Eltern

Wie profitiert Ihr Kind durch NETWASS ?

Inhaltsverzeichnis

1. Gewaltvorfälle an Schulen

2. Gewaltandrohungen

3. Das Projekt NETWASS

4. Ziele des Projektes NETWASS

5. Unterstützung des Schulpersonals im Rahmen des NETWASS-Projektes

6. Schülerbefragung im Rahmen des NETWASS-Projektes

7. Was Sie als Eltern tun können

8. Definitionen

9. Weiterführende Literatur für interessierte Leser

 

 

 

1. Gewaltvorfälle an Schulen

 

Das Schulumfeld stellt einen zentralen Ort für die Entwicklung unserer Kinder dar. Es ist daher wichtig, dass Schule als ein sicherer Ort begriffen und gelebt wird, in dem sich unsere Kinder ungestört entwickeln und entfalten können.

 

Vorfälle wie das School Shooting von Erfurt im Jahre 2002 oder in Winnenden im Jahre 2009 haben aber das subjektive Sicherheitsgefühl in weiten Kreisen der Gesellschaft erheblich erschüttert und belasten insbesondere besorgte Eltern, Schüler und Lehrer. Auch wenn derart schwere Gewaltvorfälle an Schulen sehr selten vorkommen, verlieren sie in Hinblick auf ihre Zunahme in den letzten zehn Jahren nicht an Aktualität.

 

Vorfälle jüngster Zeit:

In Berlin kam es in jüngster Zeit in Folge eines „Amokalarms“ zu einem polizeilichen Großeinsatz: Am 11. und 12. Mai 2010 wurde ein polizeilicher Großeinsatz in Kreuzberg ausgelöst, nachdem von einzelnen Personen ein maskierter und bewaffneter Junge auf dem Schulgelände gesichtet wurde (Tagesspiegel, 11.5.2010; Morgenpost, 12.5.2010)

Dies ist nur ein Beispiel für derartige Ereignisse. Tatsächlich lassen sich deutschlandweit weitaus mehr solcher Vorfälle identifizieren. In Deutschland wurden seit 1999 zwölf Fälle von schwerer zielgerichteter Schulgewalt bekannt.

 

Auch wenn sich im Nachhinein herausstellte, dass sich der besagte Junge einen „Scherz“ erlaubt hatte, hatte dieser Vorfall doch weitreichende Folgen: Neben dem polizeilichen Großaufgebot und der nachhaltigen Störung des Lerngeschehens mussten Schüler, Eltern, Lehrer sowie weitere beteiligte Personen subjektiv eine akute Bedrohungssituation erleben, was oft mit Gefühlen wie Angst, Unsicherheit und großem Unbehagen verbunden ist. Nach einem solchen Vorfall fällt es schwer, Schule noch als einen sicheren und geschützten Ort zu erleben. Fragen wie „Ist mein Kind überhaupt sicher an seiner Schule?“ oder „Wie kann ich mein Kind nur vor solchen Vorfällen schützen?“ gehen vielen Eltern durch den Kopf.

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2. Gewaltandrohungen

 

Derart extreme Gewaltvorfälle an Schulen, wie es ein School Shooting darstellt, sind äußerst seltene Ereignisse. Vor dem Hintergrund der immensen Folgen schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen bleibt dennoch die Frage bestehen, wie man solche Taten rechtzeitig, vor allem aber auch frühzeitig verhindern kann. Bedenkt man, dass Schulen viel häufiger mit Androhungen solcher Taten konfrontiert sind, so erhält der Wunsch nach frühzeitiger Prävention eine besondere Bedeutung.

 

Beispiele für Gewaltankündigungen (Leaking)

Die Androhung solcher Taten wird in der Fachwissenschaft als Leaking (engl. für „leck(schlag)en“, „tröpfeln“) diskutiert. Leaking kann dabei als direkte Tatankündigung (z.B. in einem Chatroom: „Ich habe Lust, ein paar Leute an der Schule abzuknallen.“) erfolgen. Häufig wird Leaking jedoch eher indirekt weitergetragen, z.B. durch den exzessiven Konsum gewalthaltiger Medien, Schulversagen, wiederholt auffälliges Verhalten, Rache- oder Gewaltfantasien oder Zeichnungen in Schulheften. Bereits diese kleine Auswahl möglicher Leaking-Handlungen zeigt auf, welch große Spannweite Leaking annehmen kann.

