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Arbeitspakt 1: Zwischenergebnisse

Nach Abschluss der Expert:inneninterviews unterzog das Forschungsteam die zwischen Mai und August 2025 die Daten einer Kernstellenanalyse. Die Auswertung orientierte sich an den Prinzipien der Grounded Theory (Glaser & Strauss 1998; Strauss & Corbin 1996). Ziel war es, aus den empirischen Daten vorläufige Forschungsthesen zu entwickeln, die als Grundlage für die weiteren Arbeitspakete dienen.

Im Folgenden werden zentrale Erkenntnisse aus dieser ersten Analysephase vorgestellt:

1. Konfliktreiche Schnittstellenprozesse:
Bestimmte digitalisierte Schnittstellenprozesse nehmen hochschulübergreifend eine besonders zentrale Position ein – sei es durch ihre strategische Bedeutung, ihre organisatorische Reichweite oder ihre Konfliktträchtigkeit. Die Analysen deuten darauf hin, dass Schnittstellen mit Beteiligung vieler Funktionsbereiche verstärkt zu Reibungen führen, insbesondere dort, wo ein gering ausgeprägtes Prozessverständnis und siloartige Strukturen den Arbeitsalltag prägen. Zudem scheint die Herkunft des Digitalisierungsimpulses (z. B. Bedarfe aus der Praxis vs. rechtlicher Zwang) entscheidend für das Konfliktpotenzial zu sein.

2. Unterschiedliche Interpretationen von Konflikten:
Aus den Interviews ließen sich bislang dreizehn Konflikttypen identifizieren. Auffällig ist dabei, dass Konflikte innerhalb der Hochschulen unterschiedlich interpretiert werden: Selbst wenn Akteur:innen sich auf den gleichen Konflikttypus beziehen, verweisen sie häufig auf unterschiedliche Phänomene. Diese Uneinheitlichkeit der Konfliktdeutung erschwert nicht nur die Kommunikation über Konflikte, sondern auch die Entwicklung gemeinsamer Lösungsansätze.

3. Verschiedene Umsetzungslogiken von Digitalisierungsprojekten:
Die Interviews zeigen, dass Digitalisierungsprojekte an Hochschulen unterschiedlichen Umsetzungslogiken folgen, wobei jene weniger an die Art des Projekts als vielmehr an die organisationskulturellen Praktiken der Hochschule anzuknüpfen scheinen. Während einige Hochschulen stark strategisch-top-down agieren, setzen andere auf partizipative bottom-up-Prozesse. Wieder andere kombinieren beide Ansätze zu hybriden Steuerungsmodellen.

Im weiteren Verlauf der Forschung sollen die Ergebnisse nun weiter verdichtet und miteinander in Verbindung gebracht werden. So ist beispielsweise zu prüfen, inwiefern eine unterschiedliche Auslegung von Konflikten auch in Zusammenhang mit unterschiedlichen Umsetzungslogiken der Hochschuldigitalisierung gebracht werden kann. Auf Basis der Zwischenergebnisse wurden dafür vier Schnittstellenprozesse ausgewählt, in denen sich verschiedene Formen der Konfliktinterpretation besonders deutlich zeigen und die zugleich für die beteiligten Hochschulen von praktischer Relevanz sind.

In den kommenden Monaten wird das Forschungsteam diese Prozesse genauer untersuchen, um ein differenzierteres Verständnis typischer Konfliktverläufe und ihrer organisationalen Bedingungen zu entwickeln.

Wir freuen uns darauf, diese Einblicke bald mit Blick auf Arbeitspaket 2 weiter zu vertiefen.

Quellen:

Glaser, B.G.; Strauss, A.L. (1998). Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Aus dem Amerikanischen von Axel T. Paul und Stefan Kaufmann. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Hans Huber Verlag.

Strauss, A.; Corbin, J. (1996). Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

  

Iterative Entwicklung forschungsunterstützender Interviewdokumente

Ein zentrales Anliegen im Projekt besteht darin, Prozessmodellierung nicht nur als Untersuchungsgegenstand, sondern zugleich als forschungsunterstützendes Werkzeug zu betrachten. Das Team untersucht daher nicht nur, ob und wie Prozessmanagement derzeit zur Unterstützung von Digitalisierungsvorhaben an Hochschulen eingesetzt wird, sondern erprobt zugleich, wie Prozessmodelle selbst dazu beitragen können, Konflikte in digitalisierten Schnittstellenprozessen zu analysieren, darzustellen und zu bearbeiten. Ziel ist es, ein praxisnahes Instrumentarium zu entwickeln, das sich perspektivisch in bestehende Prozessmanagementstrukturen von Hochschulen integrieren lässt.

Die Entwicklung dieser Instrumente erfolgt iterativ, also in einem wechselseitigen Prozess von theoretischer Reflexion und empirischer Erprobung. Im Rahmen der Interviews des ersten Arbeitspakets (AP 1) wurden Interviewdokumente konzipiert, die einer doppelten Funktion dienten: Zum einen sollten sie helfen, Erfahrungswissen zu Konflikten und ihren organisationalen Kontexten besser zu erschließen. Zum anderen wurde zugleich geprüft, inwiefern sich die Dokumente überhaupt dazu eigneten relevante Wissensbestände im Feld sichtbar zu machen und zu strukturieren.

