Vortrag und Tisch 7: Parasitäre und partizipative Umsetzung von Utopien im Hier und Jetzt – Schwierigkeiten, Erfolge und Diffusion

Gastgeber/innen: Ronja Bader und Moritz Heumer

von Jana Lingrün

Ronja und Moritz stellen ihr Festivalkonzept vor. Die Idee: Ein Festival ohne Strukturen und feste Ordnungen, das heißt immer wechselnde Ansprechpartner, keine Dauerschuldverhältnisse, wie Lagerräume und Getränke auf Kommission. Es gibt keine längerfristigen Verpflichtungen. Alle Anwesenden sind abstimmungsberechtigt und es gilt während der Veranstaltung ein Schichtbetrieb. Ausschlaggebend für die Idee war, dass sie mit der aktuellen Feiersituation sehr unzufrieden sind. Diese sei zu kommerzialisiert und habe festgefahrene Strukturen. Man möchte versuchen in einem geschützten Raum einen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. Inspiriert ist dieses Konzept u. a. von dem Festival „Fusion“.

Während des Thementisches zeigten sie schnell, dass sie mit ihrem Konzept auf Widerstände stoßen. Inzwischen sind sie ein eingetragener Verein, drei Personen sind Vorstandsvorsitzende, die rechtlich zur Verantwortung gezogen werden können. Im Vergleich dazu: es werden sehr viele Helferinnen und Helfer erwartet. Das beschreiben sie als Ungleichgewicht, aber nötig. Weiterhin ist der Zeitaufwand recht groß. Hierfür ist eine hohe Partizipationsbereitschaft der Teilnehmenden nötig, die dafür keine monetäre Entlohnung erhalten. Damit der Aufwand (Aufbau, Bestellung, Kommunikation, Künstlerengagement) vorher und nachher mehr in Relation zur Durchführung steht, plant man mehrtägige Festivals. Dies führt allerdings wieder vermehrt zu Aufwand, der wiederrum nicht entlohnt ist.

Die Stimmung auf solchen Veranstaltungen steigt und fällt mit der Stimmung der anwesenden Besucher. Je mehr Besucher kommen, desto größer ist die Gefahr, dass Leute teilnehmen, die eben nicht zu friedlich Feiernden gehören. Es wird komplett auf Werbung über soziale Medien verzichtet, dies führt einerseits dazu, dass nur die „passenden“ Leute kommen, andererseits auch dazu, dass weniger Menschen kommen. Man hofft einfach, dass niemand die Veranstaltung stört. Dennoch ist ein Versicherungsschutz zwingend nötig. Auch hier zeigt sich, dass lockere Strukturen nur bedingt umsetzbar sind. Sobald es Strukturen bekommt, muss man Strukturen schaffen. Der Grundgedanke ist, dass die Strukturen flexibel bleiben, aber sie sollen nicht zu Dogmen werden. Das Wachstum steht aber den flexiblen Strukturen im Konflikt. Das scheint die große Aufgabe zu bleiben.

Auf Hierarchien wird weitestgehend verzichtet, es gibt aber die sogenannte „Hierarchien der Expertise". Das bedeutet, dass Aufgaben nach Kompetenz verteilt werden. Weiterhin gilt „Machen“ als Bewältigung von Problemen.

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