 

 

Leaking und frühzeitige Prävention

Leaking ist somit ein wichtiger Aspekt bei der frühzeitigen Prävention schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen. Denn durch Leaking-Handlungen setzen Schüler Zeichen. Dabei kann Leaking als Hilferuf angesehen werden, mit dem manche Schüler bewusst, andere dagegen weniger bewusst versuchen, auf mögliche Probleme und Krisen aufmerksam zu machen. Die Spannweite verschiedener Ausprägungsmöglichkeiten von Leaking macht jedoch deutlich, dass eine Beurteilung sehr sorgfältig und gut begründet erfolgen muss, damit die Balance zwischen Handlungsnotwendigkeit und der Vermeidung unnötiger Stigmatisierungen eines Schülers gewahrt bleibt.

 

Bitte beachten Sie:

Nicht jeder Schüler, der durch Leaking auffällt, möchte oder wird eine schwere Gewalttat begehen! Ebenso kann es vorkommen, dass tatsächlich zu Gewalt geneigte Schüler vorher nicht durch Leaking auffallen! Des Weiteren sind Schulen häufig mit „falschen“ Gewaltandrohungen konfrontiert – hier wird zwar eine Drohung ausgesprochen, es liegt aber keine Handlungsabsicht zu Grunde.

 

Es wird deutlich, dass die Beurteilung von Leaking-Handlungen eine äußerst verantwortungsvolle und gleichzeitig sehr schwierige Aufgabe darstellt. Kein Schüler soll als „potentieller Schulamokläufer“ stigmatisiert werden! Dabei gilt es, die Wahrnehmung für Schüler mit Problemlagen und krisenhaften Entwicklungsverläufen zu schärfen und ihnen möglichst frühzeitig Unterstützung zukommen zu lassen. Auf diese Weise kann man Entwicklungsverläufen hin zur Gewalt deutlich früher entgegenwirken.

 

Dies stellt eine äußerst schwierige Angelegenheit dar. Aus diesem Grund unterstützen wir mit unserer Expertise im Rahmen des NETWASS-Projektes (Networks Against School Shootings) das Schulpersonal an der Schule ihres Kindes, damit Schule auch in Zukunft als ein sicherer Ort erlebt und gelebt wird!

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3. Das Projekt NETWASS

 

Das Projekt NETWASS stellt einen präventiven Ansatz der Früherkennung zur Verfügung, der weit im Vorfeld akuter Notsituationen ansetzt. Dies kann gelingen, indem bekannte Risikofaktoren und Hinweise auf eine krisenhafte Entwicklung frühzeitig in den verschiedenen sozialen Netzwerken (z.B. Gleichaltrige, Lehrer, Schulsozialarbeiter) identifiziert, verlässlich bewertet und adäquate, an den Bedürfnissen orientierte Interventionen abgeleitet werden.

 

Die frühzeitige Identifizierung bezieht sich dabei einerseits auf potentielle Täter, die ihre Tatabsichten im Vorfeld zu erkennen geben. Andererseits sollen auf diese Weise auch Schüler in psychosozialen Notlagen, die sich als zurückgewiesen erleben, psychische Auffälligkeiten erkennen lassen und beginnen, innerhalb ihres Schulumfeldes z.B. Rachefantasien zu entwickeln, durch das soziale Netzwerk besser erkannt werden, um ihnen ggf. geeignete Unterstützungsmaßnahmen zu ermöglichen.