Aus diesem Prozess gingen zwei zentrale Dokumenttypen hervor:

  • Ein theoriegestützter hochschultypischer Ordnungsrahmen (siehe Bild 1), der die Ablauforganisation der Hochschule abbilden sollte. Er diente dazu, digitalisierte Prozesse zu verorten und Schnittstellen sichtbar zu machen.

    Eigene Abbildung in Anlehnung an Becker 2011; Kocian, 2007 und Altvater et al. 2010.

  • Konfliktkarten (siehe Bild 2), die als visuelle und narrative Erzählgeneratoren fungierten, um Gespräche über Konflikterfahrungen und ihre Hintergründe anzuregen.

 

Beide Materialien wurden nach jeder Interviewphase systematisch reflektiert und angepasst. So zeigte sich etwa, dass das Kartenset um zusätzliche oder differenziertere Konflikttypen erweitert werden musste. Der ursprünglich entworfene Ordnungsrahmen zur Ablauforganisation erwies sich hingegen als weniger geeignet, da viele Konflikte nicht entlang überlappender Prozesse, sondern vielmehr entlang überlappender Verantwortlichkeiten, also auf Ebene der Aufbauorganisation, auftraten.

Diese Beobachtungen flossen schrittweise in die Überarbeitung der Dokumente ein. Durch das kontinuierliche Wechselspiel von Anwendung und Reflexion konnten die Dokumente so laufend weiterentwickelt und präzisiert werden. Mit Blick auf die kommenden Arbeitspakete bleibt nun spannend, wie sich diese Materialien unter dem Einfluss weiterer empirischer Erkenntnisse verändern und welche neuen Perspektiven sie auf Konfliktdynamiken in der digitalen Transformation von Hochschulen eröffnen werden.

Quellen:

Altvater, P., Hamschmidt, M., & Sehl, I. (2010). Prozessorientierte Hochschule: Neue Perspektiven für die Organisationsentwicklung. Wissenschaftsmanagement, 4, Juli/August, 42-47.

Becker, J. (2011). Was ist Geschäftsprozessmanagement und was bedeutet prozessorientierte Hochschule? In A. Degkwitz & F. Klapper (Hrsg.), Prozessorientierte Hochschule: Allgemeine Aspekte und Praxisbeispiele (S. 8–22). Deutsche Initiative für Netzwerkinformation (DINI).

Becker, J., Kugeler, M., & Rosemann, M. (Eds.). (2012). Prozessmanagement: Ein Leitfaden zur prozessorientierten Organisationsgestaltung. Berlin, Heidelberg: Springer VS https://doi.org/10.1007/978-3-642-33844-1

Geeling, S., Brown, I., & Weimann, P. (2023). Emergent Cultural Contradictions from Overlapping Cultural Levels in Information Systems Development. Communications of the Association for Information Systems, 52, 932–965. https://doi.org/10.17705/1CAIS.05244

Graf-Schlattmann, M. (2021). Hochschulorganisation und Digitalisierung Die Auswirkungen organisationaler Funktionslogiken auf die digitale Transformation an Universitäten. Wiesbaden: Springer VS

Kocian, C. (2007). Prozesslandkarte für Hochschulen. Die Neue Hochschule, 2, 32–36.

Malone, T. W., & Crowston, K. (1994). The interdisciplinary study of coordination. ACM Computing Surveys, 26(1), 87–119. https://doi.org/10.1145/174666.174668

Pasternack, P., Schneider, S., Trautwein, P., Zierold, S. (2018). Die verwaltete Hochschulwelt. Reformen‚ Organisation‚ Digitalisierung und das wissenschaftliche Personal, BWV - Berliner Wissenschaftsverlag. Berlin. ISBN 978-3-8305-3898-1

   

Ein Blick ins Feld: Arbeitspaket 1 – „Einen Überblick verschaffen"

Mit dem Start des ersten Arbeitspakets des Projekts „DigiHochX – Kulturelle Konflikte der digitalen Transformation in Schnittstellenprozessen an Hochschulen“ begann für das Forschungsteam die praktische Erkundung des Feldes. Ausgangspunkt waren zentrale Fragen: Welche Prozesse werden aktuell digitalisiert? Wo verlaufen diese Prozesse über mehrere Schnittstellen hinweg? Und an welchen Punkten entstehen dabei Konflikte?

Arbeitspaket 1 verfolgte dabei eine dreifache Ausrichtung. Erstens ging es auf der forschungspraktischen Ebene darum, einen ersten Zugang zu den Hochschulen zu gewinnen und explorativ Erkenntnisse über konfliktreiche Schnittstellenprozesse zu sammeln – als Grundlage für den weiteren Forschungsplan. Zweitens zielte das Team auf einer theorieentwickelnden Ebene darauf ab, organisationskulturelle Logiken der Hochschuldigitalisierung, Konflikttypen und die Rolle von Prozessmanagement in Digitalisierungsprojekten zu analysieren. Drittens wurde auf einer methodischen Ebene erprobt, wie Elemente der Prozessmodellierung in Interviews als sogenannte Erzählgeneratoren genutzt werden können, um Sinnzuschreibungen und Erfahrungswissen sichtbarer zu machen.

