten, zu interkulturellen Kompetenzen in den Praxen und zu Entwicklungsperspektiven der medizinischen Versorgung von an HIV/AIDS erkrankten Personen mit Migrationshintergrund (vorwiegend inhaltsanalytisch) erhoben und dargestellt werden.

Auf der Grundlage der gewonnenen Ergebnisse sollen Konsequenzen für die Ausarbeitung primär- und sekundärpräventiver Botschaften in diesem Bereich aufgezeigt werden. Die Erkenntnisse sollen zudem für die Entwicklung von Weiterbildungsprogrammen genutzt werden, zur Verbesserung der Vernetzung von allgemein- und schwerpunktärztlichen Diensten sowie ggf. zur Verbesserung der Organisation von Dolmetscherdiensten beitragen.

Literatur:

  • AIDS & Mobility (Hg.). (2000). HIV/AIDS Care and support for migrant and ethnic minority communities in Europe. Amsterdam: AIDS & Mobility.
  • Bade, K. J., & Münz, R. (Hg.). (2002). Migrationsreport 2002. Fakten - Analysen - Perspektiven. Frankfurt/M.: Campus Verlag.
  • Blöchliger, C., Junghanss, T., Weiss, R., Herzog, C., Raeber, P.-A., Tanner, M. (1998). Asylsuchende und Flüchtlinge in der hausärztlichen Praxis: Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten. Sozial- und Präventivmedizin, 43, 18-28.
  • Bommes, M. (1999). Migration und nationaler Wohlfahrtsstaat. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • Borde, T. & David, M. (Hg.) (2003). Gut versorgt? Migrantinnen und Migranten im Sozialwesen. Frankfurt/M.: Mabuse-Verlag.
  • Brünner, G. & Gülich, E. (Hg.). (2002). Krankheit verstehen. Interdisziplinäre Beiträge zur Sprache in Krankheitsdarstellungen. Bielefeld: Aisthesis Verlag.
  • Bundesarbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit. (2000). Handbuch zum interkulturellen Arbeiten im Gesundheitsamt. Berlin/Bonn: Die Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen.
  • Bundesausländerbeauftragte. (2002). Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen über die Lage der Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin/Bonn: Bundesausländerbeauftragte.
  • David, M., Borde, T., & Kentenich, H. (Hg.). (1999). Migration und Gesundheit. Zustandsbeschreibung und Zukunftsmodelle. Frankfurt/M.: Mabuse-Verlag.
  • Deutsche AIDS-Hilfe. (2000). AIDS und Migration. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe.
  • Flubacher, P. (1997). Ausländische Patienten in der hausärztlichen Praxis: unlösbare Probleme für Arzt und Patient? Schweizerische Rundschau für Medizin, 19, 811-816.
  • Haour-Knipe, M. (1993b). AIDS prevention, stigma, and migrant status. Innovation, 6(19), 21-37.
  • Haour-Knipe, M., Fleury, F., & Dubois-Arber, F. (1999). HIV/AIDS prevention for migrants and ethnic minorities: Three phases of evaluation. Social Science and Medicine, 49(10), 1357-1372.
  • Hegemann, T. & Salman, R. (Hg.). (2001). Transkulturelle Psychiatrie. Konzepte für die Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturen. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
  • Kim, Y. Y. (Hg.). (2001). Becoming Intercultural. London: Sage Publications.
  • Koray, S. (2000). Interkulturelle Kompetenz - Annäherung an einen Begriff. In Bundesarbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit (Ed.), Handbuch zum interkulturellen Arbeiten im Gesundheitsamt (pp. 23-26). Berlin/Bonn: Die Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen.
  • Marschalk, P., & Wiedl, K. H. (Hg.). (2001). Migration und Krankheit. Osnabrück: Universitäts-Verlag Rasch.
  • Mohamadzadeh, Z. (2001). Probleme und Perspektiven der interkulturellen Beratung in der AIDS-Hilfe. In Deutsche AIDS-Hilfe (Ed.), AIDS und Migration (pp. 79-132). Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe.
  • Narimani, P. (Hg.). (1997). Gleichheit im öffentlichen Gesundheitswesen: Risiken benachteiligter Gruppen im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens. Dokumentation eines europäischen Workshops im September 1996 in Bonn. Duisburg: Verband der Initiativgruppen in der Ausländerarbeit (VIA).
  • Robert-Koch-Institut (Hrsg.) (2003). Halbjährlicher Bericht zur HIV/AIDS-Situation in Deutschland (HIV/AIDS-Bericht II/2002). http://www.rki.de/INFEKT/EPIBULL/2002/A_2002.PDF.
  • Salis Gross, C., Blöchliger, C., Moser, C., & Zuppinger, B. (1997). Die Arzt-Patienten Interaktion in der hausärztlichen Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen (Schlussbericht). Basel: Schweizerisches Tropeninstitut Basel.
  • Salis Gross, C., Moser, C., Zuppinger, B., & Hatz, C. (1997). Die Arzt-Patienten-Interaktion aus der Sicht von MigrantInnen: Vorschläge für die ärztliche Praxis. Schweizerische Rundschau für Medizin, 21, 887-894.
  • Soskolne, V., & Shtarkshall, R. A. (2002). Migration and HIV prevention programmes: linking structural factors, culture, and individual behavior - an Israeli experience. Social Science & Medicine, 55, 1297-1307.
  • Statistisches Landesamt Berlin (2003). Melderechtlich registrierte Ausländer am Ort der Hauptwohnung nach Staatsangehörigkeit. http://www.statistik-berlin.de/framesets/daba.htm.
  • Stuker, R., Salis Gross, C., & Sabbioni, M. (1998). The Bilingual Physician-Patient-Communication: The Use of Lay Interpreters. Psychsomatic Medicine, 6, 92-135.
  • Sullivan, M. (2003). The new subjective medicine: taking the patient's point of view on health care and health. Social Science & Medicine, 56, 1595-1604.
  • Thomas, A. (Hg.). (1996). Psychologie interkulturellen Handelns. Göttingen, Bern, Toronto: Hogrefe-Verlag.
  • van den Brink-Muinen, A., Verhaak, P. F. M., Bensing, J., Bahrs, O., Deveugele, M., Gask, L., et al. (2000). Doctor-patient communication in different European health care systems: relevance and performance from patients' perspective. Patient Education and Counselling, 39, 115-127.
  • VIA Berlin/Brandenburg e.V. (2000). Zur Verbesserung de HIV/AIDS-Prävention für Migrantinnen und Migranten in Berlin. Berlin: VIA Berlin/Brandenburg.

 

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