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4.  Ziele des Projektes NETWASS

 

Im Projekt NETWASS möchten wir die schulische Expertise der Lehrer für die Prävention von
schwerer zielgerichteter Gewalt nutzen und durch die Vermittlung zusätzlichen Wissens über bekannte Risikofaktoren für schwere zielgerichtete Gewalt und Hinweise für eine krisenhafte Entwicklung stärken. Auf diese Weise möchten wir den teilnehmenden Schulen eine größere Handlungssicherheit bei der Bewertung von Androhungen schwerer zielgerichteter Gewalt geben, damit durch eine frühzeitige Reaktion Vorfälle schwerer Schulgewalt effektiv verhindert werden.
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5. Unterstützung des Schulpersonals im Rahmen des NETWASS-Projektes

 

Der Schwerpunkt des NETWASS-Projektes liegt in der Erarbeitung und Umsetzung verschiedenartiger Fortbildungsangebote für Lehrkräfte, Schulleitungen und weiteres Schulpersonal. Essentieller Bestandteil der Fortbildungsangebote durch NETWASS ist die Etablierung bzw. Stärkung eines sogenannten Krisenpräventionsteams. Hier werden gemeinsam zusammengetragene Informationen diskutiert, bewertet und das weitere Vorgehen besprochen. Auf diese Weise wird die Erfahrung und Expertise verschiedener Personen gebündelt, um eine geeignete und gute Lösung für alle Beteiligten zu finden. Darüber hinaus lassen sich so auch mögliche Falschklassifikationen vermeiden: Hinweise auf eine krisenhafte Entwicklung, die, wie so häufig bei Jugendlichen, im Sand verlaufen, werden eher als solche erkannt.

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6. Schülerbefragung im Rahmen des NETWASS-Projektes

 

Unsere Schulungen finden im Schuljahr 2010/2011 vorerst an ausgewählten Schulen in den drei Bundesländern Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg statt. Auch wenn sich das Schulungsangebot hauptsächlich an das pädagogische Personal der teilnehmenden Schulen richtet, möchten wir an ausgewählten Schulen eine Schülerbefragung durchführen. Die Teilnahme an der Schülerbefragung ist selbstverständlich anonym und freiwillig.

 

Ziele der Schülerbefragung:

Durch die anonyme Schülerbefragung möchten wir die Sichtweise Ihres Kindes bezüglich des vorherrschenden Schul- und Klassenklimas sowie seine Verhaltensweisen im Umgang mit Hinweisen auf Krisen und Probleme bei Mitschülern an der Schule kennen lernen. Hierbei handelt es sich um wichtige Einflussfaktoren, wenn es darum geht, herauszufinden, inwiefern Gleichaltrige Notsituationen bei Mitschülern erkennen und an Verantwortliche weitergeben. Dies ist sehr wichtig, da gerade Schüler Hinweise auf eine krisenhafte Entwicklung im Vorfeld wahrnehmen können. Ihr Kind hat durch seine Zugehörigkeit zur Schülerschaft ein umfangreiches Wissen über den Schulalltag sowie schulische Strukturen und kann dadurch einen sehr wertvollen Beitrag zur Optimierung unseres Schulungsangebotes leisten. Die Meinung Ihres Kindes ist uns sehr wichtig! Daher bitten wir Sie: Unterstützen Sie Ihr Kind bei der Schülerbefragung, indem Sie als Erziehungsberechtigte(r) Ihre Teilnahmeerlaubnis aussprechen.

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7. Was Sie als Eltern tun können

 

Sie als Eltern können ebenfalls aktiv an der Prävention schwerer zielgerichteter Schulgewalt mitwirken:

Es sind Ihre Kinder, die häufig als erstes Leaking-Handlungen wahrnehmen - sei es in der direkten Interaktion mit dem betreffenden Mitschüler oder über Chatrooms oder andere Kommunikationswege. Machen Sie daher Ihrem Kind klar, wie wichtig es ist, dass es sich an Sie oder einen Lehrer wendet, wenn es von beunruhigenden Verhaltensweisen eines oder mehrerer Mitschüler erfährt. Es handelt sich hierbei nicht um „Petzen“ oder „Verpfeifen“ eines Mitschülers! Ihr Kind muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn es mit Ihnen oder einem Lehrer darüber spricht!

 

Im Gegenteil: Durch das Mitteilen solcher Dinge trägt Ihr Kind aktiv zu einem besseren Schulklima und größerer Sicherheit an seiner Schule bei. Denn nur durch das Wissen über unangemessenes Verhalten kann auch frühzeitig und konsequent auf dieses reagiert werden. Schüler, die beunruhigende Verhaltensweisen zeigen, benötigen Hilfe und Unterstützung, damit sie sich in Zukunft unbeschwert weiterentwickeln können. Ihr Kind kann mit Ihrer Unterstützung dazu seinen ganz persönlichen Beitrag leisten. Deshalb bitten wie Sie: Hören Sie Ihrem Kind aufmerksam zu und achten Sie darauf, wie es sich in der Schule fühlt!