Zwischen März und Juni 2025 führte das Team insgesamt zwölf Expert:inneninterviews an vier Hochschulstandorten durch. Pro Standort wurden in der Regel zwei Personen interviewt, die strategisch in Digitalisierungsprojekte eingebunden sind, sowie eine Person aus dem jeweiligen Prozessmanagement. Die Auswahl der Interviewpartner:innen erfolgte in Absprache mit Ansprechpersonen vor Ort – mit dem Ziel, Menschen einzubeziehen, die über einen besonders breiten Überblick über die digitalisierte Prozesslandschaft ihrer Hochschule verfügen.

Methodisch orientierte sich das Vorgehen am explorativen Expert:inneninterview, das darauf abzielt, komplexe soziale Zusammenhänge über das Spezialwissen der Befragten zu erschließen (vgl. Kruse & Schmieder 2014; Gläser & Laudel 2010). Das Forschungsteam nutzte hierfür themensetzende Interviewdokumente (dazu mehr im nächsten Beitrag), die eine erste Struktur boten, gleichzeitig aber Raum für offene Erzählungen ließen (vgl. Bogner/Littig/Menz 2014). Auf diese Weise konnte ein facettenreicher Überblick über das Forschungsfeld entstehen und erste Hinweise auf relevante Konfliktkonstellationen gewonnen werden.

Aktuell befindet sich das Projekt in der Auswertungsphase: Mittels einer Kernstellenanalyse werden zentrale Passagen der Interviews analysiert, um Konfliktdynamiken in digitalisierten Schnittstellenprozessen systematisch zu erfassen. Dabei interessieren besonders die organisationskulturellen Bedingungen, unter denen Konflikte entstehen oder bearbeitet werden.

Wir sind gespannt, welche Muster und Deutungslogiken sich in den kommenden Wochen herauskristallisieren und welche neuen Fragen sich daraus für die nächste Projektphase ergeben.

Quellen:

Kruse, J., & Schmieder, C. (2014). Qualitative Interviewforschung: ein integrativer Ansatz. Weinheim; Basel: Beltz Juventa.

Gläser, J.; Laudel, G. (2010). Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse. Als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen. 4. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag

Bogner, A., Littig, B., Menz, W. (2002). Das Experteninterview - Theorie, Methode, Anwendung. Wiesbaden: Springer Fachmedien 

  

Digitale Transformation als konflikthafter Aushandlungsraum: Einblicke in das Forschungsprojekt „DigiHochX“

Digitalisierung verändert Hochschulen, nicht nur technologisch, sondern auch organisatorisch und kulturell. Mit dem Forschungsprojekt „DigiHochX - Kulturelle Konflikte der digitalen Transformation in Schnittstellenprozessen an Hochschulen“ untersucht der Arbeitsbereich Organisationspädagogik der Freien Universität Berlin gemeinsam mit dem Institut für Betriebswirtschaft & Wirtschaftsinformatik der Universität Hildesheim, wie diese Transformationsprozesse verlaufen und welche Spannungsfelder sich dabei zeigen.

Im Zentrum stehen sogenannte digitalisierte Schnittstellenprozesse – also solche Abläufe, die mehrere Hochschulbereiche verbinden und derzeit digital umgestaltet werden, etwa Dienstreiseabrechnungen, digitale Rechnungsstellung oder der Einsatz von Lehrtools. Diese Schnittstellen sind besonders interessant, weil sie Orte der Kooperation, aber auch des Konflikts darstellen: Hier treffen unterschiedliche Routinen, Interessen und Deutungen aufeinander.

Ein Schwerpunkt des Projektes liegt darauf, zu verstehen, wie Prozessmodellierung dazu beitragen kann, solche digitalen Transformationsprozesse zu strukturieren und Konflikte produktiv zu bearbeiten. Methodisch orientiert sich das Forschungsteam an einem organisationstechnografischen Ansatz, der Erfahrungswissen aus der Praxis mit theoretischen Perspektiven verbindet. Das Forschungsvorgehen folgt einem iterativen Prozess: Erkenntnisse aus der empirischen Arbeit werden kontinuierlich reflektiert und in die weitere Forschung integriert.

Auf diesem Blog möchten wir über den Verlauf der Forschung berichten, Einblicke in laufende Analysen geben und aktuelle Fragestellungen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Organisation und Hochschulforschung diskutieren. Das Projekt entsteht in enger Kooperation mit der Universität Kassel, der Technischen Universität Braunschweig, der Universität Hildesheim und der Freien Universität Berlin.

Wer unsere Arbeit begleiten möchte, findet aktuelle Eindrücke und Beiträge auch auf Mastodon: https://berlin.social/@orgpaed_fub.