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8. Definitionen

 

Schwere zielgerichtete Gewalt:

Gezielte Angriffe eines (ehemaligen) Schülers auf ein oder mehrere mit der Schule assoziierte/s Opfer, bei denen der Schulkontext bewusst als Tatort gewählt wurde. Schwere zielgerichtete Schulgewalt ist von eher alltäglichen Erscheinungen von Gewalt und Aggression im Schulkontext wie Bullying, Prügeleien auf dem Schulhof oder Erpressung zu unterscheiden.

 

School Shootings:

Bei School Shootings „handelt es sich um zielgerichtete, bewaffnete Angriffe mit Tötungsabsicht auf Lehrer oder Mitschüler, bei denen entgegen dem etwas irreführenden Begriff nicht nur Schusswaffen zum Einsatz kommen können, sondern z.B. auch Klingenwaffen, stumpfe Gegenstände oder Bomben“. School Shootings stellen die schwerste Art zielgerichteter Schulgewalt dar.

Ausgenommen von der Definition sind Taten, die sich aus der Auseinandersetzung von Gruppen ergeben oder die unmittelbar aus einem Konflikt zwischen Einzelpersonen entstehen.

 

Amoklauf:

„Die intentionale und nach außen hin überraschende Tötung und/oder Verletzung mehrerer Personen bei einem Tatereignis ohne Abkühlungsperiode, wobei einzelne Tatsequenzen im öffentlichen Raum stattfinden“.

 

Leaking:

Leaking leitet sich vom englischen Wort „to leak“ (leck(schlag)en, durchsickern) ab und versinnbildlicht Tatankündigungen des potentiellen Täters, bei denen dieser seine Tatfantasien und –planungen „durchsickern“ lässt.

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9. Weiterführende Literatur für interessierte Leser

 

Bannenberg, B. (2010). Amok: Ursachen erkennen - Warnsignale verstehen - Katastrophen verhindern. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

Bondü, R., Meixner, S., Bull, H.D., Robertz, F.J. & Scheithauer, H. (2008). Schwere, ziel­gerichtete Schulgewalt: School Shootings und „Amokläufe“. In H. Scheithauer, T. Hayer & K. Niebank (Hrsg.): Problemverhalten und Gewalt im Jugendalter. Erscheinungsformen, Entstehungsbedingungen, Prävention und Intervention. Stuttgart: Kohlhammer-Verlag.

Bondü, R. & Scheithauer, H. (2009). School Shootings in Deutschland: Aktuelle Trends zur Prävention von schwerer, zielgerichteter Gewalt an deutschen Schulen. Praxis Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 58, 685-701.

Fein, R., Vossekuil, B., Pollack, W., Borum, R., Modzeleski, W. & Reddy, M. (2002). Threat assessment in schools: A guide to managing threatening situations and to creating safe school climates. U.S. Secret Service and U.S. Department of Education.

Heubrock, D., Hayer, T., Rusch, S. & Scheithauer, H. (2005). Prävention von schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen – Rechtspsychologische und kriminalpräventive Ansätze. Polizei & Wissenschaft, 1, 43-57.

Hoffmann, J. (2003). Amok - ein neuer Blick auf ein altes Phänomen. In C. Lorei (Hrsg.), Polizei und Psychologie. Kongressband der Tagung "Polizei & Psychologie" am 18/19. März 2003 in Frankfurt am Main (S. 397-414). Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft.

Leuschner, V. et al. (2011). Prevention of homicidal violence in schools in Germany: The Berlin Leaking-Project and the Networks Against School Shootings-Project (NETWASS). New Directions for Youth Development. Nr. 121, pp. 61-78.

Robertz, F.J. (2004). Über die Relevanz der Phantasie für die Begehung von Mehrfachtötungen durch Jugendliche. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft. 

Scheithauer, H., Bondü, R. (2011). Amoklauf und School Shooting: Bedeutung, Hintergründe und Prävention. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.

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